Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Jörn Leonhard

Erwartung und Überforderung. Die Pariser Friedenskonferenz 1919

Agenden und Handlungsspielräume

Die erste Phase von der Eröffnung am 18. Januar bis zur Abreise Wilsons in die Vereinigten Staaten Mitte Februar, die bereits im Zeichen dortiger innenpolitischer Auseinandersetzungen um die Völkerbundakte stand, war von Verfahrensfragen und der Diskussion um die Völkerbundakte sowie die Zukunft der deutschen Kolonien geprägt. Angesichts der Vielzahl an Themen, Akteuren und Verhandlungsebenen zeichnete sich bald eine Tendenz ab, komplizierte Detailregelungen an Experten zu delegieren, denen aufgrund des wachsenden Zeitdrucks in vielen Fragen, die nicht wie die künftige Behandlung Deutschlands im Zentrum standen, eine entscheidende Rolle zukommen konnte.

Anders als es die weltweit verbreiteten Fotos der "Großen Vier" suggerierten, waren die Handlungsspielräume der wichtigsten politischen Akteure in Paris von Anfang an eingeschränkt: zum einen durch die bereits zwischen November 1918 und Januar 1919 vor allem in Ostmittel- und Südosteuropa neu begründeten Staaten wie Polen und die Tschechoslowakei, während britische und französische Truppen im Nahen Osten ihre Interessenzonen sicherten, zum anderen durch die Dynamik von Konflikten, die über das Kriegsende hinaus andauerten oder infolge des Ordnungsvakuums ab November 1918 neu entstanden waren, wie etwa die Bürgerkriege in Russland oder Finnland. Schließlich standen die führenden Staats- und Regierungschefs in Paris unter dem Eindruck großer innenpolitischer und innergesellschaftlicher Erwartungen, die im Verlauf des Krieges entstanden und ab November 1918 durch Wahlkämpfe und intensive Presseberichterstattung gesteigert worden waren.[12]

Schon am 24. Januar, also nur sechs Tage nach dem Beginn der Friedenskonferenz, zeigte sich Woodrow Wilson im Plenum der Konferenz tief beunruhigt darüber, dass man an vielen Orten auf eine Strategie gewaltsam vollendeter Tatsachen setze und Gebiete okkupiere, "deren rechtmäßige Inhaber von der Friedenskonferenz bestimmt werden sollten". Er warnte, "dass durch Gewalt erzwungener Besitz ernstlich die Ansprüche jener schädigt, die solche Mittel anwenden". Auch der britische Premier Lloyd George blickte mit zunehmender Sorge auf die Fortsetzung der Gewalt nach dem Ende des Krieges. Gerade die Territorien des Zarenreiches und der Habsburger-Monarchie erschienen ihm wie "Mangrovensümpfe, in denen die völkischen Wurzeln so ineinander verstrickt waren, dass sich kein Friedensmacher in ihnen bewegen konnte, ohne sich zu verfangen."[13]

Mit der vierwöchigen Abwesenheit des US-Präsidenten entstand zwischen Mitte Februar und Mitte März 1919 ein Vakuum in Paris, das für viele Akteure der zweiten Reihe neue Spielräume schuf, vor allem für Wilsons Berater Edward House. Besonders die französische Seite nutzte die Abwesenheit Wilsons, um eigene Bedingungen durchzusetzen. Da sich in einigen Fragen wie im Falle der deutschen Reparationen die britische Delegation der französischen Argumentation anschloss, sah sich House im Februar und März 1919 zu Kompromissen gezwungen. Gleichzeitig brachten sich viele Experten in den Ausschüssen zu den großen Themen der deutschen Grenzen im Westen und Osten, den deutschen Reparationen und Abrüstungen ein, drohten aber immer wieder, sich in Details zu verlieren. Schließlich wurde in dieser Phase die Presse in Paris immer deutlicher in die Kontroversen einbezogen, etwa indem Journalisten Informationen zugespielt wurden, um die französische Öffentlichkeit gegen Lloyd Georges Haltung in der Frage der polnischen Grenzen oder gegen Wilsons Position gegenüber Frankreich zu mobilisieren.[14]

Nachdem Wilson am 15. März aus den USA zurückgekehrt war, eskalierten die Konflikte. Im Mittelpunkt standen nun verschiedene Themenbereiche, die immer wieder miteinander verflochten wurden. Zunächst ging es um die Aufteilung der deutschen Kolonien in Afrika und Asien und das neue Ordnungsmittel der Völkerbundmandate. Dabei kam es zu einem erbitterten Konflikt um die Zukunft des ehemals deutschen Pachtgebietes Kiautschou in China, das Japan zu Beginn des Krieges erobert hatte und behalten wollte. Nachdem bereits die japanischen Forderungen nach einer Antidiskriminierungsklausel in der Völkerbundakte angesichts massiver Widerstände in Australien und den USA gegen Immigranten aus Asien nicht hatten durchgesetzt werden können, stand die Abreise der japanischen Delegation im Raum.[15]

