APUZ Dossier Bild

29.8.2005 | Von:
Winand Gellner
Armin Glatzmeier

Die Suche nach der europäischen Zivilgesellschaft

Europa als Wertegemeinschaft?

Das Bild einer europäischen Wertegemeinschaft wurde vor allem im Zuge der bilateralen Sanktionierung Österreichs durch die EU-Mitgliedstaaten bemüht, die anlässlich der Bildung einer ÖVP-FPÖ-Koalitionsregierung nach den Nationalratswahlen 1999 einsetzte. Der Begriff der Wertegemeinschaft reflektiert die Suche nach der eigenen Identität, für die gerade eine Abgrenzung zum Anderenkonstitutiv ist. Diese kann grundsätzlich in zwei Richtungen erfolgen: Das Beispiel Österreichs kann als Reaktion auf Entwicklungen in den Mitgliedstaaten verstanden werden.[24] Man könnte mit Karl Rohe argumentieren, dass bestimmte Inhalte einer gemeinsamen politischen Soziokultur in die Ebene der Deutungskultur aufsteigen. Gemeinsame kulturelle Identität entsteht dann durch interne Abgrenzung, die durch die permanente Rekonstruktion der Soziokultur überwunden werden kann. Weit häufiger finden solche Abgrenzungsprozesse jedoch nach außen hin statt. Beispiele wie die europaweiten Demonstrationen gegen eine Unterstützung des amerikanischen Krieges im Irak oder die Diskussionen über den Beitritt der Türkei verdeutlichen dies. Die Entwicklung einer kulturellen Identität wird unter dem "Hinweis auf elementare Prozesse der Enkulturation und Sozialisation [beschrieben], die Europa als eine kulturelle Heimat erscheinen lassen und den Nichteuropäern damit grundsätzlich fehlen, auch wenn sie sich nachdrücklich um das Erlernen europäischer Kultur bemühen"[25].


Fußnoten

24.
Rechtspopulistische Parteien hatten sich in mehreren EU-Ländern etablieren können. Vgl. Hans- Georg Betz, Rechtspopulismus: Ein internationaler Trend?, in: APuZ, 48 (1998) 9 - 10, S. 3 - 12.
25.
Bernhard Giesen, Europa als Konstruktion der Intellektuellen, in: Reinhold Viehoff/Rien T. Segers (Hrsg.), Kultur, Identität, Europa. Über die Schwierigkeiten und Möglichkeiten einer Konstruktion, Franfurt/M. 1999, S. 133.