30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

13.6.2005 | Von:
Milena Wazeck

Wer waren Einsteins Gegner?

Die Academy of Nations

In den USA wurde 1921 die Academy of Nations (AoN) gegründet. Aufnahmeformulare der Mitglieder und der Briefwechsel zwischen europäischen Regionalverantwortlichen und dem amerikanischen Generalsekretär befinden sich in den Nachlässen von Arvid Reuterdahl (1876 - 1933) in St. Paul, Minnesota, und von Ernst Gehrcke in Berlin.

Der anspruchsvolle Name der Akademie und die gedruckten Formulare und Briefbögen wirken seriös. Doch eine erste Recherche förderte rein gar nichts zutage. Ich habe dann versucht, die Geschichte der rätselhaften AoN anhand der Dokumente in Minnesota und Berlin zu rekonstruieren. Sehr bald wurde klar, dass die AoN keine bekannte oder gar offizielle Akademie war. Es handelte sich vielmehr um die Institutionalisierung eines internationalen Netzwerkes von Einstein-Gegnern, eine Art Anti-Einstein-Akademie.

Die AoN war ein Projekt des amerikanischen Ingenieurs Arvid Reuterdahl, von 1918 bis 1922 Dekan der Faculty of Engineering and Architecture der Universität St. Thomas in St. Paul und ab 1922 Leiter des von ihm gegründeten Ramsey Institute for Technology. Ziel der AoN war es, gegen den weltweiten Trend der Spezialisierung der Wissenschaft eine Einheit und Synthese des Wissens zu erzielen. Was auf den ersten Blick als lobenswertes Ziel erscheinen mag, verliert von seinem Glanz, wenn man berücksichtigt, dass die AoN alle Bereiche des Lebens von einer Art Einheitswissenschaft geleitet sehen wollte. Kontroversen wissenschaftlicher oder philosophischer Art wurden nicht akzeptiert, sondern sollten vor einem Welttribunal entschieden werden.

Noch fragwürdiger wird die Einheitswissenschaft der AoN, wenn man die Schriften des Gründers Reuterdahl studiert: Es ging ihm um die Vereinigung von Gott und Naturwissenschaft in einer "New Science", einem "Scientific Theism". Reuterdahl war nicht nur Universitätsprofessor, sondern zugleich auch überzeugter Theist (Theismus verstanden als Glaube an einen persönlich wirkenden, überweltlichen Gott). Er war Herausgeber des "Theistic Monthly", Mitbegründer der Interchurch Theistic Alliance und der International Theistic Society. Der angesehene Bürger St. Pauls war der Lokalmatador der Einstein-Gegner in der Hauptstadt Minnesotas - mit besten Verbindungen zur amerikanischen wie europäischen Szene der Einstein-Gegner. Regelmäßig erschienen Artikel über Reuterdahls Kritik der Relativitätstheorie in den Regionalzeitungen von St. Paul und Minneapolis. "Einstein Branded Barnum of Science, Minnesota Man Calls Relativity 'Bunk'", titelte die "Minneapolis Sunday Tribune" beispielsweise am 10. April 1921, illustriert mit einem Portrait von Reuter- dahl.

Das Feindbild der "New Science" ist schnell ausgemacht. Was könnte die moderne Spezialisierung und Unverständlichkeit der Wissenschaft besser symbolisieren als die Relativitätstheorie, die seit 1919 wie keine wissenschaftliche Theorie zuvor in der Öffentlichkeit präsent war? Die Hälfte des Gründungsmanifests der AoN polemisiert gegen die Relativitätstheorie. Bereits die ersten Sätze lassen keinen Zweifel daran, als welch bedeutende Bedrohung die Relativitätstheorie wahrgenommen wird: "We are emerging from a period of material and intellectual chaos. Nations have clashed in war. The intellectual world is still in conflict on the fields of knowledge. Never before has the demarcation between intellectual camps been so clearly defined. The meteoric rise of Einstein marks the beginning of this division in the modern kingdom of intellect. (...) Now the intellectual world is divided broadly into the Relativistic and the Anti-Relativistic schools. Einstein has served as a chemical reagent which has precipitated relativity from the present content of knowledge as a mass insoluble to the average man."[3]

Die AoN in den USA verstand sich als Keimzelle einer internationalen Gegenbewegung gegen die Einstein unterstellte Zersplitterung des Wissens. Reuterdahl sprach Anfang 1922 von der Gründung von Regionalinstituten in Schweden, Deutschland, der Schweiz, Jugoslawien und Spanien. In weiteren sechs europäischen Ländern seien Institute geplant.[4]

Enger Mitstreiter Reuterdahls war Robert T. Browne, der als Generalsekretär der AoN fungierte. 1919 publizierte er "The Mystery of Space", ein parapsychologisches Buch über die Dimensionen des Raumes. Dass sich die AoN in den USA in Richtung einer theistischen Sekte entwickelte, kann nur vermutet werden. In okkultistisch-esoterischen Kreisen wird Browne noch heute als Autorität angesehen. Reuterdahl entwickelte seit der Jahrhundertwende eine neue Theorie über Licht und Gravitation im Rahmen seiner "New Science", eine okkulte Strahlentheorie mit Referenzen zu der von Freiherr Karl von Reichenbach postulierten "Odkraft", ein dem Magnetismus ähnliches Fluid, bzw. eine Art Aura.

Neben der Verhinderung der Einheit des Wissens warf Reuterdahl Einstein Plagiarismus vor, denn er selbst habe bereits lange vor 1905 über eine Raum-Zeit-Union gearbeitet und auf die Annahme eines Äthers verzichtet. Reuterdahls Vereinigung von Raum und Zeit im "Space-Time-Potential" hat allerdings mit der Speziellen Relativitätstheorie nicht das Geringste zu tun. Für diese und ähnliche von anderen Einstein-Gegnern erhobene Plagiatvorwürfe reichte bereits, dass man ebenfalls ohne das Ätherkonzept auskommt oder Raum und Zeit in irgendeiner Form verbindet.

Zum engeren Kreis um Reuterdahl gehörte außerdem der populäre, in Fachkreisen allerdings weitgehend isolierte Astronom und Äthertheoretiker Thomas J.J. See vom Observatorium in Mare Island. See hatte Anfang der zwanziger Jahre mehrere polemische Artikel wie "Is the Einstein Theory a crazy vagary?"[5] in der amerikanischen Presse veröffentlicht. In Kontakt zu Reuterdahl standenauch der Ingenieur Eyvind Lee Heidenreich, ein Anhänger von Reuterdahls "New Science", der Windkraft-Pionier Charles Francis Brush, der gegen Einstein eine alternative Stoßtheorie der Gravitation vertrat, sowie Charles Lane Poor, Professor an der Columbia University, der mehrere Artikel gegen die experimentelle Bestätigung der Relativitätstheorie veröffentlichte und ebenfalls Plagiatvorwürfe gegen Einstein erhob.


Fußnoten

3.
Arvid Reuterdahl, The Academy of Nations - Its Aims and Hopes, in: The Dearborn Independent vom 7.1. 1922, S. 14.
4.
Vgl. ebd.
5.
Thomas J.J. See, Is the Einstein Theory a Crazy Vagary?, in: The Literary Digest vom 2.6. 1923.