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12.12.2005 | Von:
Michael Konken

Medienmacht und Medienmissbrauch

Medien als strategisches PR-Ziel der Parteien

Die Parteien verfügen nicht mehr über die finanziellen Ressourcen, die sie noch in zurückliegenden Wahlkämpfen mehr als üppig einsetzten. Für Hochglanzbroschüren, prunkvolle Wahlkampfveranstaltungen, intensiven Straßenwahlkampf, Anzeigen und Zeitungsbeilagen fehlen zunehmend die finanziellen Mittel.

Noch in den siebziger Jahren versorgte die SPD flächendeckend die Wahlbürger an den vier Sonntagen vor der Bundestagswahl mit der "Zeitung am Sonntag" (ZAS), um bundespolitische und lokale Themen mit einem möglichst hohen redaktionellen Anspruch aufzugreifen. Der Einsatz derartiger Instrumente ist heute nicht mehr möglich. Nach und nach verschob sich die Öffentlichkeitsarbeit der Parteien auf den Versuch der Einflussnahme auf redaktionelle Berichterstattungen. Nicht ohne Grund wurden bekannte Medienberater engagiert, die früher selbst in leitenden Funktionen in den Medien tätig waren. Es wurde mehr oder minder erfolgreich versucht, Wahlkämpfe über die Medien zu inszenieren. Mittlerweile ist der tägliche Pressespiegel zum wichtigsten Stimmungsbarometer der Parteien geworden, besonders vor Wahlen. Parteistrategen legen mehr denn je Wert auf eine parteifreundliche Berichterstattung. Die Parteien-PR hat heute einen großen Stellenwert im Wahlkampf.

Immer beliebter sind auch Talkshows der Marke "leichte Unterhaltung". Sie sind bevorzugte Bühnen für Politiker. Homestorys und nette Geschichten aus ihrem Leben lassen ihre Sympathiewerte steigen. Unsinnige Umfragen und Politikerrankings wurden zum Marktwert für Einladungen in Talkshows, wenn nicht schon eigene PR-Berater oder Agenturen diesen Weg durch direkte Kontakte sicherten. Klares Ziel für PR-Berater ist es, alle Spielarten anzuwenden, um Politiker vorteilhaft darzustellen. Mehr noch, sie führen einen Kampf gegen die Medien und wollen ihn nicht nur mit seriösen Mitteln gewinnen. Dabei beobachten und analysieren sie den Journalismus, begleiten ihn und wollen ihn nach Möglichkeit kontrollieren.

Es macht sehr nachdenklich, wenn immer dieselben Politiker, etwa der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident und heutige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, regelmäßig und in kurzen Abständen in der ARD-Talkshow Sabine Christiansen auftreten. Sind dies Auftrittsstrategien, die professionell gesteuert werden? ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann sagte in der "Berliner Zeitung", dass die Wahlkampfstrategen bewusst auf das Fernsehen gesetzt hätten, weil sie in diesem kurzen Wahlkampf so die meisten Menschen hätten erreichen können[3].

Der Grund liegt auf der Hand: Eine Präsenz in den Medien ist um ein vielfaches kostengünstiger und effizienter, da hohe Auflagen und ein Millionenpublikum gute Multiplikatoren in der beabsichtigen Selbstdarstellung sind. Die primäre Zielrichtung wurde immer mehr die leichte Unterhaltung. Talkshows bieten hierfür die passende Bühne. Eine politische Orientierung erhielten die Wahlbürger nur in den seltensten Fällen. Im Gegensatz dazu stehen Sendungen, die mit zielgerichteten Fragen zur politischen Meinungsfindung beitragen können. Die WDR-Sendung Hart aber fair mit Frank Plasberg ist ein positives Beispiel. Er betont immer wieder, dass er Distanz zu Politikern hält - ein wichtiger Grundsatz, um ihnen unbefangen gegenübertreten zu können.

Nur in faktisch nachvollziehbaren, kritischen Auseinandersetzungen kann politische Mitverantwortung wachsen. Doch leider hat die ARD die Sendezeiten politischer Magazine verkürzt und so den investigativen und kritischen Journalismus beschnitten. Wähler, die angesichts einer immer geschickteren PR über Wahlinhalte im Unklaren gelassen werden, benötigen die Vermittlung der Medien mehr denn je. Sie müssen den Wählern helfen, die unterschiedlichen Positionen der Parteien zu verstehen und Ziele zu erkennen, damit diese begreifen, welche Auswirkungen bestimmte Programmpunkte für sie persönlich und für den Staat voraussichtlich haben werden.

Politiker suchen die Medien nicht um der Politik willen. Sie suchen die Medien, um Wahlen zu gewinnen. Der Journalist, der Fragen stellt, auch unangenehme, ist gefragt. Soziologisch betrachtet, spielen die Medien im Verhältnis Mensch, Medien und Macht eine dominante Rolle, die nicht dafür missbraucht werden darf, um Medienkanzler/innen aufzubauen oder fallen zu lassen. In dieser Beziehung wurden Politiker in den vergangenen Jahren derartig medial verwöhnt, dass sie bei kritischen Berichten inzwischen ungehalten reagieren, wie es das Beispiel Schröder zeigt.

Neben der faktischen, nachrichtlichen Berichterstattung sind persuasive Genres gefragt, welche die Meinung des Journalisten darstellen und Denkanstöße geben. Diese Basis verlässt ein Journalist jedoch, wenn er als Gast in Talkshows auftritt und dort vehement seine eigene politische Meinung vertritt. Ein negatives Beispiel im zurückliegenden Bundestagswahlkampf war die Rolle von Hans-Ulrich Jörges vom "Stern". Hans Leyendecker nannte ihn in der "Leipziger Volkszeitung" wegen seiner vielen Talkshowauftritte einen "rasenden Überzeugungstäter" und "Talk-Show-Hopper"[4]. Jörges setzte sich im vergangenen Bundestagswahlkampf immer wieder für einen Wechsel zu Schwarz-Gelb ein. Sehr schnell können so agierende Journalisten zu einflussreichen Meinungsträgern werden.


Fußnoten

3.
Vgl. Ralf Mielke, 200 Minuten nur für Schröder, in: Berliner Zeitung vom 21. 9. 2005.
4.
Maja Zehrt, Journalisten im Nahkampf, in: Leipziger Volkszeitung vom 5. 10. 2005.