Von Gerhard Richter gestaltetes Kirchenfenster im Kölner Dom

22.2.2019 | Von:
Aladin El-Mafaalani

Alle an einem Tisch. Identitätspolitik und die paradoxen Verhältnisse zwischen Teilhabe und Diskriminierung - Essay

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich in Deutschland die Lebensverhältnisse von Menschen mit internationaler Geschichte[1] deutlich verbessert – und mit ihnen das, was allgemein für gelungene Integration steht: Wohnverhältnisse, Arbeitsmarktchancen, Sprachkenntnisse sowie Beteiligungschancen am politischen Alltag und im Bildungssystem. Die Probleme, die es zweifellos gibt, lassen sich als Nachwehen politischer Fehler aus den 1960er bis 1990er Jahren verstehen.[2] Gleichzeitig zeigen die Befunde, dass die Teilhabechancen in der Bundesrepublik noch nicht gleich sind, sie deuten lediglich auf eine positive Entwicklung hin. Dass sich diese nachweisbaren Verbesserungen im öffentlichen Diskurs nicht widerspiegeln, hängt auch damit zusammen, dass er dominiert wird von einer romantisch-naiven Vorstellung von Integration.

Nachdem sich erst mit der Jahrtausendwende in der deutschen Öffentlichkeit die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass die Bundesrepublik ein Einwanderungsland ist und eine aktive Integrationspolitik benötigt, wurden zunehmend Veränderungen in der Bevölkerung und Gesellschaft wahrgenommen. In den meisten westdeutschen Großstädten bilden die Kinder mit internationaler Geschichte heute die Mehrheit in den Klassenzimmern. In einigen Städten wird in den nächsten zehn bis 15 Jahren die Gesamtbevölkerung etwa je zur Hälfte "biodeutsch" und "international" sein. Dazu zählen unter anderem die Städte Frankfurt am Main, Stuttgart und München. Zugleich gibt es großflächige Regionen, die mit Migration bisher kaum Erfahrungen haben und in denen, vielleicht deshalb, Sorgen und Ängste besonders groß sind.

Durch Migration beschleunigt sich sozialer Wandel, wodurch die Gesellschaft vielseitiger, unübersichtlicher und insgesamt komplexer wird. Diese Veränderungen überfordern einen großen Teil der Bevölkerung. Der Wandel bezieht sich auf weite Teile der Alltagskulturen: So war es etwa in der Bundesrepublik der 1960er Jahre keineswegs üblich, sich zur Begrüßung zu umarmen oder gar einen Kuss zu geben – oder auf öffentlichen Grünflächen in größeren Gruppen zu sitzen, zu essen und zu trinken. Heute ist es zumindest nicht "untypisch deutsch". Der Wandel findet aber auch auf struktureller Ebene statt und hat weitreichendere Folgen.

Integration führt zu Konflikten

Anders als die gängige Vorstellung von Integration suggeriert, führt der Wandel nicht zwangsläufig zu einer harmonischen Gesellschaft, sondern geht mit Kontroversen und Konflikten einher. Eine Verbesserung der Teilhabechancen im Bildungswesen, auf dem Arbeitsmarkt und im politischen Alltag führt eben nicht zur Homogenisierung von Lebensweisen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass Differenz- und Fremdheitserfahrungen häufiger bei gelungener Integration gemacht werden. Unter anderem dadurch, dass sich Minderheiten insgesamt selbstbewusster zu Wort melden, ihre Interessen vertreten, eigene Ansprüche erheben – kurz: dadurch, dass sie am Tisch sitzen und ein Stück vom Kuchen beanspruchen. Entsprechend können auch Verteilungs- und Interessenkonflikte zunehmen. Ein markantes Beispiel: Anlass für den sogenannten Kopftuchstreit war kein Fall von Desintegration. Im Gegenteil: Ausgelöst wurde er von einer deutschen Lehrerin mit Kopftuch, Fereshta Ludin, die 1998 in Baden-Württemberg ihre Tätigkeit als Deutschlehrerin ausüben wollte. Von Behörden und Gerichten wurde es ihr untersagt, weil sie nicht auf das Tragen des Kopftuchs verzichten wollte. Muslimische Reinigungskräfte mit Kopftuch, die kaum Deutschkenntnisse haben und lediglich an Schulen putzen, stellten und stellen die Gesellschaft hingegen vor keine Probleme. Wenn wir also die eingangs erwähnten Parameter als Maßstab für gelungene Integration nehmen – Wohnverhältnisse, Bildungsbeteiligung, Arbeitsmarktchancen, Sprachkenntnisse und politische Partizipation –, war der Auslöser des Kopftuchstreits gelungene Integration.

