30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
James Kitchen

Krieg gewonnen, Friedensschluss verloren? Frankreichs und Großbritanniens Kolonialreiche nach dem Ersten Weltkrieg

Neue imperiale Ordnung im Nahen Osten

Trotz der Belastungen und Phasen antikolonialer Unruhe überstanden die transozeanischen Kolonialreiche der europäischen Siegerstaaten den Krieg weitgehend intakt. 1918 war für die außereuropäischen Kolonialgebiete nicht der Moment großflächiger Entkolonialisierung. Tatsächlich konnten Großbritannien und Frankreich ihre imperialen Besitzungen sogar noch ausweiten, als die deutschen Kolonien in West-, Ost- und dem südlichen Afrika besetzt und mit dem Versailler Vertrag unter den Siegermächten aufgeteilt wurden. Im Nahen Osten eröffnete sich durch den Zusammenbruch des Osmanischen Reiches die Möglichkeit, ein gewaltiges neues europäisches Kolonialgebiet aufzubauen. Dies geschah jedoch nicht ohne Widerstände.

Nach der Niederlage der osmanischen Armee bei Megiddo im September 1918 und ihrem Rückzug aus der Levante waren die imperialen Besitzungen der Osmanen zum Zeitpunkt des Waffenstillstands vom 30. Oktober fest in der Hand der Alliierten, vor allem von Großbritannien. Das 1916 zwischen Frankreich und dem Vereinigten Königreich ausgehandelte Sykes-Picot-Abkommen hatte eine Vision für den Nahen Osten nach dem Krieg entworfen, die anglo-französischen Interessen entsprach. Zum Zeitpunkt der Beendigung der Feindseligkeiten hielten jedoch britisch-indische Truppen von Jerusalem bis Bagdad alle größeren Städte besetzt, Großbritannien war klar die dominierende Macht.

Die Debatten, die nach dem Krieg in Bezug auf den Nahen Osten entbrannten, spielten sich aber nicht ausschließlich zwischen Großbritannien und Frankreich ab. Die Balfour-Deklaration der britischen Regierung vom November 1917, in der dem jüdischen Volk eine "nationale Heimstätte" zugesagt wurde, stärkte und legitimierte die zionistische Bewegung, die durch die Beteiligung der 3000 Mann starken Jüdischen Legion an der britischen Streitmacht in Palästina 1917/18 für sich beanspruchen konnte, einen Beitrag zum Sieg über die Osmanen geleistet zu haben. Ihre Bestrebungen kollidierten unmittelbar mit jenen der von Hussein ibn Ali, dem Großscherif von Mekka, angeführten Bewegung arabischer Nationalisten und ihrer von seinem Sohn Prinz Faisal geleiteten irregulären Armee, die sich ebenfalls auf britische Unterstützung berufen konnte: Großbritannien hatte die Arabische Revolte gegen die Osmanen ab 1916 gefördert und mehrfach versprochen, sich für die arabischen Belange einzusetzen. Um den Krieg gegen die Mittelmächte gewinnen zu können, hatten die Briten sich genötigt gesehen, nationalistische Bewegungen zu unterstützen, die einander fundamental als Kontrahenten gegenüberstanden. Nun, nach Ende des Krieges, erschwerte das den Friedensprozess.

