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29.8.2005 | Von:
Winand Gellner
Armin Glatzmeier

Die Suche nach der europäischen Zivilgesellschaft

Integration durch Abgrenzung

Das Bild der Wertegemeinschaft blieb zunächst den politischen Rednern vorbehalten.[26] Bereits Margaret Thatcher hatte das gemeinsame historisch-kulturelle Erbe Europas 1988 in ihrer Rede in Brügge hervorgehoben.[27] Sie betonte, dass dieses Erbe nicht allein von den westlichen Staaten Europas, sondern auch von den osteuropäischen Staaten geteilt würde. Als gemeinsame Wurzeln benannte sie im Besonderen den Einfluss der Expansion des Imperium Romanum, den englischen Parlamentarismus, die europäische Philosophie, das christliche Erbe und die gemeinsamen historischen Erfahrungen. Für Margaret Thatcher war (das freie) Europa weniger ein Leitbild für die gemeinsame Zukunft der europäischen Staatengemeinschaft als vielmehr ein Bild der Abgrenzung gegen die kommunistischen Regime im Osten. Allerdings konnten diese gemeinsamen historischen Erfahrungen Europa bis weit in das 20. Jahrhundert nicht vor Kriegen bewahren. Insofern ist die jetzige Friedensphase, die, eng gefasst, erst mit der Überwindung des Ost-West-Konflikts eingesetzt hat, zu kurz, um eine kollektive europäische Identität zu schaffen.

In der gegenwärtigen Diskussion wird das Europäische zweifach nach außen hin abgegrenzt: zum einen gegenüber der islamischen Welt, etwa in der Frage, ob die Türkei zur EU passt. Insoweit folgt die europäische Debatte jenen Überlegungen, die davon ausgehen, dass an die Stelle des Ost-West- Konflikts die Kluft zwischen den säkularen westlichen Demokratien und den religiös geprägten islamischen Staaten getreten ist, wie dies Samuel Huntington in seinem "Kampf der Kulturen" vertritt. Zum anderen ist die Abgrenzung gegenüber der amerikanischen Außenpolitik nach 9/11 zu nennen. Jacques Derrida und Jürgen Habermas gingen in einem gemeinsamen Beitrag gar so weit, festzustellen, dass die "großen Antikriegsdemonstrationen vom 15. Februar ... als Signal für die Geburt einer europäischen Öffentlichkeit in die Geschichte eingehen" werden.[28] Allerdings darf nicht übersehen werden, dass der Werte-Diskurs hauptsächlich von nationalen und europäischen Eliten geführt wird. Eine breite identitätsstiftende Wirkung für die nationalen Bevölkerungen kann davon nicht erwartet werden. Denn sowohl die Türkei- als auch die Amerika-Debatte besitzen in der Regel nur geringe Relevanz für die Lebenssphäre der meisten EU-Bürger.


Fußnoten

26.
Vgl. Heinrich Schneider, Die Europäische Union als Wertegemeinschaft auf der Suche nach sich selbst, in: Die Union. Vierteljahreszeitschrift für Integrationsfragen, (2000) 1, S. 11 - 48.
27.
Vgl. Robin Harris (Hrsg.), The Collected Speeches of Margaret Thatcher, London 1997, S. 315 - 325.
28.
Jacques Derrida/Jürgen Habermas, Nach dem Krieg: Die Wiedergeburt Europas, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31. 5. 2003.