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12.12.2005 | Von:
Harald Schoen
Jürgen W. Falter

Die Linkspartei und ihre Wähler

Die Wähler der Linkspartei

Das veränderte sozialgeografische Profil des Erfolgs der Linkspartei legt die Vermutung nahe, dass sich auch die Zusammensetzung der Linkspartei-Wählerschaft gegenüber früheren Wahlen gewandelt hat. Um diese Vermutung zu prüfen, ist es unerlässlich, mit Hilfe von Meinungsumfragen Orientierungen und Verhalten einzelner Personengruppen zu untersuchen.

Von den Linkspartei-Wählerinnen und Wählern des Jahres 2005 hatten laut Infratest dimap nur rund ein Drittel bereits 2002 für die PDS gestimmt.[8] Dieser gesamtdeutsche Wert liegt merklich niedriger als bei SPD, Union, Grünen und selbst noch bei der FDP, für die zwischen 40 Prozent und über 70 Prozent Wiederwähler ausgewiesen werden. Die Linkspartei war also besonders erfolgreich bei dem Versuch, ehemalige Nichtwähler und Wähler anderer Parteien für sich zu gewinnen. Da es ihr in den alten Ländern gelang, ihren Stimmenanteil fast zu verfünffachen, während er in den neuen Ländern "nur" auf das Anderthalbfache anwuchs, kann es nicht erstaunen, dass in den alten Bundesländern weniger als 20 Prozent der Linksparteiwähler schon 2002 für die PDS votiert hatten, in den neuen hingegen war es rund die Hälfte. Unter den Wählern der Linkspartei finden sich also relativ wenige Stammwähler, in den alten Ländern ist es sogar nur ein Bruchteil (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version).

Dieses Muster weist auf eine generell niedrigere Stabilität der westdeutschen Unterstützung für die Linkspartei hin. Dafür spricht auch die Tatsache, dass in Ostdeutschland rund 75 Prozent der PDS-Wähler von 2002 auch 2005 für die Linkspartei votierten, in den alten aber weniger als 60 Prozent.[9] In die gleiche Richtung weisen Befunde, die zeigen, dass sich in Ostdeutschland 55 Prozent der Linkspartei-Wähler erst am Wahltag selbst oder in den letzten Tagen und Wochen vor der Wahl entschieden, in den alten Ländern dagegen 67 Prozent. Das umgekehrte Ost-West-Muster finden wir hier wie bei den vorher betrachteten Merkmalen bei den Wählern von SPD, Union, Grünen und FDP.[10] Während also bei den Parteien westdeutschen Ursprungs die Wahlentscheidung in den alten Bundesländern stabiler ist und länger vor dem Wahltag feststeht, gilt für die ostdeutsche PDS, die das Erbe der DDR-Staatspartei antrat, das Gegenteil. Ostdeutsche scheinen also nicht "von Natur aus" weniger parteitreu zu sein und spontaner zu entscheiden als Westdeutsche, vielmehr dürften Erfahrungen mit und Loyalitäten zu den Parteien eine Rolle spielen: Mit der Linkspartei und deren Vorgängerinnen konnten Ostdeutsche wesentlich länger Erfahrungen sammeln und daher Bindungen zu ihnen aufbauen als mit den westdeutschen Parteien, während für Westdeutsche das Umgekehrte gilt.

Aus welchen Quellen speiste sich 2005 der Stimmenzuwachs der Linkspartei? Die neuen Linkspartei-Wähler stammen in den neuen Ländern hauptsächlich aus den Reihen ehemaliger SPD-Wähler; rund ein Viertel der Linkswähler von 2005 hatten 2002 dort für die SPD votiert (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version). Gut zehn Prozent der Stimmen stammen von ehemaligen Nichtwählern, noch kleiner sind die Anteile ehemaliger Wähler anderer Parteien. In den alten Bundesländern tragen ehemalige Unions-, Grünen- und Nichtwähler zu je gut zehn Prozent zum Wahlergebnis der Linkspartei bei. Die größte Gruppe der Linkspartei-Wählerschaft 2005 bilden jedoch wie in den neuen Ländern die ehemaligen SPD-Wähler. Mit etwa 40 Prozent übertreffen sie sogar die PDS-Wähler des Jahres 2002 bei weitem. Nimmt man die parteipolitische Herkunft ihrer Wählerschaft zum Maßstab, erscheint die Linkspartei in den alten Ländern - überspitzt formuliert - wie eine Ausgründung der SPD, was mit der Entstehungsgeschichte der WASG und deren Selbstverständnis als Bewahrerin "echter" sozialdemokratischer Politik durchaus in Einklang steht.

