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12.12.2005 | Von:
Harald Schoen
Jürgen W. Falter

Die Linkspartei und ihre Wähler

Das Abschneiden der Linkspartei

Am Wahltag passierte die Linkspartei mit bundesweit 8,7 Prozent souverän die Fünfprozenthürde und avancierte zur viertstärksten Partei. In den neuen Bundesländern kam sie auf 25,3 Prozent und erzielte damit ihr bisher bestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl. In den alten Ländern stieg der Stimmenanteil der Linkspartei im Vergleich zum PDS-Resultat bei der Wahl 2002 auf mehr als das Vierfache und lag mit 4,9 Prozent nur ganz knapp unter der Fünfprozentmarke. In zahlreichen Bundesländern überwand sie diese sogar, nicht zuletzt im Saarland, wo sie auf über 18 Prozent der Zweitstimmen kam. Unter der Fünfprozentmarke blieb sie in den vier Flächenländern Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Im Vergleich zu früheren Bundestagswahlen ist der Linkspartei folglich eine erhebliche Verbesserung gelungen, die sich als wichtiger Schritt zu einer künftigen flächendeckenden parlamentarischen Präsenz erweisen könnte.

Eine feinere Aufschlüsselung der Wahlergebnisse nach Wahlkreisen erlaubt es, die sozialgeografischen Bedingungen der Wahl der Linkspartei zu untersuchen. Berechnet man den Zusammenhang zwischen den Wahlergebnissen 2002 und 2005, wird deutlich, dass die Linkspartei generell in Regionen, wo sie 2002 gute Ergebnisse erzielte, auch 2005 überdurchschnittlich gut abschnitt (vgl. Tabelle 1 der PDF-Version).[6] Allerdings ist der Zusammenhang merklich schwächer als bei vorangegangenen Wahlen. Der Linkspartei scheint es 2005 mithin besser als früher gelungen zu sein, auch außerhalb ihrer bisherigen Hochburgen Wähler zu gewinnen.

Die Wahlerfolge der Linkspartei hängen deutlich mit dem Ergebnis der anderen Parteien zusammen. In beiden Landesteilen schnitt die Linkspartei 2005 in Gegenden mit hohen Stimmenanteilen von Union und FDP eher schlecht ab. Allerdings hat sich dieses Profil in dieser Deutlichkeit in Westdeutschland erst bei der Wahl 2005 herausgebildet. Dagegen ist die 1998 noch in Ost und West deutlich positive Beziehung zwischen den Erfolgen von PDS und Grünen 2005 praktisch verschwunden. Beide Parteien scheinen also zunächst um ähnliche Regionen konkurriert zu haben, doch hat sich dieses Konkurrenzverhältnis 2005 offenbar aufgelöst. Gerade umgekehrt hat sich der Zusammenhang zwischen SPD- und PDS-Erfolgen entwickelt, was dazu führte, dass 2005 die Linkspartei in Wahlkreisen mit hohen SPD-Anteilen besonders gut abschnitt. Was die sozialgeografischen Bedingungen angeht, scheinen Linkspartei und SPD zu Konkurrenten um ähnlich strukturierte Regionen geworden zu sein.

Bei der Wahl 2005 stieg der Stimmenanteil der Linkspartei in Ost und West mit der Urbanität eines Wahlkreises. So begünstigen eine hohe Bevölkerungsdichte, ein hoher Ausländeranteil, wenige Beschäftigte in der Landwirtschaft und viele Beschäftigte im Dienstleistungsgewerbe einen hohen Anteil der Linkspartei. Allerdings hat die klare sozialstrukturelle Profilierung der Wahlerfolge der Linkspartei im Vergleich zur Wahl 2002 in beiden Landesteilen erkennbar nachgelassen. In den neuen Ländern scheinen sich 2005 sogar relativ stabile, über die Wahlen 1994,[7] 1998 und 2002 hinweg beobachtbare Zusammenhänge abgeschwächt zu haben. Die Linkspartei ist demnach 2005 stärker als vorher in weniger stark urbanisierte Gebiete vorgedrungen.

In den alten Ländern schnitt die Linkspartei 2005 umso besser ab, je höher in einem Wahlkreis die Arbeitslosenrate lag. Angesichts der Programmatik der Linkspartei erscheint dieser Befund wenig erstaunlich, doch darf er nicht zu dem Fehlschluss verleiten, dass bevorzugt Arbeitslose die Linkspartei gewählt hätten. In den neuen Ländern hängt der Erfolg der Linkspartei 2005 so gut wie gar nicht mit der Arbeitslosenrate zusammen. Darin zeichnet sich eine deutliche Veränderung ab, stieg doch bei früheren Wahlen der PDS-Anteil mit abnehmender Arbeitslosenrate. Dieser Wandel ist damit zu erklären, dass in Ostdeutschland hohe Arbeitslosigkeit im Durchschnitt eher auf dem Land auftritt und die Linkspartei 2005 stärker in ländliche Regionen vordrang. Insgesamt scheint die Linkspartei 2005 verstärkt außerhalb der Regionen Zuwächse erzielt zu haben, deren Sozialprofil die PDS traditionell begünstigt hat.


Fußnoten

6.
Der Zusammenhang wird mit dem Pearsonschen Korrelationskoeffizienten gemessen. Dieser Koeffizient kann zwischen -1 und + 1 variieren. Ein Wert von 0 bedeutet, dass zwischen zwei Merkmalen, etwa der Arbeitslosenrate und dem Anteil der Linkspartei, kein statistischer Zusammenhang besteht. Je weiter von 0 entfernt der Koeffizient ist, umso stärker ist der Zusammenhang. Werte größer als 0 zeigen einen positiven Zusammenhang an, d.h. der Anteil der Linkspartei in einem Wahlkreis fällt umso höher aus, je höher die Arbeitslosenrate ist. Korrelationskoeffizienten kleiner als 0 stehen für negative Zusammenhänge, d.h. je höher die Arbeitslosenrate liegt, umso schwächer schneidet die Linkspartei im Durchschnitt ab.
7.
Vgl. Jürgen W. Falter/Markus Klein, Die Wähler der PDS bei der Bundestagswahl 1994. Zwischen Ideologie, Nostalgie und Protest, in: APuZ, (1994) 51 - 52, S. 23. Die Autoren berichten für die Wahl 1994 deutliche Zusammenhänge zwischen Urbanitätsindikatoren und dem PDS-Anteil.