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29.8.2005 | Von:
Winand Gellner
Armin Glatzmeier

Die Suche nach der europäischen Zivilgesellschaft

Bürger und Werte

Bricht man die Frage nach einer europäischen Wertegemeinschaft auf die Ebene der Mitgliedstaaten herunter, so kommt man mit Stefan Immerfall zu dem Befund, dass "die Divergenz zwischen den europäischen Gesellschaften ... doch beträchtlich" ist.[29] Bereits 1997 fokussierte die Studie vor allem Werte, die in den verschiedenen europäischen Ländern im Zuge der Sozialisation als wünschenswert vermittelt werden sollen. Der Blick in die aktuellen Ergebnisse der Datengrundlagen dieser Untersuchung bestätigt, dass ihre Ergebnisse auch heute noch gültig sind. Zudem bestehen große Unterschiede zwischen den nationalen Wertesystemen sowie hinsichtlich des interpersonellen und institutionellen Vertrauens.[30]

Im Wertekatalog der EU, der durch den Verfassungsvertrag kodifiziert werden sollte, ergibt sich wenigstens ein europäischer Minimalkonsens hinsichtlich eines justiziablen Kernbestands an bürgerlichen, politischen und sozialen Grundrechten, wobei Letztere umstritten waren und bei Abfassung der Grundrechtecharta eher dürftig ausfielen.[31] Diese Rechte gründen in den epochalen Bemühungen der rationalen Aufklärer um das Individuum. Sie sind gemeinsames europäisches Erbe. Allerdings bleiben sie letztlich in der Hauptsache Abwehrrechte des Einzelnen gegenüber der jeweiligen nationalen Staatlichkeit. Europa ist vor diesem Hintergrund keine historische Wertegemeinschaft, wie häufig argumentiert wird.[32] Auch der Hinweis auf die gemeinsamen christlichen Wurzeln als universelle Basis einer religiös fundierten Wertegemeinschaft überzeugt angesichts der großen religiösen Konflikte und Kriege innerhalb Europas - z.B. Emigration der Pilgrimfathers, 30-jähriger Krieg und Nordirlandkonflikt - nicht. Der Begriff der Wertegemeinschaft changiert in seiner Verwendung zwischen einem normativen und einem empirischen Verständnis: Während Europa als Wertegemeinschaft der Eliten seinen Ausdruck überwiegend in normativen Forderungen findet,[33] bleibt es als Wertegemeinschaft der Bürger aus empirischer Sicht höchst uneinheitlich.

Es überrascht daher wenig, dass die nationalen Identitäten in den meisten EU-Staaten dominant bleiben. Zwar weisen die gemittelten Werte des Eurobarometers einen relativ hohen Bevölkerungsanteil aus, der sich selbst in irgendeiner Form als Europäer beschreibt, doch täuschen sie darüber hinweg, dass gravierende Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten bestehen (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version). Das Europa der Bürger bleibt somit trotz verschiedener identitätsstiftender Momente, etwa der Europahymne, der Europaflagge und der gemeinsamen Währung, überwiegend Fiktion.[34] Insgesamt ist die Zahl derer, die sich künftig ausschließlich als Europäer sehen, in den meisten Mitgliedstaaten der EU-15 - mit Ausnahme Luxemburgs - konstant niedrig oder gar rückläufig (vgl. Abbildung 2 der PDF-Version).


Fußnoten

29.
Stefan Immerfall, Soziale Integration in den westeuropäischen Gesellschaften: Werte, Mitgliedschaften und Netzwerke, in: Stefan Hradil/Stefan Immerfall, Die westeuropäischen Gesellschaften im Vergleich, Opladen 1997, S. 167.
30.
Vgl. http://www.europeanvalues.nl/index2.htm (27. 6. 2005).
31.
Vgl. Karl Albrecht Schachtschneider, Eine Charta der Grundrechte für die Europäische Union, in: APuZ, 50 (2000) 52 - 53, S. 13 - 21.
32.
Vgl. Klaus Eder, Integration durch Kultur? Das Paradox der Suche nach einer europäischen Identität, in: R. Viehoff/R. T. Segers (Anm. 25), S. 147 - 179.
33.
Vgl. B. Giesen (Anm. 25), S. 144.
34.
Vgl. ebd., S. 130 - 146.