Passanten lesen während der Fahrt in der Londoner U-Bahn

15.3.2019 | Von:
Ute Schneider

Facettenreich und unverzichtbar. Die multiplen Leistungen und Funktionen der Kulturtechnik Lesen

Die Nachrichten der vergangenen Monate und Jahre verheißen nichts Gutes. Die Anzahl der funktionalen Analphabeten liegt in Deutschland schon seit einigen Jahren bei etwa 7,5 Millionen.[1] Der deutsche Buchhandel vermisst seit 2018 sechs Millionen Käufer, und in den regelmäßig durchgeführten PISA-Studien wird der Lesekompetenz der deutschen Schülerinnen und Schüler eine schlechte Note erteilt. Diesen nüchternen empirischen Fakten stehen positive Wertschätzungen und Zuschreibungen der Kulturtechnik Lesen und dem Medium Buch in unserer Gesellschaft konträr gegenüber: Lesen bildet, Lesen erweitert den geistigen Horizont, beflügelt die Fantasie, eröffnet neue Welten. Schließlich macht Lesen glücklich, bisweilen allerdings auch unglücklich. Souveräne, routinierte Leserinnen und Leser schreiben gerne solche und ähnliche Eigenschaften Buch und Lesen zu. Keine andere Kulturtechnik wird so überfrachtet mit positiven Attributen wie das Lesen. Mathematische Schwächen werden im gesellschaftlichen Kontext scheinbar eher verziehen als mangelnde Lesekompetenzen und die Unfähigkeit, den Sinn von längeren Texten zu begreifen. Schriftzeichen zu decodieren und ihnen Sinn zu verleihen, muss aber erst erlernt werden. Lesen macht also auch Mühe. Welche Funktionen das Lesen tatsächlich für Individuum und Gesellschaft einnimmt und wie dabei vor allem die Funktionen der sozialen Distinktion, gesellschaftlich-politische Funktionen und die Funktion der Kommunikation herausstechen, erläutere ich im Folgenden.

Lebensstil und Distinktion: "richtig" lesen

"Die guten Leutchen wissen nicht, was es einem für Zeit und Mühe kostet, um lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht und kann noch jetzt nicht sagen, daß ich am Ziele wäre." Als Goethe im Januar 1830 über die Mühe des Lesens sprach, meinte er das verstehende Lesen, das über das reine Informationslesen oder leichte Lesevergnügen hinausgeht. Er hatte eine klare Vorstellung vom "richtigen" Lesen, das den Leser tief in Sinn und Bedeutung der Texte eintauchen lässt.

Die Idee, es gäbe ein "richtiges" Lesen, ist bis heute in der Gesellschaft weit verbreitet: Die Kulturtechnik Lesen ist in der allgemeinen Vorstellung eng mit dem Lesen fiktionaler Literatur in langen Texten und dem Medium Buch verbunden. Die Antwort auf die Frage: "Was passiert, wenn wir das richtige Lesen verlernen?"[2] bleibt jedoch offen. Wie diese Frage zeigt, gilt das "richtige" Lesen als gefährdet, und schnell wird von diesem Ausgangspunkt verallgemeinert und die Fähigkeit des Lesens generell in Gefahr gesehen.

Wir lesen allerdings täglich und überall. Wir lesen auf der Straße Hinweisschilder und Busfahrpläne, wir lesen Beipackzettel, Gebrauchsanleitungen und die Boulevardzeitschriften im ärztlichen Wartezimmer oder beim Friseur, wir lesen E-Mails, Whatsapp-Mitteilungen und Tweets. Wir lesen meist flüchtig und schnell und reagieren auf das Gelesene oft prompt, nämlich meist schreibend in der sicheren Gewissheit, damit einen interessierten Leser zu erreichen. Lesen ist ubiquitär, ob rein informative oder unterhaltende Lektüre, ob digitale oder gedruckte Lesemedien. Es wird also heute nicht weniger gelesen als im analogen Zeitalter, sondern eher mehr, denn auch im digitalen Zeitalter werden nicht alle relevanten Medieninhalte durch Bild und Ton verbreitet, sondern schriftlich. Die individuelle Lesekompetenz ist unzweifelhaft nach wie vor eine Grundvoraussetzung, um überhaupt an gesellschaftlicher Kommunikation teilzunehmen, und sie ist das Fundament einer umfassenderen Medienkompetenz, die zum Verstehen komplexer Inhalte und für kritisches Urteilsvermögen erforderlich ist. Selbst die voranschreitenden Fähigkeiten Künstlicher Intelligenz, die uns beispielsweise durch Sprachassistenten den mühsamen Weg schriftlicher Kommunikation bisweilen abnehmen, sind bisher ohne schriftbasierte Kompetenzen nicht denkbar.

