Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Alan Sharp

"Mit Dynamit geladen". Das Prinzip nationaler Selbstbestimmung und sein globales Vermächtnis

Recht auf Selbstbestimmung

Wilson hatte die Idee eines Selbstbestimmungsrechts der Völker nicht erfunden, sah jedoch eine grundlegende Ursache des Krieges darin, dass dieses Recht einem Großteil der Menschen in Ost- und Mitteleuropa verwehrt worden war. Bereits vor dem Krieg hatte es in Irland und in Österreich-Ungarn Autonomiebestrebungen gegeben, und auch die Polen, deren Staat Ende des 18. Jahrhunderts vom Habsburgerreich, von Russland und Preußen geschluckt worden war, hatten sich als unruhige Untertanen erwiesen. Wilsons Definition, Selbstbestimmung sei kein bloßes Wort, sondern ein unerlässliches Prinzip des Handelns, fungierte nun als zusätzlicher – unbeabsichtigter – Ansporn für den ethnischen Nationalismus, der durch den Krieg gefördert worden war. Wilson setzte Selbstbestimmung mit der Souveränität des Volkes gleich und betonte als Präsident eines Einwanderungslandes den staatsbürgerlichen gegenüber dem ethnischen Nationalismus. Dieses Konzept stand entgegengesetzt zur deutschen und osteuropäischen Tradition, in der die Nationalität nicht selbstbestimmt, sondern durch Abstammung, Sprache und Religion festgelegt war. Nach dem Krieg, in dem multinationale Reiche auf beiden Seiten die potenziell selbstmörderische Politik verfolgt hatten, nationalistische Unzufriedenheit unter ihren Gegnern zu schüren, hatte dieses Konzept einen schweren Stand.

Selbst in Ost- und Mitteleuropa gab es, wie Wilson später eingestand, weit mehr aufstrebende nationale Gruppen, als er sich vorgestellt hatte. Seine Rhetorik fand jedoch bei aufmerksamen Zuhörern weltweit großen Anklang, auch wenn er das nie beabsichtigt hatte. Die vermeintliche Unterstützung durch den Führer des mächtigsten Landes der Welt war eine zusätzliche Ermunterung für die antikolonialen Bewegungen, deren Ambitionen bereits durch Maßnahmen in Kriegszeiten und verschiedene Ereignisse angestachelt worden waren. US-Außenminister Lansing, ein erfahrener Politiker, der von der Friedenskonferenz zunehmend frustriert war, befürchtete, dass Wilson die Konsequenzen seiner Rede nicht bedacht hatte. "Die Formulierung", schrieb er, "ist schlicht mit Dynamit geladen. Sie wird Hoffnungen wecken, die niemals verwirklicht werden können. Ich fürchte, sie wird Tausende das Leben kosten … Was für ein Unglück, dass die Formulierung je ausgesprochen wurde! Was für ein Elend sie bringen wird!"[7]

Eine Grenze in Irland

In Irland, wo die anhaltende Kampagne um die Selbstverwaltung die britische Politik seit über 50 Jahren beschäftigte, weigerten sich die 73 Abgeordneten von Sinn Féin, der revolutionären irisch-republikanischen Unabhängigkeitsbewegung, die bei den allgemeinen Parlamentswahlen im Dezember 1918 ins britische Unterhaus gewählt worden war, ihre Sitze einzunehmen. Stattdessen riefen sie am 21. Januar 1919 die irische Republik aus und installierten ein eigenes Parlament in Dublin, das Dáil Éireann. Wie ihre Kampfgenossen im ehemaligen Habsburger-, Zaren- und Deutschen Reich gaben sie sich nicht länger mit der Autonomie innerhalb einer föderalen Struktur zufrieden, die viele von ihnen vor dem Krieg angestrebt hatten. Zusammen mit anderen aufstrebenden nationalen Gruppen sandten sie Delegierte nach Paris, in der Hoffnung, Wilsons Unterstützung zu gewinnen und in den Völkerbund aufgenommen zu werden. Doch weder Wilson noch Clemenceau wollten sie empfangen. Dennoch sah sich der britische Premier Lloyd George mit einer massiven Krise konfrontiert, die bereits vor dem Krieg existiert hatte und nur verschoben worden war, als man die Umsetzung des Irish Home Rule Act 1914 für die Dauer des Krieges aufgehoben hatte.

Das Gesetz war erst nach erbitterten Auseinandersetzungen im Parlament verabschiedet worden, bei denen die konservativen Gegner der liberalen Regierung von Herbert Asquith die Forderungen der überwiegend protestantischen Unionisten im Nordosten der Insel unterstützt hatten, weiterhin von Westminster regiert zu werden, selbst wenn es dabei zum illegalen Einsatz von Gewalt kommen sollte. Da sich sowohl die Unionisten als auch die irischen Nationalisten bewaffneten, drohte ein Bürgerkrieg. Doch dann verlagerte sich der Schwerpunkt der Politik aufgrund der Julikrise in Europa, und der Führer der Irish Parliamentary Party, John Redmond, bot die volle irische Unterstützung der britischen Kriegsanstrengungen an. Redmond hoffte, dass die Opfer der Iren, Katholiken wie Protestanten, ein gemeinsames Band schaffen würden, durch das die Umsetzung der Home Rule nach dem Krieg leichter fallen würde. Durch die harsche Reaktion der Briten auf den republikanischen Osteraufstand 1916 in Dublin, der rasch unterdrückt wurde, die anschließenden Hinrichtungen im Schnellverfahren und den Versuch von 1918, die Wehrpflicht auf Irland auszudehnen, schmolz die Unterstützung für Redmond jedoch, während gleichzeitig der Zuspruch für Sinn Féin wuchs. Obwohl die unionistische 36. (Ulster) Division und die nationalistische 17. (irische) Division im Juni 1917 gemeinsam in der Schlacht von Messines kämpften, glaubten beide Parteien, dass nur sie durch das von ihnen vergossene Blut ein Anrecht auf die Unterstützung der Briten bei ihren gegeneinander gerichteten Bestrebungen hätten, wobei die Männer aus Ulster vor allem auf ihre schweren Verluste am 1. Juli 1916 an der Somme verwiesen.

Am selben Tag, an dem die Republik ausgerufen wurde, wurden in Tipperary die ersten Schüsse im Irischen Unabhängigkeitskrieg abgefeuert. Zwei Polizisten, die Sprengstoff bewachen sollten, kamen dabei ums Leben. 1919 und 1920 führte die neu gegründete Irish Republican Army den Aufstand gegen die Truppen der britischen Krone in Irland an. Eine Spirale der Gewalt und Gegengewalt kam in Gang, mit Terror und Gegenterror. Im November 1920 wurde das Kriegsrecht verhängt. Angesichts des internationalen Drucks und der Kritik im eigenen Land erklärte sich Lloyd George schließlich zu einem Waffenstillstand bereit und handelte den anglo-irischen Friedensvertrag vom Dezember 1921 aus. Dadurch wurde Irland in einen Freistaat im Süden geteilt, der mit einer eigenständigen Regierung Teil des British Empire war, und in ein Gebiet im Norden, das im Vereinigten Königreich blieb und sechs der neun Grafschaften der historischen Provinz Ulster umfasste. Sicher muss niemand an die Bedeutung der Grenze erinnert werden, die aufgrund dieses Abkommens entstand, ebenso wenig wie an die problembeladene Geschichte Irlands und Nordirlands seit 1921.

Fußnoten

7.
Robert Lansing, The Peace Negotiations. A Personal Narrative, Boston 1921, S. 97f.
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