Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Birte Förster

Friedensmacherinnen. Der Frauenfriedenskongress in Zürich 1919

Ausblick

Die IFFF bezog noch im gleichen Jahr ihr Ständiges Sekretariat im Maison Internationale in Genf. Damit wurde die Organisation zum Prototyp einer Nichtregierungsorganisation: Sie lieferte Beweise für Missstände, wirkte auf Repräsentanten ein und versuchte, Entscheidungsträger zu beeinflussen. Finanziert wurde die Organisation vornehmlich aus Mitgliedsbeiträgen, sodass sie häufig unter Geldnöten zu leiden hatte. Zum Agendasetting der IFFF gehörte es nicht zuletzt, das Politikfeld des Völkerbundes um die Themen Gesundheit, Bildung und Frauenrechte zu erweitern.[33]

Ihre Mitglieder bildeten schon in der Zwischenkriegszeit eine Identität aus, die nicht in der Nationalität, sondern in dem internationalen Netzwerk verankert war, in dem die Frauen für universale Rechte kämpften. Sie nahmen vorweg, was Virginia Woolf 1938 in ihrem Essay "Drei Guineen" schrieb: "In Wahrheit habe ich als Frau kein Land. Als Frau will ich kein Land haben. Als Frau ist mein Land die ganze Welt."[34] "Universal sisterhood" war die Selbstbeschreibung der Aktivistinnen.[35] Die gemeinsame Identitätsbildung, das Überbrücken von Differenzen gelang auch deshalb, weil es sich um gut gebildete Frauen der Mittelschicht handelte – oft waren sie selbst multinationaler Herkunft –, die untereinander häufig mehr verband als mit anderen Frauen aus ihren Heimatländern. Das galt auch für die wenigen Women of Color, die seit 1915 Mitglieder in der IFFF waren und wie Terrell aus der gut gebildeten Mittelschicht stammten. In der Zwischenkriegszeit wurde der Versuch unternommen, auch Frauen aus dem globalen Süden zu integrieren und aus der IFFF eine globale Institution zu machen. "Universal sisterhood" war aber zugleich ein westliches Konzept, die Feministinnen aus den industrialisierten Ländern nahmen sich häufig als Helfende gegenüber ihren "rückständigen" Schwestern wahr. Gleichzeitig gingen sie von spezifisch weiblichen Eigenschaften aus, die sie einten, und brachten so lang eingeübte Wahrnehmungsmuster durchaus ins Wanken. Die Vorläuferinnen eines intersektionalen Feminismus mussten die Gleichheit, für die sie eintraten, selbst erst einüben. Ihre gemeinsame Agenda Friedenssicherung, soziale Reformen und mehr Mitspracherechte für Frauen verband die Aktivistinnen.[36]

Auch wenn die Teilnehmerinnen der Zürcher Konferenz noch keinen großen Einfluss auf Institutionen und Friedensverträge nehmen konnten, war ihre internationale Ausrichtung und ihre Haltung, Nationalismus zu überwinden und konsequent eine globale Sichtweise einzunehmen, wegweisend für die Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die IFFF hat heute Beraterstatus bei den Vereinten Nationen und einen Sonderberaterstatus bei UNICEF, Welternährungsorganisation und der IAO.[37]

Fußnoten

33.
Vgl. Vellacott (Anm. 8), S. 387f.
34.
Virginia Woolf, Ein eigenes Zimmer. Drei Guineen. Zwei Essays, Frankfurt/M. 2001, S. 129–297, hier S. 256.
35.
Sandell (Anm. 1), S. 8.
36.
Vgl. ebd., S. 2–12; Rupp (Anm. 1), S. 211–216, S. 233; Imaobong D. Umoren, Race Women Internationalists. Activist-Intellectuals and Global Freedom Struggles, Oakland 2018, S. 29.
37.
Vgl. Internationale Frauenliga, Die Liga, o.D., http://www.wilpf.de/die-liga«.
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