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22.2.2019 | Von:
Aladin El-Mafaalani

Alle an einem Tisch. Identitätspolitik und die paradoxen Verhältnisse zwischen Teilhabe und Diskriminierung - Essay

Das Diskriminierungsparadox

Das gesteigerte Konfliktpotenzial zeigt sich auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen und wirkt sich auf den öffentlichen Diskurs über Diskriminierung und Integration aus. Es offenbart sich ein paradoxer Effekt: Die Teilhabechancen verbessern sich und gleichzeitig wird viel mehr über Diskriminierung aufbegehrt und diskutiert als vorher – und zwar nicht obwohl, sondern weil sich die Situation verbessert hat. Menschen, die gut integriert sind und mit am Tisch sitzen, haben den Anspruch auf gleichberechtigte Teilhabe. Sie haben also gesteigerte Teilhabe- und Zugehörigkeitserwartungen. Die Realität ist aber fast immer träger als die Erwartungen. Das heißt, dass die Erwartungen schneller steigen als die realen Teilhabechancen.

Dieser Zusammenhang lässt sich auf unterschiedliche Gruppen und Bereiche übertragen. So fühlen sich etwa schwarze US-Amerikaner aufgrund ihrer Hautfarbe umso häufiger diskriminiert, je erfolgreicher sie sind. Je höher das Bildungsniveau und das Einkommen, desto häufiger berichten sie über Diskriminierung. Schwarze, die stark benachteiligt sind, fühlen sich hingegen seltener diskriminiert.[4]

Ein weiteres Beispiel: Frauen haben bessere Teilhabechancen als etwa Menschen mit Behinderung, Frauen fühlen sich aber häufiger diskriminiert als Menschen mit Behinderung. Und Frauen fühlten sich vor vierzig oder fünfzig Jahren seltener diskriminiert als heute, dabei sind gegenwärtig ihre Teilhabechancen um ein Vielfaches höher.

Eine andere Perspektive, diesmal international vergleichend: Je besser die Teilhabechancen in einem Land, desto häufiger wird über Diskriminierung geklagt. Umgekehrt fühlen sich dort, wo die Teilhabechancen schlechter sind, Minderheitenangehörige seltener diskriminiert. So klagen in den skandinavischen Staaten, wo die Teilhabechancen im europäischen Vergleich besonders gut sind, Minderheiten häufiger über Diskriminierung als etwa in Osteuropa, wo sie nachweislich häufiger benachteiligt werden.[5]

Anspruch und Wirklichkeit

All diese Vergleiche verdeutlichen einen kontraintuitiven Zusammenhang. Es geht nicht um eine objektive Größe, sondern um das Verhältnis zwischen Erwartungen beziehungsweise Ansprüchen auf der einen und der erlebten Wirklichkeit auf der anderen Seite. Wahrgenommene Diskriminierung entsteht erst durch die Bewertung: Nur dann, wenn eine Ungleichbehandlung als illegitim bewertet wird, fühlen sich Menschen diskriminiert. Als illegitim bewerten sie Handlungen und Situationen, wenn die Realität zu weit von den Erwartungen abweicht. Die Paradoxie hat also nicht mit einem empirischen Befund, sondern mit einer dynamischen Relation zu tun, nämlich mit einer ungleichen Entwicklung von Realität und Erwartung. Daneben gibt es einen weiteren Grund für die häufigere Thematisierung von Diskriminierung: Erst wenn Benachteiligte am Tisch sitzen, sind sie in der Position, das Thema Diskriminierung in den Diskurs zu bringen. Es geht also neben der Wahrnehmung auch um die Artikulationsfähigkeit, die Möglichkeit der Herstellung von Öffentlichkeit sowie das Reflektieren von latenten Formen der Diskriminierung.

Verschiedene Menschen können also dieselbe Situation erleben, aber ganz unterschiedlich deuten. Dieselbe Ungleichbehandlung kann als legitim oder als illegitim interpretiert werden. Für die eine Person kann eine Ungleichbehandlung nachvollziehbar sein, für die andere Person ist sie hinnehmbar und für die dritte Person kann sie eine Demütigung sein.

Insbesondere der Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe und der auf Zugehörigkeit sind für Diskriminierungserfahrungen zentral. Ersterer bezieht sich auf den Zugang zu gesellschaftlich relevanten Ressourcen und Positionen, und er wächst mit Erfolgen im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt; letzterer bezieht sich auf die Zugehörigkeit zu einer jeweiligen Gesellschaft, zum Beispiel zur Nation oder zu einem bestimmten sozialen Milieu. Diese Zugehörigkeit entsteht durch gemachte Erfahrungen im Laufe der Sozialisation und betrifft insbesondere die eigene Identität, die immer auch ein Produkt von Fremdbeschreibungen und -zuschreibungen ist.

