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Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Jörn Leonhard

Erwartung und Überforderung. Die Pariser Friedenskonferenz 1919

Belastungen und Leistungen

Frankreich, Großbritannien, Italien und den Vereinigten Staaten war es ab Ende 1917 gelungen, eine funktionierende Kriegskoalition zu bilden. Aber der Verlauf der Friedenskonferenz bewies, dass die Sieger an den Herausforderungen eines gemeinsamen Friedensprogramms immer wieder scheiterten.[25] Nur durch Kompromisse, Notlösungen und um den Preis erheblicher Widersprüche gelang es am Ende überhaupt, einen Vertragsentwurf fertigzustellen. Damit entfernte man sich von den Bedingungen jenes Friedens, auf dessen Basis die Vertreter Deutschlands am 11. November 1918 den Waffenstillstand unterzeichnet und ihre faktische Entwaffnung akzeptiert hatten. Darin lag ein entscheidendes Glaubwürdigkeits- und Legitimationsdefizit, das durch den Ausschluss der Besiegten von der Friedenskonferenz verstärkt wurde. Während man in Paris an der Fiktion einer Vorfriedenskonferenz festhielt, lag im April 1919 ein weitestgehend ausformulierter Definitivfrieden vor, für den es keinen echten Verhandlungsspielraum mehr gab, weil die Lösung der Interessengegensätze zwischen den Siegern alle Konzessionspotenziale ausgeschöpft hatte.

Nach seinen Erfahrungen in Paris äußerte sich ein desillusionierter Wilson bei seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten vor dem US-Senat: "Als ich diese Worte sagte (‚dass alle Völker ein Selbstbestimmungsrecht besäßen‘), sagte ich sie ohne das Wissen um all die Nationalitäten, die Tag für Tag zu uns kommen (…). Sie wissen nicht und können sich nicht vorstellen, was für Ängste ich ausgestanden habe, weil viele Millionen von Menschen sich Hoffnungen auf der Grundlage dessen machten, was ich gesagt habe."[26] Die Wirklichkeit komplexer ethnischer Gemengelagen in weiten Teilen Ostmittel- und Südosteuropas hatte man in Paris unterschätzt, und die in der Praxis weder konsequente noch widerspruchsfreie Anwendung des Selbstbestimmungsrechts der Völker vervielfachte das Problem. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich ein von außen jederzeit mobilisierbares Gewaltpotenzial, das mit aggressiven Interventionsfantasien einherging.[27]

Das Ergebnis der Pariser Friedensverhandlungen war ein komplexer Kompromiss zwischen enttäuschten Siegern, der niemanden zufriedenstellte. Anders als auf dem Wiener Kongress 1814/15 oder auf dem Berliner Kongress 1878 handelten die politischen Akteure nicht mehr als isolierte Elite im diplomatischen Elfenbeinturm. Ihre Entscheidungen und die Ergebnisse der Verhandlungen mussten Wilson, Clemenceau und Lloyd George, aber auch die deutschen, österreichischen, ungarischen, türkischen oder italienischen Delegationen ihren Heimatgesellschaften vermitteln.[28]

Hatten die Diplomaten auf den großen Friedenskonferenzen von 1648 und 1815 das Ziel verfolgt, Machtungleichgewichte durch territoriale Verschiebungen auszubalancieren und sie durch Dynastien sowie die revolutionsprophylaktische Wirkung des monarchischen Prinzips einzuhegen, traten in Paris Nationalstaat, Völkerbund und ein international abgesicherter Minderheitenschutz in den Vordergrund. Während 1814/15 die Diplomaten auf die Verhinderung hegemonialer Bestrebungen und die Absicherung gegen einen neuen großen Krieg gesetzt und einen begrenzten Regelungsanspruch vertreten hatten, waren die Friedensverträge 1919 durch viel weitergehende Gestaltungsansprüche und eine entsprechende Regelungsdichte gekennzeichnet. Ein weiterer Unterschied lag im Souveränitätskonzept, das 1815 stark monarchisch geprägt war und den prinzipiellen Verzicht auf Interventionen enthielt, während sich nach 1919 an der Reparationsfrage, am Anschlussverbot gegenüber Deutsch-Österreich, dem Umgang mit dem Osmanischen Reich und den Minderheitenschutzverträgen gegenüber den ostmittel- und südosteuropäischen Staaten die Bereitschaft abzeichnete, staatliche Souveränität unter Berufung auf übergeordnete Prinzipien zu durchbrechen.[29]

