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Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
James Kitchen

Krieg gewonnen, Friedensschluss verloren? Frankreichs und Großbritanniens Kolonialreiche nach dem Ersten Weltkrieg

Mandatssystem im Völkerbund

Die Hoheitsgebiete, die Frankreich und Großbritannien durch den Friedensschluss nach dem Ersten Weltkrieg im Nahen Osten hinzugewonnen hatten, wurden nicht auf die gleiche Weise verwaltet wie ihre vor dem Krieg eroberten imperialen Besitzungen. Syrien, der Libanon, Palästina, Transjordanien und der Irak waren ihnen als Völkerbundmandate zugeteilt. Diese neue Form der Kolonialherrschaft ging auf US-Präsident Woodrow Wilson zurück, der im Januar 1918 ein 14-Punkte-Programm für eine Nachkriegsordnung vorgestellt hatte, in dem er deutlich gemacht hatte, dass die Vereinigten Staaten einen Annexionsfrieden, der lediglich die Farben auf der imperialen Landkarte neu arrangierte, nicht akzeptieren würden. Stattdessen sollten die ehemaligen Kolonialgebiete der besiegten Mächte von Mandatsträgern als "heilige Aufgabe der Zivilisation" treuhänderisch im ureigensten Sinne im Interesse ihrer jeweiligen Bevölkerung verwaltet werden. Ziel war es, die Mandatsgebiete schrittweise an die Unabhängigkeit heranzuführen.

Auf den Friedenskonferenzen wurden drei verschiedene Arten von Mandaten erarbeitet, die die vermeintlichen Phasen politischer Entwicklung der jeweiligen Bevölkerung widerspiegeln sollte: Mandate der Klasse A umfassten die ehemaligen osmanischen Gebiete im Nahen Osten, in denen Großbritannien und Frankreich Völkern, die kurz vor der Unabhängigkeit standen, administrative Orientierungshilfe geben sollten. Für die Verwaltung von Mandatsgebieten der Klasse B galten eine Reihe von Bedingungen, wie die Öffnung für den Handelsverkehr und die Gewährleistung von Sicherheit für die Bevölkerung. Zu dieser Kategorie gehörten die ehemaligen deutschen Kolonien Togo und Kamerun, die zwischen Großbritannien und Frankreich aufgeteilt worden waren, Ruanda und Burundi, die unter belgischer Kontrolle standen, sowie das nun britisch verwaltete Deutsch-Ostafrika. Als C-Mandate schließlich galten abgelegene, aus Sicht der europäischen Kolonialmächte weniger interessante Gebiete, die vermeintlich weit von einer möglichen Selbstverwaltung entfernt waren und daher von den Mandatsträgern letztendlich wie Teile ihres eigenen Hoheitsgebietes regiert wurden, sodass sie sich kaum von den Kolonialbesitzungen des späten 19. Jahrhunderts unterschieden. Die Mandatsgebiete der Klasse C wurden größtenteils von Japan und britischen Dominions verwaltet, die eigene neue imperiale Identitäten entwarfen. Deutsch-Südwestafrika fiel unter südafrikanische Herrschaft, Deutsch-Neuguinea unter australische und die deutschen Pazifikinseln nördlich des Äquators unter japanische.

Die Entwicklungen in den Mandatsgebieten unterschieden sich erheblich voneinander. In Tanganjika, dem heutigen Tansania, und Transjordanien leiteten die Briten Landreformen ein, in Palästina kam es nach erheblichen Investitionen in den 1920er Jahren zu Bemühungen, einen multiethnischen und multikonfessionellen Staat aufzubauen, und im Irak konnten die Briten 1932 Faisal die Herrschaft über ein neues unabhängiges Königreich übergeben. In anderen Mandatsgebieten nahm die Geschichte einen schlechteren Verlauf: Die südafrikanische Regierung schickte weiße Siedler nach Südwestafrika und beraubte die indigene Bevölkerung ihres Landes. In Syrien kam es, ausgehend von der Bevölkerungsgruppe der Drusen, 1925 und 1926 im gesamten Land zu erheblichen Unruhen. Um die Ordnung wiederherzustellen, griffen die Franzosen zu militärischer Gewalt. Im Oktober 1925 bombardierten sie Damaskus und töteten dabei mehr als 1000 Menschen. Auf ähnliche Weise hatten die Briten im Irak 1920 angesichts eines großflächigen Aufstands in ländlichen Gegenden ihre Herrschaft gefestigt – zur Niederschlagung hatten sie 60.000 Soldaten eingesetzt und ausgiebig von repressiver Gewalt Gebrauch gemacht, die auch das Niederbrennen ganzer Dörfer umfasst hatte. Im weiteren Verlauf der Mandatsphase wurde die irakische Bevölkerung mithilfe von "Air Control"-Einsätzen ruhig gehalten. Zu dieser technologischen Lösung für eine ressourcenschonende Kontrolle des Empire gehörte, dass die Royal Air Force Dörfer bombardierte, deren Bewohner sich der britischen Herrschaft widersetzten.[3] Welche Ziele das Mandatssystem auch immer verfolgen mochte, seine Realität hatte in weiten Teilen große Ähnlichkeit mit der brutalen Kolonialherrschaft des 19. Jahrhunderts.

