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5.4.2019 | Von:
James Kitchen

Krieg gewonnen, Friedensschluss verloren? Frankreichs und Großbritanniens Kolonialreiche nach dem Ersten Weltkrieg

Imperiale Krise

Die Einführung des Mandatssystems sowie die Bemühungen um eine koloniale Reform suggerieren einen geregelten Übergang vom Krieg zum Frieden, dabei waren die Jahre unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg eine chaotische Zeit. Ein Großteil der Kolonialgebiete kam nicht mehr aus einem Kreislauf antikolonialer Gewalt und brutaler Repression heraus. Der Historiker John Gallagher hat die Phase von 1919 bis 1922 für den britischen Fall als "Crisis of Empire" beschrieben. In diese Zeit fielen der Beginn der Revolution in Ägypten im Frühjahr 1919, anhaltende Stammesunruhen im Irak über weite Teile des Jahres 1920, Proteste und Ausschreitungen im Punjab, und Irland versank ab 1919 für drei Jahre im Chaos.[5]

In Ägypten konnten die Briten die Kontrolle nur durch den Einsatz von 20.000 Soldaten und eine heftige antirevolutionäre Kampagne wieder an sich reißen. Damit stellten sie zwar die Ordnung wieder her, dies forderte jedoch 800 Todesopfer und 1500 Verletzte auf ägyptischer Seite. Eliminiert wurde der ägyptische Nationalismus dadurch nicht – die Briten waren gezwungen, eine Vereinbarung auszuhandeln, nach der Ägypten 1923 ein gewisses Maß an Unabhängigkeit erlangte. Im Punjab kam es im Rahmen der Reaktion auf die dortigen Unruhen zu einem der berüchtigtsten Zwischenfälle europäischer kolonialer Unterdrückung: Brigadegeneral Reginald Dyer ließ bei einer politischen Kundgebung in Amritsar am 13. April 1919 das Feuer auf eine Menschenmenge eröffnen, wobei mindestens 400 Menschen ihr Leben verloren. Dieser totemistische Moment imperialer Gewalt wird häufig als Einzelfall dargestellt, spiegelte tatsächlich jedoch die übliche Vorgehensweise Großbritanniens nach dem Ersten Weltkrieg, um die Kontrolle seines Empires aufrechtzuerhalten. Brutale, repressive und demonstrative Gewalt, um Untertanenbevölkerungen dazu zu zwingen, weiterhin die britische Herrschaft zu akzeptieren, war Standard.[6]

In Irland hatten es die Briten mit einem gut organisierten und militärisch geschickt agierenden Gegner zu tun, dem es 1921 gelang, eine Pattsituation herbeizuführen. Zwar vermochten die irischen Aufständischen auf dem Schlachtfeld nicht gegen die Truppen der britischen Krone zu triumphieren, genauso wenig gelang es jedoch dem britischen Militär, die Rebellion zu zerschlagen. Die einzige Möglichkeit für London, einen Sieg zu erringen, bestand in der Entsendung so umfangreicher Truppen, dass es vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Durststrecke nach dem Krieg und des gleichzeitigen Drucks zahlreicher imperialer Krisenherde aber nicht leistbar war. Wie im Falle Ägyptens bestand die Lösung darin, einen Vertrag auszuhandeln, der im Dezember 1921 zur Geburt des irischen Freistaates führte. Damit war Großbritannien die einzige Siegermacht, die nach dem Ersten Weltkrieg Hoheitsgebiete verlor. Dies rief sowohl in kultureller als auch in politischer Hinsicht ein großes Echo in Westminster hervor. Für den Generalstabschef der britischen Armee, General Henry Wilson, bedeutete das eine grundsätzliche Infragestellung des britischen Status als Großmacht. Es schien, als habe Großbritannien zwar den Ersten Weltkrieg gewonnen, aber den Friedensschluss verloren.[7]

Einzigartig waren die britischen Erfahrungen nicht. Auch das französische Imperium wurde von einer Reihe antikolonialer Anfeindungen erschüttert. In Marokko zog sich der Rif-Krieg von 1921 bis 1926, in dessen Verlauf Frankreich und Spanien letztlich eine gemeinsame Truppenstärke von 120.000 Mann mobilisierten, um den Aufstand der Rifkabylen unter der Führung Mohammed Abd al-Karims niederzuschlagen. 1930/31 weiteten sich Unruhen in Indochina aus, als es in Annam und Tonkin im heutigen Vietnam zu Aufständen auf dem Land kam und in der heute ebenfalls vietnamesischen Stadt Yen Bay zu einer Meuterei in den Reihen der Kolonialarmee.

Sowohl die Franzosen als auch die Briten waren bis weit in die Zwischenkriegszeit mit kolonialen Unruhen konfrontiert – im palästinensischen Mandatsgebiet gab es 1929 Krisen in Jerusalem sowie von 1936 bis 1939 Unruhen in ländlichen Gegenden, die beträchtliche militärische Gewalt nach sich zogen. Aus dem Ersten Weltkrieg und dessen Ende ging also nicht etwa eine freundlichere koloniale Ordnung hervor. Koloniale Autorität befand sich nun häufiger in der Defensive, und repressive Gewalt erschien den Imperialmächten oft als das einzige Mittel, um den Fortbestand ihrer Herrschaft zu sichern.[8]

Der Historiker Erez Manela argumentiert, dass es die durch den Ersten Weltkrieg freigesetzten Vorstellungen waren, die bei der Neugestaltung der kolonialen Welt wirklich zählten. Im Zuge des "Wilsonschen Moments" 1919 sahen sich zahlreiche nationalistische Bewegungen durch die vom US-Präsidenten propagierte Idee des Selbstbestimmungsrechts der Völker und die Möglichkeit der internationalen Anerkennung ihrer Anliegen auf der Pariser Friedenskonferenz bestärkt und forderten von Ägypten über Indien und China bis Korea die jeweilige Imperialmacht heraus.[9] Für die europäischen Zeitgenossen insbesondere in den Kolonialverwaltungen der Hauptstädte waren aber nicht nur die Ideen des US-Präsidenten Grund zur Sorge, sondern auch die bolschewistische Revolution in Russland, deren Ideologie dem Konzept eines Kolonialreiches diametral gegenüberstand. Doch die Bedrohung durch diese neuen imperialismuskritischen Stimmen war nur eine flüchtige. Der Wilsonsche Moment mochte in den Reihen vieler nationalistischer Eliten Gehör finden, büßte jedoch an Zugkraft ein, als die Untertanenbevölkerungen die harte Hand der Imperialmächte zu spüren bekamen. Die von Lenin und Wilson aufgeworfenen Ideen klangen dennoch über 1919 hinaus nach.

Fußnoten

5.
Siehe auch den Beitrag von Alan Sharp in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
6.
Vgl. John Gallagher, Nationalisms and the Crisis of Empire, 1919–1922, in: Modern Asian Studies 15/1981, S. 355–368.
7.
Vgl. Keith Jeffery, The British Army and the Crisis of Empire, 1918–22, Manchester 1984.
8.
Vgl. Martin Thomas, The French Empire Between the Wars: Imperialism, Politics and Society, Manchester 2005; John Darwin, The Empire Project: The Rise and Fall of the British World-System, 1830–1970, Cambridge 2009.
9.
Vgl. Erez Manela, The Wilsonian Moment: Self-Determination and the International Origins of Anticolonial Nationalism, Oxford 2007.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: James Kitchen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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