Hatten die Friedensverträge vom 17. bis ins 19. Jahrhundert nach der Erfahrung der frühneuzeitlichen Konfessions- und Bürgerkriege mit der Oblivionsklausel die Idee eines "wohltätigen Vergessens" enthalten, so kam es in Paris zu einer starken emotionalen und symbolischen Aufladung, wie sich in der Behandlung der deutschen Delegationen bei der Übergabe der Friedensbedingungen Anfang Mai und in der Unterzeichnungszeremonie am 28. Juni 1919 erwies. An die Stelle der prinzipiellen Gleichrangigkeit der Akteure, wie sie nach 1815 innerhalb der Pentarchie aus Großbritannien, Frankreich, Russland, Österreich und Preußen fortbestand, und der Entkriminalisierung des Feindes trat die Vorstellung des Krieges als Verbrechen und Bruch moralischer Normen. Einerseits knüpfte man damit an die großen Hoffnungen an, mithilfe des internationalen Rechts eine universell gültige Friedensordnung auf Basis rationaler Kriterien zu schaffen. Wenn zumal die alliierte Kriegspropaganda den Krieg als Konflikt um das Völkerrecht dargestellt hatte, dann schien die Sprache des Rechts 1919 die einzig legitime Form für einen Friedensschluss, der etwas anderes sein sollte als das Ergebnis machtpolitischer Rivalität. Andererseits bot die Sprache des Rechts selbst ein Reservoir für hochemotionale Inszenierungen und eine Moralisierung der Politik. So wurden die Kategorien von Verbrechen, Schuld und Bestrafung Teil der Friedenspolitik von 1919. Gerade in der Reparationsfrage überlagerten sich politische und moralische Ökonomie, wurden Schuld und Schulden immer wieder aufeinander bezogen.[30]

Im Vergleich zu anderen Nachkriegsordnungen hatte die Pariser Friedensordnung von 1919 die kürzeste Wirkungsdauer. Durch das Vertragswerk löste sich die Pentarchie auf – das Deutsche Reich und Russland waren von der neuen Nachkriegsordnung zunächst ausgeschlossen, die Habsburger-Monarchie war aufgelöst. Frankreich und Großbritannien konnten allenfalls als prekäre Gewinner gelten, die ökonomisch und demografisch ausgelaugt waren, während die USA nach der gescheiterten Ratifizierung des Vertrages und ihrem frühen Rückzug als starker politischer Partner ausfielen.[31] Eine weitere Schwäche lag nicht zuletzt in der prinzipiellen Annahme, dass alle Staaten die Verträge als solche akzeptieren würden. Doch die Türkei und China stellten sie unmittelbar infrage und verfolgten eine eigene Revisionspolitik. Deutschland und Ungarn waren nur unter massivem Zwang bereit, die Verträge zu ratifizieren, und konzentrierten sich alsbald auf ihre Revision. Hinzu kamen die Konflikte zwischen den verbleibenden Siegern: Die italienische Führung verfolgte eigene nationale Ziele, Frankreich und Großbritannien waren weiterhin in vielfältige Auseinandersetzungen verwickelt, die von der Behandlung der deutschen U-Boote und der Umsetzung der Vertragsbedingungen in Ostmitteleuropa und in der Türkei bis zur Frage der Reparationen für Russland reichte. Das Ergebnis war eine Kultur der angenommenen Vorläufigkeit.

Und doch dürfen über die Probleme und Belastungen auch die Errungenschaften nicht übersehen werden. Denn es stellte eine erhebliche Leistung dar, angesichts der Krisen auf der Friedenskonferenz, der Fortsetzung von Gewalt an vielen Orten und der bedrohlichen Instabilität in den Gesellschaften der Besiegten überhaupt zu einem Friedensvertrag zu gelangen. Mit der Völkerbundakte, den Mandaten und den Ansätzen eines internationalen Minderheitenschutzes etablierte man neuartige Institutionen und Normen, mit denen man den unvollkommenen Vertrag weiterentwickeln konnte. Auch mit seinen Widersprüchen, Belastungen und aufgeschobenen Problemen war das Ergebnis im Sommer 1919 besser als ein Scheitern der gesamten Friedenskonferenz, durch das die erschöpften Nachkriegsgesellschaften in eine unabsehbare Folge neuer Gewalt geschlittert wären.[32] Mit all seinen Schwächen repräsentierte der Friedensschluss genau das, was im Sommer 1919 erreichbar war.

