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12.12.2005 | Von:
Michael Konken

Medienmacht und Medienmissbrauch

Bedenkliche Formen der Wahlberichterstattung

Wie bei jeder der bisherigen Bundestagswahlen gab es auch diesmal bedenkliche Formen der Berichterstattung. Neben den Boulevardmedien standen auch andere Medien im Mittelpunkt der Kritik. Die Berichte in der Boulevardpresse erfüllen regelmäßig den Erwartungshorizont der öffentlichen Meinung. Die zeitweise negative Tendenz der Berichterstattung über Gerhard Schröder folgte dem Trend der öffentlichen Meinung. Inwiefern anspruchsvolle und renommiertere Medien diesen Trend als Leitlinie sahen, kann nicht nachgewiesen werden. Fest steht jedoch, dass die "Bild"-Zeitung als Leitmedium eine mediale Führungsaufgabe übernommen hat. Die Orientierung an der Berichterstattung der "Bild" durch "seriösere" Medien ist eher als Gefahr der Einflussnahme in Wahlzeiten zu werten.

Der Spitzenkandidat der Grünen, Joschka Fischer, machte in der "Frankfurter Rundschau" seiner Verärgerung darüber Luft: "Ein paar Figuren, die sich Gedanken machen müssen: der Schreiber, in dem ein verhinderter Politiker steckt; der Journalist, der nicht mehr Politiker interviewt, sondern sich von anderen Journalisten interviewen lässt; der Presse-Karrierist, dem zu Kopf gestiegen ist, dass er schon in jungen Jahren eine Führungsposition erklommen hat."[10]

SPD-unfreundliche Überschriften wie "Entscheiden Türken die Wahl?" (Bild) oder "Hier sitzt bald Frau Merkel" (Süddeutsche Zeitung), "Raus hier, aber dalli dalli" (taz), "Lügt Eichel?" (Bild), "Tschüss, Herr Schröder" (Focus), "Danke, Gerhard Schröder" (Spiegel), "Die fetten Jahre sind vorbei" (taz, über einem Foto von Joschka Fischer), "Joschka zu fett für den Wahlkampf" (Bild), "Rot-Grün zu dumm zum Selbstmord" (Bild am Sonntag), oder "Es reicht, Gerhard Schröder" (Financial Times Deutschland) sind kritisch zu werten, da sie journalistische Objektivität vermissen lassen. Es gab jedoch auch ähnlich kritische Titelschlagzeilen über Angela Merkel, zum Beispiel: "Wie weiblich wird die Republik?" (Cicero), oder aber der Bericht über die ungeprüften Steuerberechnungen im "Spiegel" zu den Zahlen von Paul Kirchhof, die sich später als falsch erwiesen.

In seinem Medienwahlkampf wollte Gerhard Schröder die ihm nahe stehenden Journalisten zu Verbündeten machen, auf ihre Berichterstattung einen möglichen Wahlsieg aufbauen. Dabei übersah er die tatsächliche Stimmung in der Bevölkerung. In dieser Erwartung war es für den Kanzler völlig unverständlich, nicht mehr von den Medien unterstützt zu werden. Seine Erwartungshaltung hatte diesen Aspekt grundlegend falsch in die Bewertungen eines Wahlkampfes eingebaut. Nach dem Frust des Wahlergebnisses musste er die Medien für seine Niederlage verantwortlich machen.


Fußnoten

10.
Ebd.