Immer mehr und immer unterschiedlichere Menschen sitzen mit am Tisch und wollen ein Stück vom Kuchen. Wie kommt man eigentlich auf die Idee, dass es ausgerechnet jetzt harmonisch werden soll? Diese Vorstellung ist entweder naiv oder hegemonial – Multikulti-Romantik oder Monokulti-Nostalgie. Die Realität ist ganz offensichtlich eine andere.

Für die Beschreibung intergenerationaler Integrationsprozesse bietet sich die Tisch-Metapher ebenfalls an: Die erste Einwanderergeneration ist noch vergleichsweise bescheiden und fleißig, beansprucht nicht volle Zugehörigkeit und Teilhabe. Sie sitzt überwiegend auf dem Boden beziehungsweise an Katzentischen. Die ersten Nachkommen beginnen sich an den Tisch zu setzen und bemühen sich um einen guten Platz und ein Stück des Kuchens. Nach einer länger andauernden Phase der Integration geht es dann nicht mehr nur um ein Stück des bestehenden Kuchens, sondern auch darum, welcher Kuchen auf den Tisch kommt.

Was ist über die Generationenfolge passiert? Integration im eigentlichen Wortsinn: Integration bedeutet, dass der Anteil der Menschen wächst, die teilhaben können und wollen. Das bedeutet dann aber auch, dass der Anteil der Menschen wächst, die ihre Bedürfnisse und Interessen selbstbewusst artikulieren – dies gilt unter anderem auch für Frauen, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle und zunehmend auch für Muslime und Menschen mit internationaler Geschichte. Gelungene Integration steigert also das Konfliktpotenzial in einer Gesellschaft. Zunächst sind es Konflikte um soziale Positionen und Ressourcen (soziale und ökonomische Fragen), im Zeitverlauf werden zudem soziale Privilegien, kulturelle Dominanzverhältnisse und Deutungshoheiten infrage gestellt und neu ausgehandelt.

Gleichzeitig nimmt die Komplexität zu. Die sozialen und ökonomischen Fragen werden durch die kulturellen und identitätsbezogenen Fragen nicht ersetzt, sondern ergänzt. Daher wird der Integrationsdiskurs zunehmend diffus: Einerseits geht es um die noch ausstehende Integration eines Bevölkerungsteils, andererseits entstehen neue Streitpunkte und Herausforderungen durch einen anderen Teil der Bevölkerung, der bereits integriert ist. Solche neuen Streitpunkte zeigen sich in öffentlich diskutierten Fragen wie "Brauchen wir eine Leitkultur?" oder "Gehört der Islam zu Deutschland?" Integration wirkt sich im Zeitverlauf auf die gesamte Gesellschaft aus, nicht nur auf Migranten und ihre Nachkommen. Es handelt sich also um grundlegende, die Gesellschaft verändernde Konflikte. Oder wie es der Historiker Klaus Bade formuliert: "Integration ist keine Einbahnstraße",[3] weder im Hinblick auf die Rahmenbedingungen noch bezüglich der Wirkungen und Effekte.

Fußnoten

1.
Die Bezeichnung "internationale Geschichte" verwende ich als Synonym für "Migrationshintergrund". Nach der Definition des Statistischen Bundesamts haben alle ausländischen Staatsangehörigen sowie eingebürgerte Menschen einen Migrationshintergrund. Zudem haben in Deutschland geborene Kinder einen Migrationshintergrund, wenn es sich bei mindestens einem Elternteil um eine zugewanderte Person, eine eingebürgerte Person oder um eine Person ohne deutsche Staatsbürgerschaft handelt. Hingegen wird das Merkmal Migrationshintergrund nicht an die Kinder "vererbt", wenn es sich bei den Eltern um Personen handelt, die beide von Geburt an deutsche Staatsbürger sind.
2.
Ausführlich hierzu Aladin El-Mafaalani, Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt, Köln 2018, S. 36f.; ders./Ahmet Toprak, Muslimische Kinder und Jugendliche in Deutschland. Lebenswelten, Denkmuster, Herausforderungen, Berlin 20173.
3.
Klaus J. Bade, Einleitung: Integration und Illegalität, in: ders. (Hrsg.), Integration und Illegalität in Deutschland, Osnabrück 2011, S. 7–10, hier S. 7.
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