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13.6.2005 | Von:
Siegfried Grundmann

Wissenschaft und Politik: Einsteins Berliner Zeit

Berufung und Förderung

Die Berufung Einsteins nach Berlin war eine wissenschaftspolitische Leistung ersten Ranges. Am 12. Juni 1913 hatten Max Planck, Walther Nernst, Heinrich Rubens und Emil Warburg die Aufnahme Einsteins als ordentliches Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften beantragt; am 12. November billigte Kaiser Wilhelm II. die Wahl. Die Antragsteller hatten nicht nur erkannt, dass "sich Einstein (...) schon mit jugendlichen Jahren einen Weltruf erworben" hatte[1], sondern sie waren auch selbst Physiker von internationalem Rang. Allen voran Planck, der mit der Schaffung der Quantentheorie im Jahre 1900 eine Revolution im physikalischen Denken eingeleitet hatte und schon 1909 erkannte, dass mit der durch Einsteins Relativitätsprinzip "im Bereich der physikalischen Weltanschauung hervorgerufenen Umwälzung (...) an Ausdehnung und Tiefe wohl nur die durch die Einführung des Copernikanischen Weltsystems bedingte zu vergleichen"[2] ist.

Die vier waren auch Koryphäen der Wissenschaftsorganisation und in Schlüsselstellungen der Forschung tätig. Planck war zurzeit von Einsteins Berufung Mitglied und Beständiger Sekretär der Berliner Akademie, Ordinarius für Theoretische Physik an der Berliner Universität, Rektor der Berliner Universität. Warburg war Professor für Physik an der Universität, Akademiemitglied undPräsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin, des damals bedeutendsten und bestausgerüsteten Physikinstituts Deutschlands. Dort machte Rubens Experimente, die eine entscheidende Rolle bei der Geburt der Quantentheorie spielen sollten; auch er war Ordinarius für Physik und Akademiemitglied. Nernst war nicht nur Ordinarius für Physikalische Chemie an der Berliner Universität, sondern auch ein Mann mit guten Beziehungen zur Großindustrie, zur Hochfinanz und zum Kaiser. Noch vor dem Wahlantrag hatte er dafür gesorgt, dass die nötigen Mittel für ein Extragehalt Einsteins besorgt waren - beim Bankier Leopold Koppel. Die so erreichte Aufstockung des Salärs hat Nernst später als seine größte organisatorische Leistung bezeichnet.

Die Berufung Einsteins war keine singuläre Aktion. Sie fügt sich ein in den Geist der Zeit und in die Wissenschaftspolitik im Kaiserreich. Die von Francis Bacon stammende, von Rudolf Virchow auf der Naturforscherversammlung 1886 erneut proklamierte Losung "Wissen ist Macht" war ein einigendes Band aller Schichten und Parteien, ungeachtet aller Gegensätze von Sozialdemokratie und Kaiserhaus. Wie kein Staatsoberhaupt nach ihm hat sich der deutsche Kaiser für die Förderung von Wissenschaft und Technik eingesetzt - nicht allein kraft seines Amtes, sondern auch auf Grund von soliden Kenntnissen und vielfältigem Interesse insbesondere auf technischem Gebiet (allerdings mit einer zuweilen von Speichelleckern in seinem Umfeld geförderten Oberflächlichkeit). Er mag als Operettenkaiser und Großmaul belächelt werden: Hinsichtlich der Wissenschaftspolitik war und ist er (abgesehen von gelegentlich anmaßendem Urteil) ein Vorbild.

Dem Beispiel des Kaisers sind viele gefolgt. Heute unvorstellbar: Viele der Sponsoren - z.B. Koppel - lehnten die öffentliche Nennung ihres Namens ab. Man wollte selbstlos dem Fortschritt der Wissenschaften, der Technik und der Künste dienen, aber selbstverständlich auch dem Wohl des deutschen Vaterlands. Zahlreiche Juden waren dabei, darunter Mäzene und dem Hofe nahe stehende "Kaiserjuden" wie der Großreeder Albert Ballin, der Kaufmann und Kohlenhändler Eduard Arnhold, der Textilindustrielle James Simon sowie Bankier Koppel. Der Kaiser hat - was er später bedauerte - "Juden zu Tisch gehabt, Judenprofessoren unterstützt und ihnen geholfen"[3]. Ungeachtet der 1879, im Geburtsjahr von Einstein, verkündeten Losung des Historikers Heinrich von Treitschke "Die Juden sind unser Unglück" hatte der Antisemitismus das Denkvermögen der Herrschenden und Beherrschten noch nicht zerfressen.

Die materielle Basis dieser Wertschätzung wissenschaftlicher Arbeit war der erwiesene Gebrauchswert derselben. Symptomatisch dafür ist, dass auch ein Wissenschaftler an der Wiege des 1871 entstandenen Kaiserreichs gestanden hat: der Geologe Wilhelm Hauchecorne. "Die ursprünglich vom deutschen Generalstab vorgeschlagene Grenzziehung verlief so, daß Frankreich den größeren und wertvolleren Teil des lothringischen Erzgebietes behalten hätte."[4] Eine Denkschrift Hauchecornes war Anlass zur Revision: Das auf dem annektierten Territorium geförderte Eisenerz (1913: 21,1 Millionen Tonnen gegenüber 364 000 Tonnen 1871) wurde zur wichtigen Grundlage der deutschen Rüstung und für die erneute Abrechnung mit dem Erzfeind Frankreich. Ein Wissenschaftler war es auch, der die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und den Untergang des Kaiserreichs zwar nicht verhindern konnte, aber hinauszögerte: der mit Einstein befreundete Entdecker der Ammoniaksynthese und "Erfinder" des Gaskrieges, Fritz Haber.

Nicht weniger bedeutsam war, dass die Wissenschaften die Lebensbedingungen und die Lebensweise einer Generation grundlegend veränderten. