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Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Jörn Leonhard

Erwartung und Überforderung. Die Pariser Friedenskonferenz 1919

Hoffnungen und Interessengegensätze

Die Pariser Friedenskonferenz war eine Veranstaltung von bisher unbekannten Ausmaßen, ein Versuchsraum für internationale Ordnungsstiftung im 20. Jahrhundert.[3] Ein Zentrum der Welt war Paris im Frühjahr und Sommer 1919 nicht allein wegen der geografischen Agenda, die von Samoa im Pazifik, dem ostasiatischen Kiautschou und Ostafrika über Mossul, Albanien, Teschen und Danzig bis nach Eupen-Malmedy an der belgisch-deutschen Grenze reichte. Zu den Vertretern der alliierten und assoziierten Siegermächte und den offiziellen Delegationen aus unabhängigen Staaten sowie der britischen Dominions Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika kamen weitere Abordnungen aus Indien und Ägypten, die keinen offiziellen Status hatten, und selbst verschiedene Gruppen der Kosaken aus dem ehemaligen Zarenreich hatten Vertreter nach Paris entsandt. Insgesamt umfasste die Konferenz etwa 10.000 Teilnehmer – Staatschefs und Regierungsvertreter, Diplomaten und zahlreiche Experten für militärische, finanzielle und rechtliche Fragen, aber auch Wirtschaftsvertreter und Hunderte Journalisten aus aller Welt, die aus der Friedenskonferenz auch einen globalen Medienmoment machen sollten. Am Gesamtplenum, das auf Vorschlag des US-Präsidenten Woodrow Wilson den französischen Premierminister Georges Clemenceau zum Vorsitzenden wählte, und den 58 Ausschüssen nahmen bis zu 1000 Mitglieder teil. Auch die Kosten der Konferenz waren enorm. Allein das britische Außenministerium wandte bis September 1919 über 205.000 Pfund Sterling für Hotels, Reisen und Verpflegung der britischen Delegation auf.[4]

Über den engeren Kreis der offiziellen Delegierten hinaus versammelte sich in Paris eine kosmopolitische Gesellschaft, die eine eigene internationale Öffentlichkeit mit zahlreichen persönlichen Netzwerken jenseits der Konferenztische bildete, die 1919 lange überdauern sollten. Mit hohen Erwartungen kamen die Vertreter vieler Kolonialgesellschaften aus Afrika und Asien nach Paris – gerade sie setzten ihre Hoffnungen auf den Einfluss des US-Präsidenten und die globale Geltung des von ihm propagierten Selbstbestimmungsrechts der Völker. Der spätere Führer der vietnamesischen Befreiungsbewegung, Ho Chi Minh, zählte ebenso dazu wie der führende Intellektuelle der Afroamerikaner, W. E. B. Du Bois. Die zahlreichen Eingaben, etwa des Panafrikanischen Kongresses, der Bewegung "Jung Algerien" oder der Vietnamesen, zielten auf eine politische Statusverbesserung gegenüber den europäischen Kolonialmächten.[5] In all diesen Fällen ging es nicht zuletzt darum, den internationalen Moment der Pariser Friedenskonferenz zu nutzen und Öffentlichkeit für die Probleme des europäischen Kolonialismus in Afrika und Asien oder die Frage der Rassentrennung zu schaffen.[6]

Im Gegensatz zu den großen Erwartungen, die auf eine grundlegend neue und globale Friedensarchitektur im Namen progressiver Prinzipien, auf Transparenz der Verhandlungen und auf die Rolle von Sachexperten für wirtschaftliche, militärische oder völkerrechtliche Fragen setzte, stand die Eröffnung der Konferenz im Zeichen des deutsch-französischen Konflikts und bald ausbrechender Konflikte zwischen den Siegern. Mit einem geschichtspolitischen Akzent eröffnete der französische Staatspräsident Raymond Poincaré sie am 48. Jahrestag der Proklamation des deutschen Kaiserreiches, die nach dem preußisch-deutschen Sieg am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles stattgefunden hatte. Formal handelte es sich zunächst um eine "Vorbereitende Friedenskonferenz", zu der nur Vertreter der Sieger-, nicht aber der Verliererstaaten zugelassen waren. Erst in ihrer letzten Phase, nach der Übergabe des Vertragsentwurfs an die bis dahin von allen Besprechungen ausgeschlossene deutsche Delegation und danach an die Delegationen Österreichs, Ungarns, Bulgariens und des Osmanischen Reiches, sollte sie zu einer allgemeinen Friedenskonferenz werden.[7] Von Anfang an war klar, dass der Friedensvertrag mit dem Deutschen Reich im Mittelpunkt der Konferenz stand und sich die anderen Verträge an ihm orientieren würden.[8]

Angesichts der Vielzahl von Teilnehmern zeigte sich bald, dass effiziente Entscheidungsprozesse nur innerhalb eines kleineren Kreises möglich waren. Unter den Großmächten USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan wurden die substanziellen Fragen schließlich innerhalb des Rates der Vier, also der Staats- und Regierungschefs der vier alliierten Hauptmächte, Woodrow Wilson, David Lloyd George, Georges Clemenceau und Vittorio Emanuele Orlando, behandelt. Doch bereits nach kurzer Zeit waren die Interessengegensätze unübersehbar.[9] Der US-Präsident konzentrierte sich auf den Völkerbund als Instrument der kollektiven Sicherheit sowie die ihm unterstellten Mandatsgebiete, die aus den ehemaligen Kolonien des Deutschen Reiches und den Gebieten gebildet wurden, die das Osmanische Reich im Nahen Osten verloren hatte. Die Satzung des Völkerbundes wurde Teil des Versailler Vertrages mit dem Deutschen Reich und aller anderen Pariser Vorortverträge, doch gehörten ihm zunächst lediglich die Alliierten, Assoziierten und 13 neutrale Staaten an, also ausdrücklich weder Russland noch eines der besiegten Länder.[10]

Aus der französischen Perspektive stellte die Sicherheit gegenüber Deutschland den entscheidenden Orientierungspunkt dar. Ein Wiedererstarken Deutschlands musste in den Augen der französischen Regierung unter Georges Clemenceau und der Militärführung unter Marschall Ferdinand Foch unter allen Umständen verhindert werden, und diesem Ziel dienten die Forderung nach der Rheingrenze, aber auch die späteren Bündnisse mit den neu entstandenen Staaten in Ostmitteleuropa. Ergänzt wurde die französische Position durch die Forderung hoher Reparationen, die nicht nur die erheblichen französischen Verluste in Nordfrankreich kompensieren, sondern auch die deutsche Wirtschaftskraft langfristig eindämmen sollten.

Der britische Premierminister David Lloyd George suchte vor allem die globale Position Deutschlands zu minimieren und konzentrierte sich daher auf die Themen Handelskonkurrenz, Flotte und Kolonien. In seinem Fontainebleau-Memorandum wandte er sich im Frühjahr 1919 aber im Zeichen eines starken Antibolschewismus gegen eine zu weitgehende Schwächung Deutschlands oder gar seine territoriale Zerstückelung, die Teile der französischen Führung um Foch immer wieder ins Spiel brachten. Die britische Delegation beharrte darauf, Deutschland als lebensfähige Kontinentalmacht zu erhalten, um der Gefahr einer expansiven bolschewikischen Revolution etwas entgegenzusetzen und ein langfristiges Gleichgewicht auf dem europäischen Kontinent zu sichern.[11]

Fußnoten

3.
Vgl. Harold William Temperley (Hrsg.), A History of the Peace Conference of Paris, 6 Bde., London 1920–1924; Leonhard (Anm. 1), S. 650–687; Manfred Boemeke/Gerald D. Feldman/Elizabeth Glaser (Hrsg.), The Treaty of Versailles. A Reassessment after 75 Years, Cambridge 1998; Gerd Krumeich (Hrsg.), Versailles 1919. Ziele – Wirkung – Wahrnehmung, Essen 2001; Jean-Jacques Becker, Le traité de Versailles, Paris 2002; Jeff Hay (Hrsg.), The Treaty of Versailles, San Diego 2002; David A. Andelman, A Shattered Peace. Versailles 1919 and the Price We Pay Today, Hoboken 2008; Timothy Baycroft/Conan Fischer (Hrsg.), After the Versailles Treaty. Enforcement, Compliance, Contested Identities, London 2008; Alan Sharp (Hrsg.), The Versailles Settlement. Peacemaking After the First World War, 1919–1923, New York 2008.
4.
Vgl. Manfred Berg, Woodrow Wilson. Amerika und die Neuordnung der Welt, München 2017, S. 163; Eberhard Kolb, Der Frieden von Versailles, München 2011, S. 49–53; Sally Marks, Behind the Scenes at the Paris Peace Conference of 1919, in: Journal of British Studies 2/1970, S. 154–180, hier S. 178.
5.
Vgl. Erez Manela, The Wilsonian Moment. Self Determination and the International Origins of Anti-Colonial Nationalism, Oxford 2007, S. 141–175; Leonhard (Anm. 1), S. 837–852.
6.
Vgl. Margaret MacMillan, Die Friedensmacher. Wie der Versailler Vertrag die Welt veränderte, Berlin 2015, S. 533.
7.
Vgl. Czernin (Anm. 1), S. 10ff.
8.
Vgl. Marcus Payk, Frieden durch Recht? Der Aufstieg des modernen Völkerrechts und der Friedensschluss nach dem Ersten Weltkrieg, Berlin 2018, S. 358–366.
9.
Vgl. Jörn Leonhard, Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, München 2014, S. 950f.
10.
Vgl. Margaret MacMillan, Paris 1919. Six Months that Changed the World, New York 2001, S. 53–106.
11.
Vgl. David Lloyd George, Fontainebleau-Memorandum vom 23. März 1919, in: Klaus Schwabe (Hrsg.), Quellen zum Friedensschluß von Versailles, Darmstadt 1997, S. 156–166; Caroline Fink, The Peace Settlement, 1919–1939, in: John Horne (Hrsg.), A Companion to World War I, Malden 2010, S. 543–557, hier S. 543–547.
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