Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Birte Förster

Friedensmacherinnen. Der Frauenfriedenskongress in Zürich 1919

Völkerbund als Instrument für mehr Gerechtigkeit

An die Verfassung des Völkerbundes[21] stellten die Delegierten in Zürich ähnlich deutliche Forderungen. Eine Minderheit der Delegierten wollte ihn zwar rundheraus ablehnen, weil seine Satzung in zu wenigen Punkten ihren Idealen entsprach. Allerdings scheuten die Pazifistinnen davor zurück, die Idee eines Völkerbundes als solche zu torpedieren, und so erklärten sie zwar ihre Akzeptanz des Bundes, machten aber umfassende Änderungsvorschläge. Mitglieder sollten nach den Vorstellungen des Kongresses alle souveränen Staaten werden können, zwischen Siegern und Besiegten sollten bei der Mitgliedschaft keine Unterschiede gemacht werden. Der Einfluss der Großmächte im Völkerbundrat sei zu beschränken, mindestens elf Nationen sollten Mitglieder sein und damit die Möglichkeit bestehen, die vorgesehene Mehrheit der Großmächte überstimmen zu können. Freihandel, eine bessere Verteilung der Nahrungsmittel weltweit, die Abschaffung der Kinderarbeit und eine internationale Gesundheitsbehörde wurden ebenso als Ziele des Völkerbundes festgelegt wie die Abschaffung der Zensur und die Gleichstellung von Frauen in allen Gremien. Letzteres hatte die Inter-Allied Women’s Conference bereits durchgesetzt, nun sollte es auch in der Satzung des Völkerbundes kodifiziert und damit in den Mitgliedstaaten bindend werden.[22]

Die Völkerbundstaaten sollten darüber hinaus "auf gleicher Grundlage für alle Staaten" die Abrüstung vorantreiben und die Wehrpflicht abschaffen. Zudem forderten die Delegierten, den Minderheitenschutz zu verankern und "die bürgerlichen und politischen Rechte der nationalen Minderheiten eines jeden Landes" zu gewährleisten. Die radikalste Forderung betraf aber den Kolonialbesitz. Künftig sollten "alle rückständigen Rassen, die unter der Vormundschaft fortgeschrittener Nationen stehen, dem Schutz des Völkerbundes unterstellt werden und (…) die Mandatarmächte sich verpflichten, die Entwicklung und die Möglichkeit des Selbstbestimmungsrechtes der ihnen anvertrauten Völker zu fördern".[23] Was die Siegermächte für die deutschen Kolonien vereinbart hatten, sollte nach dem Willen der IFFF für alle Kolonien und Protektorate gelten. Das hätte de facto das Ende der Kolonialimperien bedeutet, denn die Mandatsgebiete des Völkerbundes sollten in einer nicht näher bestimmten Zukunft auch das Selbstbestimmungsrecht der Völker wahrnehmen und sich zu souveränen Staaten entwickeln dürfen.[24] Globale Gerechtigkeit war aus Sicht der IFFF ein Mittel der Friedenssicherung, und der Völkerbund sollte sie vorantreiben.

Gemeinsam gegen Rassismus?

Eine Forderung an die Pariser Konferenz stellte die Organisation jedoch nicht, obwohl die Vorsitzende der US-amerikanischen National Association of Colored Women, Mary Church Terrell, dazu in Zürich eine flammende Rede gehalten hatte: Von einer Verankerung der "Rassengleichheit", mit der auch Japan schon bei den Verhandlungen zum Völkerbund in Paris gescheitert war,[25] war im mehr als vier Seiten langen Forderungskatalog keine Rede. Terrell, die gemäß ihren eigenen Worten auf dem Kongress die "einzige Frau" war, "die, wenn auch nur einen Tropfen, farbiges Blut in ihren Adern hat", sah sich deshalb in der Pflicht, in Zürich "nicht nur die farbigen Frauen der Vereinigten Staaten, sondern auch diejenigen Afrikas und anderer Länder zu vertreten". Wollte man nach dem Krieg den Frieden dauerhaft sicherstellen, dann sei auch ein Ende des Rassismus vonnöten, denn ein "dauernder Friede ist eine Unmöglichkeit, solange die farbigen Rassen der Ungerechtigkeit unterworfen sind, nur weil sie farbig sind".[26]