Der erste Versuch, die konkurrierenden Ansprüche auf den Nahen Osten miteinander in Einklang zu bringen, mündete im August 1920 in den Vertrag von Sèvres. Dieser verkörperte eine klassische, auf militärischer Stärke, Eroberung und Besetzung basierende Großmachtvereinbarung – eine Lösung aus dem 19. Jahrhundert für ein Problem aus dem 20. Jahrhundert: Der Vertrag zerschnitt die ehemaligen Hoheitsgebiete des Osmanischen Reiches im Nahen Osten und teilte sie als Völkerbundmandate größtenteils unter Frankreich und Großbritannien auf. Der Libanon und Syrien fielen unter französische Kontrolle, Palästina, Transjordanien, das heutige Jordanien, und der Irak unter britische. Die heute türkische Region Ostthrakien und die Küstenstadt Smyrna, das heutige Izmir, wurden Griechenland zugesprochen. Das Osmanische Reich wurde auf Anatolien und ein europäisches Rumpfgebiet reduziert, das türkische Militär massiv begrenzt und die Meerengen internationalisiert. Weder Türken noch Haschemiten waren 1920 auf der Konferenz von Sanremo vertreten, auf der der Vertrag ausgearbeitet wurde. Dieser konzentrierte sich folglich mehr auf die Regulierung der strittigen französisch-britischen Forderungen. Endgültig zunichte gemacht wurden die arabischen Hoffnungen bei der Schlacht von Maysalun im Juli 1920, als die französischen Truppen ihre militärische Dominanz in Syrien festigten. Die Söhne von Scherif Hussein, Faisal und Abdullah, verschwanden jedoch nicht von der politischen Bildfläche, sondern wurden Herrscher des Iraks und Transjordaniens – Repräsentationsfiguren der neuen kolonialen Vereinbarung für die Region.

Der Vertrag von Sèvres wurde jedoch von den politischen Entwicklungen in der Türkei überholt und nie ratifiziert. Um Mustafa Kemal, der sich während des Krieges als Offizier im Militär einen Ruf erarbeitet hatte, sammelte sich eine breite nationalistische Bewegung, die der zunehmend ineffektiven Regierung den Kampf ansagte und sich dem griechischen Einmarsch in Südanatolien entgegenstellte. Dank einer Reihe siegreicher Schlachten konnte Kemal die Griechen im Sommer 1922 vertreiben und Druck auf die britischen Besatzer von Konstantinopel ausüben. Im Verlauf der sich anschließenden Chanak-Krise im September gerieten britische und türkische Truppen beinahe aneinander. Die Briten sahen sich zum Rückzug gezwungen und mussten die Kontrolle über die Meerengen abgeben. Einem an die Dominions gerichteten Ersuchen um militärische Unterstützung waren einzig Neuseeland und Neufundland gefolgt. Dass die Dominions London bei seinen außenpolitischen Abenteuern nicht mehr automatisch unterstützten, verdeutlichte die Veränderungen in den imperialen Machtdynamiken Großbritanniens nach 1918.

Die türkische Nationalbewegung ging als Sieger hervor und konnte ihre Herrschaft über Anatolien sichern und die europäischen Mächte vertreiben. Der 1923 daraus resultierende Vertrag von Lausanne, der die anglo-französische Kontrolle über die Levante und den Irak festschrieb, formulierte elementare Bestandteile des Vertrages von Sèvres um. Von entscheidender Bedeutung dabei war, dass die Stimme der neuen türkischen Republik nun Teil der Einigung für die Region war – Kemals nationale Bewegung feierte einen Triumph.

Häufig werden die Friedensregelungen nach dem Ersten Weltkrieg als gescheiterte, die tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort ignorierende Bemühungen um eine neue Ordnung bewertet – schließlich bestand der Versailler Vertrag kaum zwei Jahrzehnte, bevor seine Bestimmungen gewaltsam durch das nationalsozialistische Deutschland revidiert wurden. Der Vertrag von Lausanne währte hingegen bemerkenswert lange. Die Landesgrenzen, die die Vereinbarungen im gesamten Nahen Osten schufen, wurden zunächst von den britischen und französischen Kolonialmächten, später aber auch von den in die Unabhängigkeit entlassenen Staaten der Region beibehalten und sind trotz an ihnen entbrannter Konflikte weitgehend so geblieben, wie sie Anfang der 1920er Jahre gezogen wurden. Damit ist diese koloniale Friedensregelung eines der wichtigsten Ergebnisse des Ersten Weltkrieges.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: James Kitchen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.