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13.6.2005 | Von:
Milena Wazeck

Wer waren Einsteins Gegner?

Relativitätstheorie und Weltanschauung

Wie konnte es zu einer Allianz von amerikanischen Theisten und deutschen Ätherphysikern kommen? Welche Bedrohung stellte die Relativitätstheorie dar, um solche Bündnisse entstehen zu lassen? In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stand die Relativitätstheorie für mehr als nur für eine neue wissenschaftliche Theorie. Sie vollzog öffentlich die Ablösung des klassischen Wissenschaftsverständnisses, dem zufolge davon ausgegangen wird, dass die Naturforschung die "absolute Wahrheit" über die Wirklichkeit herauszufinden habe. Ein rechter "Naturforscher", wie Gehrcke sich selbst gerne im Gegensatz zu "Mathematikern" wie Einstein bezeichnete, sah die Suche nach der Wahrheit als zentrale Aufgabe an.[21] Die konstruktivistische Bescheidenheit moderner Wissenschaft war ihm, wie vielen seiner Zeitgenossen, fremd. "Es tut wohl, auf so fester Grundlage sich zu bewegen und einen Naturforscher noch immer mit der Wahrheit beginnen zu sehen", lobte Lenard Gehrckes Ansicht.[22]

Dieses Wissenschaftsverständnis wurde von breiten Kreisen der Bevölkerung geteilt. Das 19. Jahrhundert war die Blütezeit der Populärwissenschaft gewesen. Georg Büchners Kraft und Stoff, Julius Bernsteins naturwissenschaftliche Volksbücher, Ernst Haeckels Welträtsel stellten die Frage nach der Grenze der wissenschaftlichen Welterkenntnis nicht. Das populäre Bild vom Wissenschaftler war nicht das eines Ignorabimus-Wissenschaftlers, der der Natur sein "Und wir werden es nie wissen" entgegenschleudert. Die Popularität der Relativitätstheorie machte erstmals für breite Kreise ein bescheideneres Wissenschaftsverständnis publik. Einstein beschrieb die Natur mathematisch, er unternahm keine Wesensschau. Unanschaulichkeit und Ausklammerung der Wahrheitsfrage wurde ihm nicht nur von Physikern wie Gehrcke und Lenard, sondern auch in der Tagespresse und in Anti- Einstein-Pamphleten aus dem Bildungsbürgertum vorgeworfen. Anschaulichkeit und Wahrheit gingen dabei Hand in Hand. Anschaulichkeit wurde als Kriterium für Wahrheit angesehen: Nur was dem gesunden Menschenverstand ohne große mathematische Vorbildung einsichtig ist, kann wahr sein.

War diese Kritik an der Relativitätstheorie folglich eine rein epistemologische, basierend auf einem naivem Wissenschaftsverständnis? Natürlich sind Fragen wie die, ob man die ewig linear ablaufende Zeit dehnen und relativieren darf, zunächst einmal unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft oder einer politischen Überzeugung und wurden auch von Kritikern Einsteins jüdischer Herkunft wie z.B. dem Prager Philosophen Oskar Kraus gestellt. Es greift zu kurz, den Kampf gegen die Relativitätstheorie in den zwanziger Jahren in Europa und in den USA als eine einseitig nationalistisch oder antisemitisch motivierte Kampagne zu charakterisieren.

Dennoch hatte die Auseinandersetzung mit der Relativitätstheorie selbst in dieser epistemologischen Dimension bereits politische Qualität. Die Forderung der Einstein-Gegner nach Anschaulichkeit, Einfachheit und Wahrheit bezog sich fast immer auf eine weltanschauliche Bedeutung der Naturwissenschaft. Auch war die Berufung auf den "gesunden Menschenverstand" nur vordergründig unpolitisch: Was der "gesunde Menschenverstand" als "gesund" und "normal" ansieht, ist höchst variabel. Der "gesunde Verstand" wurde etwa bei Lenard, der aus seinen antisemitischen Überzeugungen keinen Hehl machte, sofort mit dem "gesunden deutschen Denken" identifiziert und in Gegensatz zum "abstrakten", ja "wirren" jüdischen Denken gesetzt: hier deutsche Naturforschung, dort die Auflösung der Wirklichkeit in einen Tanz von Symbolen.

Die Person Albert Einstein - Demokrat, Pazifist, Jude - wurde im Kampf gegen die Relativitätstheorie selten ausgeklammert. Amateurwissenschaftler Ziegler sah in der intensiven Medienberichterstattung über Einstein und seine Theorie eine gezielte Kampagne und konstruierte daraus eine jüdische Verschwörung gegen die "reine Wissenschaft", als er in den "Luzerner Neuesten Nachrichten" vom 28. Oktober 1922 erklärte, dass "die große Presse in Deutschland fast ausschließlich in den Händen der Volksgenossen Einsteins" sei und aus diesem Grunde "eine öffentliche Diskussion im ausschließlichen Interesse des Einsteinianismus" bekämpfe.

Auch Gehrcke und Reuterdahl schlugen den Bogen zur Verschwörungstheorie: Für Gehrcke war die öffentliche Begeisterung für die Relativitätstheorie eine durch gezielte Reklame ausgelöste Massensuggestion. Reuterdahl erklärte die Mitte der zwanziger Jahre zunehmende Zurückhaltung einiger Einstein-Gegner so: "The opponents to Einstein (...) fear Jewish influence which is so strong that, when exerted, these men may forfeit their positions."[23]


Fußnoten

21.
Vgl. Ernst Gehrcke, Physik und Erkenntnistheorie, Leipzig 1921.
22.
Lenard an Gehrcke, 21.6. 1921, Nachlass Gehrcke 3-F-13.
23.
Reuterdahl an Gehrcke, 17.2. 1924, Nachlass Gehrcke, 79-A-6.