Diese "Ungerechtigkeit", diesen Rassismus skizzierte Terrell, die aus einer wohlhabenden Familie stammte, am renommierten Oberlin College klassische Literatur studiert hatte und als erste Frau dem Bildungsrat von Washington angehörte,[27] anhand der Lebenssituation von People of Color in den Südstaaten. Diese seien weitgehend vom Wahlrecht ausgeschlossen, hätten sehr viel schlechtere Bildungsmöglichkeiten und damit schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und seien zudem alltäglich Gewalt ausgesetzt. Dass es selbst einer neuen Institution wie dem Völkerbund nicht gelungen war, das Ideal der "Rassengleichheit" in ihre Satzung aufzunehmen, empfand sie als herbe Enttäuschung.

Bei der Bildungsarbeit der IFFF zum Frieden sei auch der gleichzeitige Kampf gegen den Rassismus unabdingbar. Dazu forderte Terrell ihre Mitstreiterinnen mit eindringlichen Worten auf: "Die farbigen Mütter bitten ihre weissen Schwestern, die hohen Prinzipien der Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichberechtigung nie aus den Augen zu verlieren und ihre eigenen Kinder so zu erziehen, dass sie dieselben nicht vergessen. (…) Die farbigen Mütter bitten ihre weissen Schwestern, ihre Kinder zu lehren, dass der Mensch, wie immer auch seine Farbe sein mag, nicht nach dieser, sondern nach seinem inneren Werte nach beurteilt werden muss und dass Rasse, Klasse, Religion und alles andere bedeutungslos ist."[28] Menschenrechte, um das berühmte Diktum der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm umzuformulieren, sollten Terrell zufolge auch keine Hautfarbe haben.

Ihre Forderungen schlugen sich im Programm für die nationalen Sektionen nieder, das von der Konferenz verabschiedet wurde. Die Mitglieder verpflichteten sich dazu, sich für bessere Bildungsmöglichkeiten sowie gegen Segregation und rassistische Benachteiligung einzusetzen. Im "Freibrief der Frauen" sowie im Kommentar zum Völkerbund und damit in den Dokumenten, die in Paris den Teilnehmern der Friedenskonferenz überreicht werden sollten, wurde das Thema jedoch nicht angesprochen. Dies war der Dominanz weißer Frauen aus der gebildeten Mittelschicht in einer Organisation geschuldet, in der Mary Church Terrell 1919 eine Ausnahme darstellte und die erst begann, sich mit Rassismus und Antisemitismus in den eigenen Reihen auseinanderzusetzen.[29]

Fußnoten

21.
Vgl. Marcus M. Payk, Frieden durch Recht? Der Aufstieg des modernen Völkerrechts und der Friedensschluss nach dem Ersten Weltkrieg, Berlin 2018, S. 543–591.
22.
Vgl. Internationale Frauenliga (Anm. 2), S. 339–342.
23.
Ebd., S. 340, S. 342.
24.
Vgl. Susan Pedersen, The Meaning of the Mandate System. An Argument, in: Geschichte und Gesellschaft 32/2006, S. 560–582. Siehe auch den Beitrag von James Kitchen in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
25.
Vgl. Förster (Anm. 16), S. 101f.
26.
Internationale Frauenliga (Anm. 2), S. 212f.
27.
Vgl. Joyce Blackwell, No Peace Without Freedom. Race and the Women’s International League for Peace and Freedom, 1915–1975, Carbondale 2004, S. 44f.
28.
Internationale Frauenliga (Anm. 2), S. 216.
29.
Vgl. Blackwell (Anm. 27), S. 58, S. 64; Rupp (Anm. 12), S. 1579f.
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