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29.8.2005 | Von:
Karlheinz Dürr

Die Europäisierung der Demokratiebildung

European Union Citizenship Education

Die Union erweitert sich nicht nur, sie vertieft sich auch. In Vorlagen wie der Lissabon-Strategie (nach der die Union zur "wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Gesellschaft der Welt" werden soll) oder dem Memorandum der Kommission zum Lebenslangen Lernen wird das Entstehen eines "europäischen Bildungsraums" erkennbar. Dies betrifft auch die Demokratiebildung: Ein supranationales Gebilde, das sich zunehmend politisch-gesellschaftlich definiert, Solidarität einfordernde Politikbereiche reklamiert und deshalb auf die Identifikation seiner Bürgerschaft nicht mehr verzichten darf, kommt letztlich nicht ohne eine Normengrundlage, also eine Verfassung aus und kann weder der Debatte über die ihm zu Grund liegenden Werte ausweichen, noch darf es auf bewusstseins- oder identitätsstiftende Strategien und Politiken verzichten. Das gilt besonders mit Blick auf die normativ verankerte Unionsbürgerschaft. Denn es ist offenkundig, dass für die Befähigung zur Unionsbürgerschaft besondere Kompetenzen und Fertigkeiten nötig sind, welche die im nationalen Kontext zu vermittelnden nicht nur ergänzen, sondern erweitern und auf eine neue Ebene heben. Auf längere Sicht wird dieses supranationale Gebilde nur funktionsfähig bleiben, wenn es gelingt, ein Minimum an Identifikation in der Unionsbevölkerung zu erzeugen, seine historische Dimension bewusst zu machen, den schlechten Wissensstand der Unionsbevölkerung über Europa, die Mitgliedsvölker und -nationen und den Einigungsprozess zu bearbeiten, eine objektive Wahrnehmung der Union zu ermöglichen und den Aufbau einer europäischen Zivilgesellschaft zu fördern, ohne die eine kritische, partizipative und verantwortungsvolle Unionsbürgerschaft kaum möglich erscheint. Das alles gehört zu den originären Aufgaben politischer Bildungsarbeit.

Prämissen der EUCE

Die Hürden sind hoch. Es geht darum, ein neues - eben europäisches - Bewusstsein als Bestandteil der Lebenswirklichkeit zu vermitteln, das nationale, regionale und lokale Befindlichkeiten keineswegs verdrängt, sondern ergänzt. Dabei muss das Rad nicht neu erfunden werden: Die Konzepte, Prämissen, Ansätze zum Demokratie-Lernen in Europa und das vom EDC-Projekt geschaffene Fundament bilden eine solide und breite Ausgangsbasis für den unionsbürgerschaftlichen Bildungsprozess. Auch die in der politisch-demokratischen Bildung unterschiedenen allgemeinen bürgerschaftlichen Leitbilder des "informierten und urteilsfähigen Zuschauers", des "interventionsfähigen Bürgers" und des "Aktivbürgers"[14] können für die unionsbürgerschaftliche Bildung gelten. Ziel muss es sein, möglichst viele desinteressierte, uninformierte und nur bedingt urteilsfähige Unionsbürgerinnen und -bürger zumindest auf die Ebene des "informierten, kritischen, urteilsfähigen europäischen Beobachters" zu heben. Eine spezifische Europakompetenz ist zu entwerfen, die auf die nachhaltige Stimulierung eines europäischen Bewusstseins gerichtet ist. Sie muss kognitive und soziale sowie affektive Elemente wie Empathie, Solidarität und Toleranz beinhalten und im Übrigen die Perspektiven in einem geeinten Europa aufzeigen - für die individuellen Lebens- und Selbstverwirklichungschancen wie auch für die Zukunft Europas.

Der Bildungsprozess muss zum frühest möglichen Zeitpunkt einsetzen (Vorschule) und in alle Ebenen und Stufen des Bildungswesens transferiert und alters- und schulstufenspezifisch strukturiert werden. Er bietet neue und aufregende Chancen, die immer wieder geforderte Verknüpfung von schulischen und außerschulischen Lernprozessen endlich zu realisieren. In der außerschulischen Jugend- sowie der Erwachsenenbildung müssen Formen des Anknüpfens an und Zusammenwirkens mit schulischen Lernprozessen und entsprechende Jugend- und Erwachsenenbildungsangebote in einem lebenslangen Lernprozess entwickelt werden.

Dimensionen der Europakompetenz

Europa zu erlernen erfordert die Vermittlung der zum Verständnis des Gegenstandsbereichs unverzichtbaren kognitiven Elemente, welche die Ausstattung für eine aktive und kritische Wahrnehmung der Unionsbürgerschaft liefern, z.B. europäische Integration, Organe, Politikbereiche, der Interessenvermittlung und Partizipationsmöglichkeiten. Europa zu erfahren ist nicht schwer - vom Wochenmarkt über Musik und Literatur bis hin zu Sport-, Kultur- und Unterhaltungsveranstaltungen, von Begegnungen, Austauschbeziehungen, Schul- und Klassenpartnerschaften, internationalen Wettbewerben bis hin zum Tourismus bieten sich viele Möglichkeiten, Europa als Lebens- und Erfahrungsraum wahrzunehmen. In und für Europa handeln heißt, sich aktiv einzubringen. Von Jugendbewegungen über das Europäische Jugendparlament bis hin zu Parteien, Interessenverbänden und ehrenamtlichen Vereinigungen bestehen zahlreiche Gelegenheiten zur Mitwirkung, wie auch im Rahmen von Netzwerken (Schulnetze), bei denen Europa durch gemeinsame Projektarbeit handelnd erschlossen wird. Europa als Lebens- und Zukunftsperspektive erkennen bedeutet, der Entwicklung einer europäischen Perspektive des Einzelnen einen zentralen Stellenwert einzuräumen, also zu verdeutlichen, wie und in welchem Ausmaß sich die europäische Einigung auf seine Lebens- und Zukunftsperspektiven und seine Selbstverwirklichungschancen durch Arbeit und Beruf auswirkt.


Fußnoten

14.
Peter Massing, Bürgerleitbilder - Anknüpfungspunkte für eine europazentrierte Didaktik, in: Georg Weißeno (Hrsg.), Europa verstehen lernen. Eine Aufgabe des Politikunterrichts, Bonn 2004, S. 149f.