Versteht man die Wahrnehmung von (rassistischer) Diskriminierung als erlebte Diskrepanz zwischen Teilhabe- und Zugehörigkeitsanspruch einerseits und erlebter Wirklichkeit andererseits, dann lassen sich die empirischen Befunde wie folgt deuten: Selbst bei gleichen Erlebnissen ist die Wahrnehmung der Betroffenen danach differenzierbar, wie groß der eigene Anspruch auf Teilhabe und Zugehörigkeit ist. Die Entstehung eines solchen Anspruchs ist von biografischen Erfahrungen abhängig. Das bedeutet, dass die am stärksten Benachteiligten sich deshalb seltener illegitim behandelt fühlen, weil sie (im gesamten Sozialisationsprozess) benachteiligt wurden – also weil sie durch biografische Prozesse geringere Erwartungen entwickeln konnten. In dieser relationalen Perspektive lassen sich Ursache und Wirkung nicht mehr trennen, beziehungsweise sie vermengen sich.

Überspitzt formuliert heißt dies im Übrigen für Pädagogen, dass es "gut" ist, wenn ein Jugendlicher über Diskriminierung berichtet. Das heißt nämlich, dass er mehr erreichen will, als bisher möglich erscheint. Das Gegenteil wäre schlecht: Eine Benachteiligung hinzunehmen und sie als legitim zu bewerten, ist ein Zeichen für Resignation und Ohnmacht. Sagt man einem Jugendlichen, der sich diskriminiert fühlt: "Stell dich nicht so an", sagt man genau genommen: "Senke deine Erwartungen. Akzeptiere, was du hast. Erwarte nicht mehr." Auf diese Weise kann pädagogisches Handeln zur Resignation beitragen.[6]

Von Relevanz sind diese Befunde darüber hinaus für die Beurteilung der Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Diskursen über Diskriminierung zum einen und wirklichen Teilhabechancen zum anderen. Wenn erhöhte Teilhabechancen mit einer höheren Wahrnehmung von Diskriminierung einhergehen, kann dies sogar dazu führen, dass sich durch die Verringerung von Diskriminierung der Diskurs verschärft. Je stärker eine Ungleichbehandlung aus dem Rahmen des Gewöhnlichen oder Erwarteten fällt, desto eher kann sie als diskriminierend wahrgenommen werden. Dies hängt sowohl mit den individuellen Erfahrungen als auch mit der gesellschaftlichen Sensibilisierung, insbesondere der allgemeinen Ablehnung von Ungleichbehandlung, zusammen.

Ähnliche paradoxe Effekte wurden im Zusammenhang mit Geschlechterungleichheit, sozialer Ungleichheit und sozialer Sicherheit in wohlfahrtsstaatlichen Kontexten gezeigt:[7] Je erfolgreicher ein Problem bekämpft wird, desto stärker wird das verbliebene und zugleich kleiner gewordene Restproblem wahrgenommen und diskutiert. Entsprechend lässt sich mit einem, zumindest zeitweise, erhöhten Konfliktpotenzial rechnen, wenn aktiv und erfolgreich Diskriminierung bekämpft wird.

Daraus soll aber selbstverständlich nicht geschlussfolgert werden, dass der Kampf gegen Diskriminierung oder für Chancengleichheit zu vernachlässigen ist. Vielmehr möchte ich darauf aufmerksam machen, dass erfolgreiche Integration nicht mit Konfliktfreiheit einhergeht und dass der gesellschaftliche Fortschritt dazu führen kann, dass dort, wo Diskriminierung bekämpft wird und sich die Chancen von benachteiligten Gruppen verbessern, am intensivsten über Diskriminierung diskutiert wird. Diese Diskussionen können wiederum Identitätspolitiken begünstigen.

Fußnoten

4.
Vgl. hier und im Folgenden Aladin El-Mafaalani/Julian Waleciak/Gerrit Weitzel, Methodische Grundlagen und Positionen der qualitativen Migrationsforschung, in: Débora B. Maehler/Heinz Ulrich Brinkmann (Hrsg.), Methoden der Migrations- und Integrationsforschung – Lehrbuch und Forschungsleitfaden, Wiesbaden 2016, S. 61–96.
5.
Siehe hierzu auch Kim Björn Becker, Wirklichkeit und Wahrnehmung: Wenig Fremde, viel Rassismus, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 7.8.2018.
6.
Eine Häufung solcher Enttäuschungen und Diskriminierungserfahrungen kann zur Radikalisierung führen. Laut Pierre Bourdieu sympathisieren viele weiße Aufsteiger, die von elitären Kreisen aufgrund ihrer sozialen Herkunft abgelehnt werden, mit der politisch rechten Szene. In Bezug auf die Radikalisierung von Muslimen wurde eine ähnliche These formuliert: Aladin El-Mafaalani, Salafismus als jugendkulturelle Provokation. Zwischen dem Bedürfnis nach Abgrenzung und der Suche nach habitueller Übereinstimmung, in: Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.), Salafismus in Deutschland. Ursprünge und Gefahren einer islamisch-fundamentalistischen Bewegung, Bielefeld 2014, S. 355–363.
7.
Siehe hierzu Karin Gottschall, Soziale Ungleichheit und Geschlecht: Kontinuitäten und Brüche, Sackgassen und Erkenntnispotentiale im deutschen soziologischen Diskurs, Wiesbaden 2000; Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika. Beide Teile in einem Band, München 1976 (1835/1840); Silke van Dyk/Stephan Lessenich, Unsichere Zeiten. Die paradoxale "Wiederkehr" der Unsicherheit, in: Mittelweg 36 5/2008, S. 13–45.
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