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13.6.2005 | Von:
Milena Wazeck

Wer waren Einsteins Gegner?

Ein Wahrheitsbund?

Die vehemente Forderung nach Wahrheit (was immer die Mitglieder der AoN auch darunter verstanden) in Verbindung mit verschwörungstheoretischen Argumentationsfiguren ist eine typische Abwehrreaktion auf weltanschauliche Verunsicherung. Deshalb konnte sich auch der konservative Physiker Gehrcke mit dem Programm der AoN arrangieren: "Ich sehe den Hauptpunkt Ihres Programms in dem Begriff § 2 der Agenda: Truth! Es muß ein Wahrheitsbund werden, mit diesem positiven Inhalt finden sich allein die Menschen zu wirksamer Abwehr kulturfeindlicher Mächte zusammen. (...) Was wir wollen, ist ein Imperialismus der Wahrheit (...)."[24]

"Wirksame Abwehr kulturfeindlicher Mächte" - eine verräterische Formulierung. In ihrer Selbstwahrnehmung verstanden sich die Academy-Mitglieder nicht als Angreifer. Sie waren es, die sich von Einstein angegriffen fühlten: "Neu! Eine gemeinverständliche Verteidigung des gesunden Menschenverstandes gegen die Angriffe Einsteins", pries Vogtherr sein Werk "Wohin führt die Relativitätstheorie?" an. "Pressure is brought to lean on all opponents of Einstein here in America - plenty of it has been applied to me", berichtete Reuterdahl 1924 an Gehrcke.[25] Der Topos, nach dem die große Akzeptanz der Relativitätstheorie in Wissenschaft und Öffentlichkeit nur durch gezielte Reklame und Unterdrückung anderer Meinungen erreicht worden sei, findet sich bei vielen Einstein-Gegnern. Anders als mit Verschwörungstheorien - sowohl bei Gehrcke, als auch bei Reuterdahl, See und Ziegler mit antisemitischen Vorurteilen verbunden - konnte man sich nicht erklären, warum sich die Relativitätstheorie halten konnte. Man stilisierte sich als Opfer, das regelrecht gezwungen wird, sich gegen die Relativitätstheorie zu verbünden.

Die durch die Relativitätstheorie empfundene Bedrohung - ein Konglomerat aus Aufgabe der klassischen Physik, Statusverlust der Experimentalphysiker, Ablösung eines populären, ja vormodernen Wissenschaftsverständnisses sowie aus antisemitischen und nationalistischen Ressentiments - lässt andere, ansonsten in der wissenschaftlichen Kritik Einsteins schwer wiegende Unterschiede marginal erscheinen. Nur so ist es zu erklären, warum diese ungewöhnlichen Allianzen, die aus der Ablehnung der modernen Physik herrührten, entstehen konnten, und nur so ist nachzuvollziehen, warum der an der klassischen Ätherphysik festhaltende Physiker Gehrcke dem Theisten Reuterdahl, die Frage der Existenz des Äthers einfach vom Tisch wischend, schreiben konnte: "Ich sehe, daß wir in einzelnen physikalischen Punkten differieren, wie z.B. in der Frage des Äthers. Doch werden uns diese Differenzen in einzelnen Punkten nicht trennen; in der Hauptsache gehen wir zusammen."[26]


Fußnoten

24.
Gehrcke an Reuterdahl, 17.10. 1921, Nachlass Reuterdahl, 4 - 16.
25.
Reuterdahl an Gehrcke (Anm. 23).
26.
Gehrcke an Reuterdahl (Anm. 24).