Dem schnellen Lesen von Kurznachrichten steht das vertiefte Bücherlesen gegenüber. Und das scheint gesamtgesellschaftlich gesehen immer weniger praktiziert zu werden. In allen Feuilletons der überregionalen Tageszeitungen wurde im vergangenen Frühherbst höchst besorgt über die vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels beauftragte GfK-Studie "Buchkäufer – quo vadis?" vom Juni 2018 berichtet, die den Deutschen eine stark rückläufige Nachfrage nach Büchern attestierte.[3] Der gesellschaftlich wünschenswerte Buchkonsum, der durch den festen Ladenpreis und einen geringeren Mehrwertsteuersatz unterstützt wird, erlebt eine Flaute. Aus den schwindenden Käuferzahlen wurde auf abnehmendes Leseinteresse in der deutschen Bevölkerung geschlossen, was unter anderem auf die Zuwendung der Konsumenten zu konkurrierenden (digitalen), vornehmlich audiovisuellen Medienangeboten zurückgeführt wird. Hinzu kommt eine grundsätzlich wahrgenommene Reizüberflutung und Zeitknappheit derjenigen, die sich vom Buch abwenden und ihre "Sehnsucht nach Entschleunigung" nicht mit dem Medium Buch befriedigen.

Die empirischen Erhebungen stehen im Gegensatz zu den buchbegeisterten Usern von Social-Media-Plattformen, die sich als "richtige" Leser inszenieren. Dort wird vertieftes Lesen gedruckter Bücher oft mit sinnlichem Genuss assoziiert.[4] Ein Blick auf die Fotoplattform Instagram genügt, um unter Hashtags wie beispielsweise #bookstagram, #bookstagrammer oder #booktography sofort zu sehen, dass gedruckte Bücher meist mit Genussmitteln wie Kaffee, Tee, Wein oder Delikatessen fotografisch inszeniert werden. Nicht nur diese Leserequisiten, sondern auch das Interieur, die Leseecke im heimischen Wohnzimmer mit Lesesessel, das Sofa und vor allem das Bett sind Codes in der klassischen Vorstellung einer perfekten Leseumgebung, die das ungestörte stille, zurückgezogene Lesen, das Versinken in andere, fiktionale Welten ermöglicht. Die jeweils präsentierte Leseatmosphäre strahlt eine gewisse Intimität aus, die zwar individuell gestaltet wird, allerdings die immer gleichen Requisiten und Lesemöbel ins Blickfeld rückt. Es scheint einen sozialen Konsens über die erwünschte, "richtige" Leseatmosphäre zu geben, dem man entsprechen möchte. Die Fotos werden zwar von den anderen Usern in der Regel kommentiert, allerdings geht es dabei meist nicht um die Inhalte der Bücher, weil Leseerlebnisse räumlich, zeitlich und habituell zu disparat werden. Stattdessen wird die Materialität der Bücher symbolisch genutzt.

Damit greift man auf den Social-Media-Plattformen bürgerliche Lebensstile auf, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Das Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts hat wie in keinem Jahrhundert zuvor den Leseakt mit sozialen Normen und Werten belegt, die weit über die dominierenden Lesefunktionen Information, Unterhaltung, Bildung hinausgehen: Die Wahl des Lektürestoffs entschied maßgeblich über die soziale Anerkennung des Einzelnen. Das Ende des 18. Jahrhunderts als sozialer Stand etablierte Bürgertum wurde somit zur maßgebenden Kontroll- und Lenkungsinstanz der kulturellen Praktiken und damit auch der Kulturtechnik Lesen. Das kulturdominierende Bildungsbürgertum las fortan zur sozialen Distinktion. Entsprechend sind die Wertzuschreibungen an das Lesen sozial aufgeladen. Lesen wurde im Bürgertum habituell, und Lesepraktiken wie auch die Institution der privaten Hausbibliothek wurden zum Ausdruck des Lebensstils – wie Instagram zeigt, bis heute.

So wurde spätestens mit Anbruch der Moderne Lesen zu einer sozialen Norm. Das Buch wurde im 19. Jahrhundert im gehobenen bürgerlichen Milieu erstmals kunstästhetisches Leitmedium, das einerseits der individuellen Geschmacksbildung diente, andererseits aber auch Instrument der Selbstvergewisserung einer ganzen sozialen Gruppe war.

Fußnoten

1.
Vgl. Anke Grotlüschen/Wibke Riekmann, leo. – Level-One Studie. Literalität von Erwachsenen auf den unteren Kompetenzniveaus, Hamburg 2011, S. 2.
2.
Diese Frage stellte Joachim Müller-Jung an den Hirnforscher Wolf Singer in einem gleichnamigen Interview, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2018, http://www.faz.net/-15833090.html«.
3.
Börsenverein des deutschen Buchhandels, Buchkäufer – quo vadis? Kernergebnisse, Juni 2018, http://www.boersenverein.de/sixcms/media.php/976/Buchk%C3%A4ufer_quo_vadis_Bericht_Juni_2018_Kernergebnisse.pdf«; siehe auch den Beitrag von Heinrich Riethmüller in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
4.
Siehe hierzu auch die frühere Umfrage aus dem Jahr 2001 von Sabine Groß, Das Buch in der Hand. Zum situativ-affektiven Umgang mit Texten, in: Stiftung Lesen (Hrsg.), Leseverhalten in Deutschland im neuen Jahrtausend. Eine Studie der Stiftung Lesen, Mainz–Hamburg 2001, S. 175–197; Ute Schneider, Bücher zeigen und Leseatmosphären inszenieren – vom Habitus enthusiastischer Leserinnen und Leser, in: Carlos Spoerhase/Steffen Martus (Hrsg.), Gelesene Literatur. Sonderband Text und Kritik 2018, S. 111–120.
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Autor: Ute Schneider für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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