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29.8.2005 | Von:
Karlheinz Dürr

Die Europäisierung der Demokratiebildung

Education for Democratic Citizenship

Mit den Systemumbrüchen in Mittelost- und Osteuropa (MOE), den Balkankriegen und der in einigen Ländern schleppenden Demokratisierung wuchsen der Bedarf und die Notwendigkeit für einen grenzüberschreitenden Bildungsaustausch und die Unterstützung demokratischer Reformen. Doch ein intensiverer Austausch von bildungspraktischen Erfahrungen, Expertisen und "good practices" entsprach auch der Bedürfnislage in den "etablierten Demokratien" nach europäischer Vernetzung. Demokratie- und Menschenrechtserziehung wurden daher zu Schwerpunkten des Europarats. So brachte der 2. Gipfel der Staats- und Regierungschefs der Europarats-Länder in Straßburg 1997 in einer Deklaration den "Wunsch zur Weiterentwicklung der demokratischen Bildung auf der Grundlage der Rechte und der Verantwortung von Bürgerinnen und Bürgern und der Teilnahme junger Menschen an der Zivilgesellschaft" zum Ausdruck. Es wurde ein Aktionsplan verabschiedet, der u.a. die Einrichtung des Projekts "Education for Democratic Citizenship (EDC)" vorsah. Das Projekt lief 1997 an und konnte bald in praktisch allen Mitgliedsländern des Europarats (wenn auch mit sehr unterschiedlicher Intensität) etabliert werden.

Adressaten, Ziele und Verlauf

Das EDC-Projekt richtete sich auf alle formalen Bildungsbereiche und -stufen und die Gesamtheit der nicht-formalen Bildung mit all ihren Organisationen und Instrumenten. Es umfasste auch die Förderung des informellen Lernens durch soziale Institutionen und sollte in den Ausbildungssektor hineinwirken. Gesellschaftliche Kohäsion und die Entwicklung zivilgesellschaftlicher Dispositionen sollten gestärkt werden; EDC wurde somit als lebenslanger Lernprozess begriffen, der alle relevanten Akteure im öffentlichen und privaten, staatlichen und nichtstaatlichen Bereich in die Planung und Umsetzung dieses Lernprozesses einbezieht.

Das Projekt umfasste zwei Phasen: Die erste Phase (1997 - 2000) fokussierte auf die Klärung grundlegender Prinzipien und zahlreiche konkrete Durchführungsmaßnahmen und vier zentrale Studien.[5] Die Ziele und Methoden der zweiten Phase (2001 - 2004) wurden stärker auf die Schaffung eines europaweiten Netzwerks von EDC-Koordinatoren gerichtet sowie auf bi- und multilaterale Kooperationen, zwei zentrale Studien[6] sowie curriculare und bildungspolitische Beratungsprozesse. An die zweite Phase schließt sich das Europäische Jahr für Demokratieerziehung (2005) an.

Begriffe und Inhalte

Das EDC-Projekt geht von mehreren Bezugsfeldern aus, die nicht wissenschaftlich stringent zu verorten sind.[7] So umfasst der EDC-Bezugsrahmen inhaltlich eine Art Leitfunktion der Civic Education und politisch-demokratischen Breitenbildung, doch wirken auch Elemente der Menschenrechtsbildung sehr stark in diesen Kontext hinein. Unverzichtbar ist auch der Umgang mit Konflikten, Interkulturelles Lernen und Anti-Rassismus-Training. Wichtiger als solche sehr generellen Bezüge sind aber die konkreten Elemente des Bildungsprozesses, die kognitives, soziales und affektives Lernen umfassen und auf die demokratische Befähigung der Bürger gerichtet sind.

Der Demokratisierung des Lernumfelds und besonders des Schullebens wird im EDC-Projekt große Bedeutung beigemessen. Aktive und partizipationsorientierte Lehr-Lern-Methoden, Ansätze zur demokratischen Gestaltung des Schulalltags, die Erschließung echter Mitwirkungsmöglichkeiten für die Schülerinnen und Schüler sollen ein Schulklima schaffen, das die Schule als "demokratische Lerngemeinschaft" begreift. Hierzu wurde eine erste überblicksartige Studie über die Ansätze in den Mitgliedsstaaten des Europarats erarbeitet.[8] Das Postulat, dass Demokratie-Lernen als lebenslanger Lernprozess begriffen werden muss, erfordert zwingend den Einbezug außer- und nachschulischer Bildung (Jugend- und Erwachsenen-, berufliche Fort- und Weiterbildung). Diese Dimension ist in den postkommunistischen Gesellschaften mit ihren weitgehend fehlenden Erwachsenenbildungsstrukturen besonders relevant, trägt sie doch zur Neugestaltung der Beziehung zwischen dem Einzelnen, der Gesellschaft und dem Staat bei.

Grenzen des EDC-Ansatzes

Europäische Gesellschaften unterscheiden sich sehr stark im Hinblick auf die Bedingungen, unter denen Demokratie-Lernen stattfindet, und bezüglich der Einstellungen und Sozialisationserfahrungen der Akteure sowie ihrer Möglichkeiten zur Verwertung des erworbenen Wissens. Prämissen, die in einem nationalen Kontext bereits als akzeptiert gelten, stehen in anderen Gesellschaften noch auf dem Prüfstand oder sind gar umstritten. Die Entwicklung europäischer Ansätze darf daher nicht auf der Grundlage einzelner nationaler Prämissen erfolgen; weder transferierbares Rezeptwissen noch "Fast-Food"-Programme sind erwünscht. Auch darf man schlicht nicht erwarten, dass die so mühsam erarbeiteten Konzepte überall in gleicher Weise befruchtend auf die Bildungspolitik einzuwirken vermögen; tatsächlich werden sie vielerorts gar nicht zur Kenntnis genommen.