Einen Tag nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrages zog der südafrikanische Diplomat Jan Smuts Bilanz. In einem Artikel für die "New York Times" hob er hervor, dass der 28. Juni nicht der Abschluss der Friedenssuche sein könne, sondern nur der Beginn eines langen und mühsamen Prozesses: "Die eigentliche Arbeit am Frieden wird erst beginnen, nachdem dieser Vertrag unterschrieben worden ist und ein definitives Ende der zerstörerischen Leidenschaften gesetzt ist, die Europa fast fünf Jahre lang heimgesucht haben." Smuts kritisierte die seiner Ansicht nach zu harschen Vertragsbedingungen, bemühte sich aber um ein ausgewogenes Urteil. So hob er als Ergebnisse des Krieges eine beschädigte Zivilisation, aber auch das Ende des preußischen Militarismus hervor. Aus den "pazifistischen Idealen" sei der Völkerbund entstanden, der die Chance auf einen wirklichen Frieden zwischen den Völkern biete.[33] Bei allen Belastungen und Widersprüchen boten das Vertragswerk und die darin enthaltene Völkerbundakte in seinen Augen entscheidende Ansätze für eine schrittweise Änderung der internationalen Ordnungsprinzipien entlang neuer Kriterien, an denen Verstöße ab jetzt gemessen werden konnten. Dazu zählten für ihn Selbstbestimmung, Minderheitenrechte, eine permanente neue internationale Organisation sowie Abrüstungsbemühungen. Mit der Internationalen Arbeitsorganisation unter dem Dach des Völkerbundes waren Ansätze für weltweite Standards in der Arbeitswelt erkennbar, und das Mandatssystem war trotz des Fortwirkens rassischer Hierarchien und Kolonialregime ein erster Schritt in Richtung einer internationalen Kontrolle von Kolonialherrschaft. In all diesen Elementen steckte ein großes Versprechen, das Hoffnungen weckte. Auch wenn sie nicht kurzfristig erfüllt werden konnten, zeichnete sich für Smuts gegenüber der Vorkriegszeit eine Ausgangsbedingung für eine neue Friedensordnung ab: Es war ein Anfang, keine Erfüllung, kein Ende, und es würde darauf ankommen, wie die Politiker und Diplomaten diese Rahmenbedingungen konkret ausfüllten.[34]

Fußnoten

25.
Vgl. Leonhard von Muralt, Der Friede von Versailles und die Gegenwart, Zürich 1947, S. 78ff.; Wilhelm Deist, Die militärischen Bestimmungen der Pariser Vorortverträge (1966), in: ders., Militär, Staat und Gesellschaft. Studien zur preußisch-deutschen Militärgeschichte, München 1991, S. 235–248, hier S. 247.
26.
Zit. nach Manela (Anm. 5), S. 215.
27.
Vgl. Martin Schulze Wessel (Hrsg.), Loyalitäten in der Tschechoslowakischen Republik 1918–1938. Politische, nationale und kulturelle Zugehörigkeiten, München 2004; Anthony Lentin, Decline and Fall of the Versailles Settlement, in: Diplomacy & Statecraft 2/1993, S. 358–375.
28.
Leonhard (Anm. 9), S. 967.
29.
Vgl. Reinhard Stauber, Innerstaatliche Ordnung und internationales System auf dem Wiener Kongress 1814/15, in: Der Staat. Beiheft 23/2015, S. 79–99.
30.
Vgl. Jörg Fisch, Krieg und Frieden im Friedensvertrag. Eine universalgeschichtliche Studie über Grundlagen und Formelemente des Friedensschlusses, Stuttgart 1979, S. 92–123; Leonhard (Anm. 1), S. 1265ff.
31.
Vgl. Jennifer D. Keene, The United States, in: Horne (Anm. 11), S. 508–523, hier S. 519f.
32.
Vgl. Leonhard (Anm. 1), S. 819–837, S. 854ff.
33.
Siehe auch Fisch, (Anm. 30), S. 92–123; Leonhard (Anm. 1), S. 1265ff.
34.
Vgl. William Mulligan, The Great War for Peace, New Haven 2014, S. 300f.; Leonhard (Anm. 1), S. 1049f.
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