Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Birte Förster

Friedensmacherinnen. Der Frauenfriedenskongress in Zürich 1919

Pazifistische Kritik am Vertrag von Versailles

Mit deutlichen Worten kritisierten die Pazifistinnen den Friedensvertrag von Versailles. Sie bewerteten ihn vorrangig nach dem Kriterium, ob seine Bedingungen dazu geeignet waren, den Frieden in Europa und der Welt zu garantieren. Es ging ihnen um dessen pragmatischen Nutzen, nicht um nationale Ressentiments. Im Zentrum stand die Frage, wie Friede, Gerechtigkeit und Freiheit weltweit langfristig gesichert werden könnten. Ziel war es, Krieg und Gewalt langfristig zu ächten.[30] Ähnlich wie Wilson waren sie gegen eine Kriegsbeute für die Siegermächte und sahen in der allgemeinen Abrüstung einen besseren Weg, um künftige Kriege zu vermeiden, als in Sperrgürteln und wirtschaftlicher Destabilisierung. Die britische Labour-Politikerin Ethel Snowden setzte noch ein moralisches Argument dazu: Man habe den jungen Männern versprochen, für die Demokratie in den Krieg zu ziehen, für das Recht der Völker, selbst zu entscheiden, in welcher Staatsform sie leben wollten. Nur weil Kriegstreiber es falsch gemacht hätten, müssten die anderen Staaten es ihnen nicht gleichtun. Nicht für einzelne Länder träten sie ein, sondern für den Frieden in der Welt. Die Gebietsabtretungen aber könnten nur eines bedeuten: künftige Kriege.[31] Nach Paris telegrafierte man einstimmig, mit dem Vertrag von Versailles sei der Frieden nicht zu sichern: "Dadurch, dass die Friedensbedingungen die Früchte der Geheimverträge den Siegern sichern, wird die Geheimdiplomatie stillschweigend gutgeheissen, das Prinzip der Selbstbestimmung verleugnet, das Recht des Siegers auf die Kriegsbeute anerkannt und über ganz Europa Misstimmung und Feindseligkeit verbreitet, die nur zu weiteren Kriegen führen können. (…) Durch die finanziellen und wirtschaftlichen Bedingungen wird eine Generation von hundert Millionen Menschen im Herzen Europas zu Elend, Krankheit und Verzweiflung verdammt, was in Hass und Anarchie ausarten muss."[32]

Gewalt aber war das, was die Kongressteilnehmerinnen unter allen Umständen vermeiden wollten. Vor allem waren sie der Ansicht, einen Frieden könne es ohne die Beteiligung von Frauen nicht geben. Um ihrer Resolution Gehör zu verschaffen, reisten führende Mitglieder persönlich nach Paris, darunter Jane Addams, die Britinnen Charlotte Despard und Chrystal Macmillan, die Französin Gabrielle Duchêne sowie die Italienerin Rosa Genoni – es handelte sich also ausschließlich um Frauen aus den Siegerstaaten. Eine Änderung der Friedensbedingungen erreichten sie bekanntermaßen nicht. Obwohl Frauen inzwischen in einer Reihe von Staaten das Wahlrecht besaßen und sich viele Frauenorganisationen mit den in Paris behandelten Themen beschäftigten, entschieden auf der Friedenskonferenz dort 1919 ausschließlich Männer.

Fußnoten

30.
Vgl. Vellacott (Anm. 8), S. 384.
31.
Internationale Frauenliga (Anm. 2), S. 217–221.
32.
Ebd., S. 338.
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