Der Stimmenzuwachs der Linkspartei ist mit einem Wandel des Sozialprofils ihrer Wählerschaft einhergegangen. Über mehrere Wahlen hinweg war die PDS von Menschen mit hoher formaler Bildung, Beamten, Angestellten und Arbeitslosen bevorzugt gewählt worden, wobei es sich häufig um ehemals Privilegierte des DDR-Systems gehandelt hatte.[11] Arbeiter und Personen mit niedriger formaler Bildung, die als gleichsam natürliche Wähler einer traditionellen Linkspartei erscheinen könnten, zeigten sich dagegen der PDS gegenüber relativ reserviert. Das änderte sich 2005. Nun stimmten Menschen mit formal niedriger Bildung, Arbeitslose und Arbeiter überdurchschnittlich häufig für die Linkspartei (vgl. Abbildungen 2 und 3 der PDF-Version). Der Linkspartei.PDS ist es also 2005 gelungen, verstärkt in soziale Gruppen vorzudringen, die ihr vorher eher fern gestanden hatten. Gemessen an ihrer Attraktivität in verschiedenen sozialen Gruppen, hat sie sich - überspitzt formuliert - von einer Elitenpartei in Richtung einer Unterschichtpartei entwickelt.

Beschreibungen von Wählerwanderungen und -struktur legen Vermutungen über die Gründe für die Wahlentscheidung zugunsten der Linkspartei nahe, können darüber aber keinen verlässlichen Aufschluss geben. Um die Motive der Wahlentscheidung zu untersuchen, greifen wir auf Umfragedaten aus dem DeutschlandTREND von Infratest dimap zurück.[12] Wie Tabelle 2 der PDF-Version zu entnehmen ist, schreibt nur ein Bruchteil der westdeutschen Wahlberechtigten der Linkspartei auf zentralen Politikfeldern, die im Wahlkampf diskutiert wurden, die Lösungskompetenz zu. Aber immerhin ein knappes Zehntel der Westdeutschen sieht die Linkspartei als Wahrerin sozialer Gerechtigkeit. In den neuen Ländern wird der Linkspartei generell mehr zugetraut, am meisten jedoch auch hier mit weitem Abstand auf dem Gebiet der sozialen Gerechtigkeit. Die Kompetenzzuweisungen hängen deutlich mit dem Wahlverhalten zusammen. Personen, die auf einem Politikfeld einer anderen Partei die Lösungskompetenz zuschreiben, entscheiden sich nur selten für die Linkspartei. Sehen Wahlberechtigte bei keiner Partei die Lösungskompetenz, votieren sie merklich häufiger für die Linkspartei. Die kleine Gruppe derjenigen schließlich, die ihr auf einem Gebiet die Lösung zutraut, entscheidet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit für die Linkspartei. Diese Zusammenhänge gelten in West- und Ostdeutschland in ähnlichem Maße. Allerdings sind Ostdeutsche, die der Linkspartei auf einem Gebiet nicht die Lösungskompetenz zuschreiben, eher als Westdeutsche bereit, für diese zu stimmen.

Das Angebot der Linkspartei umfasste neben der programmatischen eine personelle Komponente. Wie Tabelle 3 der PDF-Version zeigt, sind rund 20 Prozent der befragten Westdeutschen mit Oskar Lafontaine und Gregor Gysi zufrieden. Ein Drittel der Ostdeutschen zeigt sich mit Lafontaine einverstanden, sogar über die Hälfte mit Gysi. Die Einstellung zu den beiden Spitzenkandidaten hängt deutlich mit der Wahlentscheidung zusammen. In beiden Landesteilen entscheiden sich Personen, die mit Gysi oder Lafontaine unzufrieden sind, nur selten für die Linkspartei. Dagegen findet sie erheblichen Zuspruch bei Personen, die auch die Spitzenpolitiker der Linkspartei positiv bewerten.

Einstellungen zu politischen Themen und zu Politikern wirken nicht isoliert voneinander auf das Wahlverhalten, vielmehr resultiert die Stimmabgabe aus einem komplexen Zusammenspiel zahlreicher Orientierungen. Um die Wirkung einzelner Einflussfaktoren darin zu ermitteln, sind daher anspruchsvollere Analyseverfahren als die bislang gewählte Gegenüberstellung von je zwei Merkmalen erforderlich. Diese Analysen, die wir aus Platz- und Verständnisgründen nicht im Detail dokumentieren können, zeigen, dass in Ost- und Westdeutschland zwei Faktoren die Entscheidung für die Linkspartei besonders stark beeinflussen. Erheblich ins Gewicht fällt zum einen die Wahrnehmung, die Linkspartei sei fähig, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Dieser Faktor darf gerade deshalb nicht unterschätzt werden, weil Gerechtigkeitsvorstellungen diverse Politikfelder berühren. Übereinstimmung mit der Linkspartei in Gerechtigkeitsfragen dürfte daher beispielsweise dazu beitragen, dass ihr eine Person auch in der Steuer-, Renten- und Arbeitsmarktpolitik relativ nahe steht. Zum anderen lässt eine positive Einstellung zu Oskar Lafontaine ein Votum für die Linkspartei deutlich wahrscheinlicher werden, wobei dieser Effekt in den alten Ländern erheblich stärker ausgeprägt ist als in den neuen. Positive Bewertungen Gregor Gysis begünstigen ebenfalls die Linkspartei-Wahl, allerdings büßt diese Wirkung - anders als im Falle Lafontaines - erheblich an Stärke ein, sobald die Gerechtigkeitskompetenz statistisch kontrolliert wird. Lafontaine trägt somit stärker als Person zum Wahlerfolg der Linkspartei bei, Gysi dagegen eher, indem er bestimmte Themenkompetenzen und Gerechtigkeitsvorstellungen repräsentiert.[13] Gysi liefert somit ein Beispiel dafür, dass Programme und Positionen an Durchschlagskraft gewinnen, wenn sie von Personen überzeugend vertreten werden. Zugleich unterstreicht dieses Ergebnis noch einmal die herausragende Rolle der sozialen Gerechtigkeit für die Wahl der Linkspartei.[14]