Das EDC-Projekt hat dennoch gezeigt, dass trotz Ressourcenknappheit ein lebendiger und erfolgreicher europäischer Austauschprozess über das Demokratie-Lernen möglich ist, der sich in einer Vielzahl von Aktivitäten konkretisieren ließ. Dass die Ergebnisse letztlich unverbindlich und vage wirken, ist weniger dem Projekt als der Tatsache anzulasten, dass der Europarat nur über schwache politische Instrumente verfügt. Doch ist kritisch anzumerken, dass die Zielsetzungendes Projekts angesichts der Ressourcenknappheit zu global angesetzt wurden, um in allen Teilbereichen gleichermaßen überzeugende Ergebnisse hervorbringen zu können.

Als konkreteste Ergebnisse lassen sich neben den zahlreichen Konferenzen nennen: a) die Sites of Citizenship (Orte gelebter Demokratie), die allerdings nach Dimension und Aktivitätsgrad sehr unterschiedlich sind; b) die im Rahmen des Projekts entstandenen Studien;[9] c) eine große Zahl von praxisorientierten Weiterbildungsseminaren für Multiplikatoren, vor allem in den Reformstaaten; d) das Netzwerk nationaler EDC-Koordinatoren und e) die Mitwirkung am Europäischen Jahr für Demokratieerziehung.

Das Projekt hat eine wichtige europäische Debatte entscheidend vorangebracht, aber keine übergreifende Vision entwickelt. Die Zielsetzung, die Qualifizierung und Befähigung zu verantwortlicher, kritischer und partizipativer Staatsbürgerschaft, blieb auf den nationalen Kontext gerichtet. Mit Blick auf viele Mitgliedsstaaten musste es primär darum gehen, das Demokratie-Lernen überhaupt erst als Bildungsziel zu etablieren und als Instrument für soziale Kohäsion begreifbar zu machen, um einen bildungspolitischen Wandel mit Blick auf die politisch-demokratische Befähigung der Bürger zu initiieren. Die Leistung des EDC-Projekts bestand darin, europaweitzustimmungsfähige Bezugskriterien und -prinzipien für Demokratie-Lernen geschaffen zu haben, die als gemeinsamer Nenner in formalen, nichtformalen und informellen Bildungsprozessen und Initiativen dienen können.

Weder die Ziele noch die Ergebnisse des EDC-Projekts können im sehr viel weiter gehenden Integrationsprozess der Europäischen Union genügen. Schon allein die Existenz der "Unionsbürgerschaft" erfordert eine neue Qualität und Intensität der europäischen Zusammenarbeit im Bereich der politisch-demokratischen Bildung. Der "europäischen Demokratie" fehlt nicht nur ein für die Wahrnehmung seiner europäischen Rechte und Pflichten befähigter demos, sondern auch eine europäische Öffentlichkeit und Zivilgesellschaftlichkeit, ohne die diese Demokratie nicht lebensfähig sein wird.

Das Fehlen eines Bestands an Grundwissen und einer affektiven Dimension, der informierten und bewussten Zustimmung ihrer Bürger, macht sich immer deutlicher bemerkbar. Der Pass allein genügt nicht; benötigt wird ein umfassendes Konzept, den Bürger zum informierten, kritischen, partizipativen und verantwortungsbewussten Unionsbürger zu qualifizieren, der zumindest ein europäisches Bewusstsein empfindet und sich mit diesem komplexen und schwer fassbaren supranationalen Gebilde auch zu identifizieren vermag.


Fußnoten

5.
Die beiden für die EDC-Inhalte zentralen Studien sind: Karlheinz Dürr/Vedrana Spajic-Vrkas/Isabel Fereire Martins, Strategies for Learning Democratic Citizenship, DECS/EDU/CIT (2000) 16, Strasbourg 2000; Cesar Birzea, Education for Democratic Citizenship: A Lifelong Learning Experience, Council of Europe Document DGIV/EDU/CIT (2000)21. (Zugriff auf alle vier Studien: www.coe.int/edc.)
6.
Karlheinz Dürr, The School - a democratic learning community. The All-European Study on Pupils' Paricipation in School, Council of Europe Document DGIV/EDU/CIT (2003) 23; Ce'sar Birze'a/David Kerr et al., The All-European Study on Education for Democratic Citizenship Policies, Council of Europe Publishing, November 2004. (Zugriff auf beide Studien: www.coe.int/edc.)
7.
Tatsächlich ist der Begriff "politische Bildung" gerade in postkommunistischen Gesellschaften vorbelastet; in der europäischen Diskussion wurden seine direkten Übersetzungen als Bezeichnung für das Projekt wegen der damit implizierten Einengung auf "politisches" Lernen nie in Betracht gezogen.
8.
Vgl. K. Dürr (Anm.6).
9.
Vgl. Anm. 5 und 6.