Zweitens rückte die Stabilisierung der postimperialen Zusammenbruchzone in den Fokus. Die Konversion großer Teile des ehemaligen Zarenreiches und der Habsburger-Monarchie in souveräne Nationalstaaten nach dem Kriterium nationaler Selbstbestimmung sollte in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa als Stabilisierungsfaktor wirken. Doch faktisch entstanden keine homogenen Nationalstaaten, sondern neue "Nationalitätenstaaten" mit großen ethnischen und religiösen Minderheiten, die den Minderheitenschutz zur permanenten Aufgabe machten.[16] Krisenverschärfend wirkten sich die italienischen Forderungen aus, die weit über die während des Krieges gemachten Zusagen etwa für Südtirol hinausreichten und sich symbolisch in der Forderung nach Fiume zuspitzten, der heute kroatischen Hafenstadt Rijeka. Im Nahen Osten wurden die Hoffnungen vieler Araber und des Führers der arabischen Delegation in Paris, Prinz Faisal, auf einen eigenen Staat im Gegenzug für ihre Kriegsleistungen gegen die Truppen des Sultans enttäuscht. Hier bedeutete die britisch-französische Mandatslösung faktisch zunächst vielfach die Fortsetzung einer kolonialen Praxis.[17]

Den dritten thematischen Schwerpunkt und den Kern der Konferenz bildete ohne Zweifel die Behandlung Deutschlands. Dabei entwickelte sich der Versailler Vertrag mit seinen 440 Artikeln in 15 Teilen, Anhängen und Ergänzungsdokumenten zum bislang längsten und kompliziertesten Friedensvertrag, der zugleich das Muster für alle anderen Friedensverträge darstellte. Die Behandlung Deutschlands war mit anderen Grundfragen der Konferenz verflochten: mit französischen Sicherheitsinteressen genauso wie mit dem territorialen Status Polens und der ökonomisch-finanziellen Nachkriegsordnung, zumal angesichts der hohen interalliierten Schulden. Während es hinsichtlich der Demilitarisierung Deutschlands bald zu tragfähigen Kompromissen kam, führten die Auseinandersetzungen um die territorialen Bestimmungen zu einer schweren Krise um den künftigen Status des Rheinlandes, des Saarlandes und Danzigs.[18] Als besonders kompliziert stellte sich das Reparationsproblem dar. Allein ihre genaue Definition – Entschädigung unmittelbarer Kriegsschäden oder Aufkommen für langfristige Kriegsfolgen, wie Pensionen – war hoch umstritten. Die Kompromisslösung war bei näherem Hinsehen denkbar fragil, denn die Höhe der Reparationen wurde zunächst nicht festgelegt und Folgekonferenzen aufgegeben. Artikel 231, auf den sich in Deutschland die Wahrnehmung des Versailler Vertrages zusammen mit den Strafrechtsbestimmungen gegen Wilhelm II. und andere Mitglieder der politischen und militärischen Führung konzentrieren sollte, wurde schließlich in der Reparationskommission von US-Experte John Foster Dulles formuliert, der eine theoretische Gesamtverantwortung Deutschlands mit der gleichzeitigen Anerkennung der beschränkten Zahlungsfähigkeit des Landes verknüpfte. Hier kollidierten unübersehbar die unterschiedlichen finanziellen und wirtschaftlichen Zielsetzungen der Sieger.[19]

Fußnoten

12.
Vgl. Leonhard (Anm. 1), S. 852ff.
13.
David Lloyd George, The Truth about the Peace Treaties, 2 Bde., London 1938, hier Bd. 1, S. 307. Vgl. Czernin (Anm. 1), S. 193f.
14.
Vgl. Leonhard (Anm. 1), S. 854f.
15.
Vgl. Bruce A. Elleman, Wilson and China. A Revised History of the Shandung Question, Armonk 2002, S. 93–110.
16.
Vgl. Erwin Viefhaus, Die Minderheitenfrage und die Entstehung der Minderheitenschutzverträge auf der Pariser Friedenskonferenz 1919. Eine Studie zur Geschichte des Nationalitätenproblems im 19. und 20. Jahrhundert, Würzburg 1960.
17.
Vgl. Leonhard (Anm. 1), S. 746–759.
18.
Vgl. ebd., S. 759–788.
19.
Vgl. ebd., S. 788–812; Bruce Kent, The Spoils of War. The Politics, Economics, and Diplomacy of Reparations 1918–1932, Oxford 1989.
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