Die Befunde zu den Wahlmotiven legen die Interpretation nahe, dass viele Personen 2005 deshalb zur Linkspartei.PDS wechselten, weil sie deren Personalangebot attraktiv fanden oder ihre Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit am ehesten von der Linkspartei vertreten sahen. Diese plausible Vermutung kann mit den vorliegenden Daten jedoch nicht überprüft werden; dies muss künftigen Untersuchungen überlassen bleiben, die auf Daten aus Wiederholungsbefragungen zurückgreifen können. Unsere Analysen, die nur eine begrenzte Zahl potenzieller Einflussfaktoren berücksichtigen konnten, erlauben aber die Folgerung, dass Einstellungen zum Programm- und Personalangebot der Linkspartei die Wahlentscheidung für diese erheblich begünstigt haben.


Fußnoten

8.
Die im Text genannten Prozentangaben zur Stabilität des Wahlverhaltens wurden auf der Basis von Infratest dimap, Wahlreport Bundestagswahl 18. September 2005, Berlin 2005, S. 33 - 50 berechnet. Infratest dimap verwendet die Rückerinnerungsmethode zur Messung der Stabilität des Wahlverhaltens, d.h. es wurden am 18. September 2005 Personen befragt, wie sie soeben gewählt haben und wie sie sich 2002 entschieden hatten. Da sich einige Befragte nicht mehr erinnern können, für wen sie bei der eine Legislaturperiode zurückliegenden Wahl gestimmt haben, und statt der damals gewählten Partei diejenige nennen, die sie heute gewählt haben, führt diese Methode in der Regel zu einer Unterschätzung der Wechselaktivität, die über Teilgruppen hinweg relativ stabil zu sein scheint. Vgl. dazu Harald Schoen, Wechselwahl, in: Jürgen W. Falter/ders. (Hrsg.), Handbuch Wahlforschung, Wiesbaden 2005, S. 368 - 375.
9.
Eigene Berechnungen auf der Basis von Infratest dimap (Anm. 9), S. 33 - 50.
10.
Vgl. ebd., S. 67.
11.
Vgl. etwa J. W. Falter/M. Klein (Anm. 7), S. 25 - 26. Für Westdeutschland ergeben sich 1994 bis 2002 ähnliche Zusammenhänge wie in Ostdeutschland. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wurde jedoch auf die grafische Darstellung dieser Ergebnisse verzichtet.
12.
Wir möchten Richard Hilmer von Infratest dimap herzlich für die unbürokratische Überlassung des Datensatzes des DeutschlandTREND, der am 29. und 30. August 2005 erhoben wurde, danken.
13.
Lafontaine könnte auch Kompetenzen oder Positionen der Linkspartei repräsentieren, zu denen in dem uns vorliegenden Datensatz keine Informationen enthalten sind.
14.
In den weiterführenden Analysen erwiesen sich ohne Kontrolle der Gerechtigkeitskompetenz auch andere Kompetenzfragen als einflussreich, doch büßten diese unter Kontrolle der Gerechtigkeitsfrage weitgehend an Wirkung ein. Eine Ausnahme bilden etwa in Westdeutschland Einstellungen zur Steuerpolitik. Mangels geeigneter Indikatoren konnten wir in unseren Analysen langfristige Parteibindungen nicht als Einflussgrößen berücksichtigen. Da Parteibindungen Einstellungen zu politischen Themen und Politikern gleichsam färben und die Wahlentscheidung beeinflussen, führt dies zu einer Überschätzung der Wirkung dieser Einstellungen auf die Stimmabgabe. Allerdings dürften die Effekte im vorliegenden Fall eines erheblichen Stimmenzuwachses weniger überschätzt werden als in anderen denkbaren Fällen. Vgl. Harald Schoen/Cornelia Weins, Der sozialpsychologische Ansatz zur Erklärung von Wahlverhalten, in: J. W. Falter/H. Schoen (Anm. 8), S. 187 - 242.