Dennoch veränderte sich nach dem Ersten Weltkrieg die internationale Haltung zu imperialer Herrschaft grundlegend. Die Verankerung des Grundsatzes der Treuhänderschaft in der Charta des Völkerbundes, die Einrichtung des Mandatssystems trotz des Widerstrebens der siegreichen Kolonialmächte sowie die Beaufsichtigung dieser Gebiete durch die Ständige Mandatskommission – all das waren tief greifende Neuerungen. Die Mandatskommission bot Untertanenbevölkerungen erstmals die Möglichkeit, vor einem internationalen Organ ihre Stimme zu erheben und Missstände der Mandatsherrschaft anzuprangern. In den Zwischenkriegsjahren konnte die Kommission erheblichen und nachhaltigen Druck auf die Mandatsmächte ausüben, etwa als sie die britische Gewaltanwendung bei der Niederschlagung des Arabischen Aufstands im Mandatsgebiet Palästina Ende der 1930er Jahre untersuchte und scharf kritisierte. Zugleich erkannten nationalistische Aktivisten in den Mandatsgebieten rasch ihre Chance, durch die Kommission auf Versäumnisse der britischen beziehungsweise französischen Verwaltung aufmerksam zu machen. Kolonialherrschaft unterlag nun einer Form der internationalen Prüfung, wie es sie vor dem Ersten Weltkrieg nicht gegeben hatte.[4]

Die Einrichtung der Ständigen Mandatskommission deutete auf eine mögliche Veränderung des Wesens der Kolonialherrschaft hin. In der Tat hatte der Erste Weltkrieg einen imperialen Reformprozess eingeleitet. Dieser ergab sich zum Teil aus der Notwendigkeit einer Anpassung an die politischen wie ökonomischen Ansprüche heimkehrender Kriegsteilnehmer. Größere Besorgnis in London und Paris löste aber die Tatsache aus, dass der Krieg deutlich das Potenzial für antikolonialen Widerstand aufgezeigt hatte und damit die Fragilität imperialer Herrschaft. Koloniale Reformen stellten also nicht nur Belohnungs-, sondern auch Präventionsmaßnahmen dar.

Um potenziellen Anfechtungen der britischen Herrschaft in Indien zuvorzukommen, hatten der Generalgouverneur Lord Chelmsford und der Staatssekretär für Indien, Edwin Montagu, bereits 1917 eine Reihe von Verwaltungsreformen eingeleitet. Diese verhießen eine schrittweise Entwicklung hin zu sich selbst verwaltenden Institutionen und einen graduellen Übergang zu einer mündigen Regierung, sollten aber Indien im Gefüge des britischen Empire belassen. Ziel war es, die nationalistische Bewegung in einen konstitutionellen Prozess einzubinden, den die Briten unter Kontrolle behielten. Zwar wurde die Montagu-Chelmsford-Reform vom Indischen Nationalkongress abgelehnt, in der Zwischenkriegszeit diente sie jedoch als Vorbild für andere Reformvorhaben in Britisch-Indien.

Auch Frankreich unternahm Anstrengungen zur Veränderung seiner Kolonialherrschaft. 1918 wurde einigen Bewohnern des Senegal das Recht auf französische Staatsbürgerschaft gewährt, und bei den Kommunal- und Bürgermeisterwahlen in der unmittelbaren Nachkriegszeit waren die Belange der Veteranen beherrschendes Thema. In Algerien hatten die französischen Behörden 1918 um mehr Rekruten geworben, indem sie eine Rechtsreform in Aussicht gestellt hatten. Dem folgte 1919 das "Loi Jonnart", ein Gesetz, das mehr als 400.000 Muslimen ein Stimmrecht bei Kommunalwahlen einräumte. Doch am Wesen der französischen Kolonialherrschaft in den 1920er Jahren änderten solche Reformen letztendlich kaum etwas. In Westafrika wurde der neu geschaffene Generalrat, der bis 1919 immer stärker von gewählten Afrikanern dominiert worden war, wenig später in einen Kolonialrat umgewandelt. Dieser stand unter der Kontrolle des Generalgouverneurs und von zwanzig Stammesführern, die von der französischen Verwaltung ausgesucht wurden und die gewählten Mitglieder überstimmen konnten. Auch die Bemühungen, in Westafrika gewählte Stadträte einzuführen, scheiterten, als deutlich wurde, dass sie lediglich als beratende Organe für die französischen Bürgermeister fungierten. In Algerien behielt die französische Siedlergemeinschaft das Heft in der Hand, und muslimischen Algeriern wurde eine Vertretung in Paris weiterhin verweigert.

Die Lebenswirklichkeiten vieler kolonialer Untertanen veränderten sich nach 1918 also kaum. Letztendlich symbolische Reformen verliehen nur einigen wenigen das Wahlrecht oder riefen lediglich beratende Ausschüsse ins Leben, und die meisten Menschen in Afrika und Südasien blieben weiterhin europäischen kolonialen Normen unterworfen.

Fußnoten

3.
Vgl. Priya Satia, Spies in Arabia: The Great War and the Cultural Foundations of Britain’s Covert Empire in the Middle East, Oxford 2008.
4.
Vgl. Susan Pedersen, The Guardians: The League of Nations and the Crisis of Empire, Oxford 2015.
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