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12.12.2005 | Von:
Harald Schoen
Jürgen W. Falter

Die Linkspartei und ihre Wähler

Schlussbemerkungen

Die Linkspartei hat bei der Bundestagswahl 2005 das beste Ergebnis ihrer Geschichte erzielt. In den neuen Ländern hat sie sich als drittstärkste Kraft gefestigt, ja sie hätte sogar beinahe die CDU von der zweiten Positon verdrängt. In den alten Ländern konnte sie den Status einer vernachlässigenswerten Splitterpartei hinter sich lassen und überwand beinahe die Fünfprozentmarke. Zu diesem Erfolg trug wesentlich der Umstand bei, dass sie in Regionen und Wählerschichten vordringen konnte, in denen sie vorher auf nur spärliche Resonanz gestoßen war. Ihr ist es gelungen, für Menschen mit formal niedriger Bildung, für Arbeiter und - noch stärker als früher - Arbeitslose attraktiv zu werden und auf diese Weise vor allem der SPD Wählerinnen und Wähler abzujagen. Wesentlich zu ihrem Erfolg dürften ihr als attraktiv empfundenes Personalangebot und die ihr zugeschriebene Kompetenz, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen, beigetragen haben.

Diese Erklärung legt den Schluss nahe, dass die Linkspartei bei der nächsten Wahl nicht selbstverständlich mit einer Wiederholung ihres Erfolges rechnen kann. Denn Themenkonjunkturen können sich ändern, Spitzenpolitiker können rasch von der politischen Bühne abtreten, und Menschen, die 2005 wegen aktueller Ereignisse für die Linkspartei votiert haben, können sich bei der nächsten Wahl, erneut kurzfristig motiviert, einer anderen Partei zuwenden. Grundsätzlich kann auf den Höhenflug also durchaus wieder ein Absturz folgen. Das gilt in den alten Ländern in noch höherem Maße als in den neuen, wo ihr Wählerstamm momentan durchaus ein zweistelliges Ergebnis der Linkspartei garantieren kann.

Allerdings scheinen die Themen, die der Linkspartei 2005 genützt haben, auf absehbare Zeit eine vordere Position auf der politischen Tagesordnung einzunehmen. Beispielsweise dürften Veränderungen in den Sozialsystemen, die Gerechtigkeitsfragen berühren, unausweichlich sein. Auch ist anzunehmen, dass die von der Linkspartei favorisierten Gerechtigkeitsvorstellungen, die auf egalitäre Verteilungsgerechtigkeit abzielen, in der Bevölkerung in überschaubaren Zeiträumen nicht dramatisch an Unterstützung verlieren werden. Inwieweit die Linkspartei daraus Profit schlagen kann, hängt allerdings nicht nur von ihr, sondern unter anderem auch vom Verhalten der anderen Parteien ab. Diese könnten in ihrer politischen Rhetorik und in ihrem politischen Handeln stärker auf soziale Gerechtigkeitsaspekte achten, um Wähler zurückzugewinnen und weitere Abwanderungen zu vermeiden. Gerade die SPD als diejenige Partei, die besonders viele Wähler an die Linkspartei verloren hat, könnte solche Reaktionen erwägen. Allerdings sprechen auch ernstzunehmende Argumente dagegen. Für welche Option sich die politischen Akteure entscheiden, ist gerade nach den Ereignissen seit dem 18. September 2005 nicht gewiss. Daher dürfte auch künftig kein Mangel an Spekulationen über das weitere Schicksal der Linkspartei herrschen.