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6.10.2005 | Von:
Florian Hartleb

Populismus -ein Hindernis für politische Sozialisation?

Politische Sozialisation und Populismus

Politische Sozialisation vollzieht sich nach gängiger Auffassung auf drei Ebenen:[6]

  • einer kognitiven Ebene (darunter wird das Wissen über politische Institutionen, Personen und Vorgänge verstanden; es geht um das Begreifen von Zusammenhängen);
  • einer affektiv-motivationalen Ebene (damit sind emotionale Bindungen an politische Personen, Parteien usw. sowie allgemeine Bewertungen politischer Inhalte und Positionen gemeint) und
  • einer Verhaltensebene (damit sind die Ausübung politikrelevanter Handlungen und die Wahrnehmung politisch-partizipatorischer Möglichkeiten angesprochen).

    Abgegrenzt werden kann der Begriff "Politische Sozialisation" von Formen oberflächlicher und kurzfristiger politischer Meinungsbildung. Im Gegensatz zu diesen bezieht er sich auf diejenigen politischen Attitüden und Orientierungen, die längerfristig und tiefer gehend verinnerlichte Bestandteile der Persönlichkeit werden. Politische Sozialisation im Jugendalter meint die Aneignung von Wissen und die Entwicklung von Einstellungen und Handlungsbereitschaften. Ziel ist die Übernahme der Rolle des politisch mündigen Bürgers - und somit die Integration in die demokratische politische Gemeinschaft.[7]

    Der Populismus neigt demgegenüber zu Polarisierungen und Simplifizierungen. Er bietet vermeintlich einfache Lösungen für komplexe Probleme. Wer als "Populist" bezeichnet wird, gleich von welcher Partei, gilt im positiven Sinne als jemand, der die Probleme der "kleinen Leute" versteht, sie artikuliert und direkt mit dem Volk kommuniziert. Meist wird einem "Populisten" jedoch vorgehalten, er rede dem Volk nach dem Mund. Der Populismusbegriff ist in den Medien, ebenso in der Wissenschaft, negativ vorbelastet und zudem ein Schlagwort der politischen Alltagspolemik. Oftmals dient Populismus im politischen Diskurs als Schimpfwort für den politischen Gegner: Er betreibe keine sachliche Politik, sondern mediale Schaumschlägerei mit billigen, nicht einzulösenden Versprechungen.

    Paul Taggart kommt zu folgendem Befund:[8]
    Populismus

  • mangelt es an Werten. Populismus wirkt wie ein Chamäleon, das je nach Bedarf die Farben seiner Umgebung annimmt.
  • stellt den Bezug auf das "Volk" plakativ her und ist ablehnend gegenüber dem Establishment eingestellt.
  • spiegelt eine Art Krise wider, scheint eine Folge von rapiden Veränderungen in der Gesellschaft zu sein.

    Dem lässt sich freilich entgegenhalten: Was der eine mit Demokratie assoziiert, kann der andere in gleicher Weise dem Populismus zuschreiben.[9] Solange sich Populismus innerhalb des demokratischen Spektrums bewegt, liegt ihm ein wenigstens potenziell emanzipatorischer Impuls zugrunde. Zudem setzt das Entfachen des populistischen Feuers dem politischen Gleichklang der etablierten Parteien und der Tabuisierung gravierender Probleme ein Ende: Populisten mögen nicht selten über das Ziel hinausschießen, sie mögen auch in vielen Punkten fragwürdige Positionen vertreten, dennoch kann ihnen eine kritische und aufklärende Funktion für das politische System zukommen. Sie zwingen es zur inhaltlichen Reaktion und Auseinandersetzung, nicht selten auch zur Selbstkorrektur.[10]

    Taggarts Grundannahme des "populistischen Wertedefizits" steht jedoch im Widerspruch zur empirisch belegten Einschätzung, dass Wertevermittlung, -erwartung und -konsens wesentliche Stützpfeiler politischer Sozialisation bilden.[11] Zur Messung, ob und wie sich Populismus konkret auf die politische Sozialisation auswirkt, bieten sich zwei Kategorien an: die Betonung einer rigide abgegrenzten Wir-Gruppe und das Vorhandensein einer charismatischen Führungsfigur. Diese sind zentral für den Populismus und ermöglichen jeweils den direkten Bezug zwischen Populismus und politischer Sozialisation.[12]


  • Fußnoten

    6.
    Vgl. u.a. Michaela Ingrisch, Politisches Wissen, politisches Interesse und politische Handlungsbereitschaft bei Jugendlichen aus den alten und neuen Bundesländern. Eine Studie zum Einfluss von Medien und anderen Sozialisationsbedingungen, Regensburg 1997, S. 12; Christine Schmid, Politisches Interesse von Jugendlichen. Eine Längsschnittuntersuchung zum Einfluss von Eltern, Gleichaltrigen, Massenmedien und Schulunterricht, Wiesbaden 2004.
    7.
    Vgl. Hans-Peter Kuhn, Mediennutzung und politische Sozialisation. Eine empirische Studie zum Zusammenhang zwischen Mediennutzung und politischer Identitätsbildung im Jugendalter, Opladen 2000, S. 37.
    8.
    Vgl. Paul Taggart, Populism and representative politics in contemporary Europe, in: Journal of Political Ideologies, 9 (2004) 3, S. 269 - 288.
    9.
    Vgl. Ralf Dahrendorf, Die Krisen der Demokratie: Ein Gespräch mit Antonio Polito, München 2002, S. 89.
    10.
    Vgl. Hans Jörg Hennecke, Das Salz in den Wunden der Konkordanz: Christoph Blocher und die Schweizer Politik, in: Nikolaus Werz (Hrsg.), Populismus. Populisten in Übersee und Europa, Opladen 2003, S. 161f.
    11.
    Vgl. Arnim Regenbogen, Sozialisation in den 90er Jahren. Lebensziele, Wertmaßstäbe und politische Ideale bei Jugendlichen, Opladen 1998.
    12.
    Vgl. Florian Hartleb, Rechts- und Linkspopulismus. Eine Fallstudie anhand von Schill-Partei und PDS, Wiesbaden 2004.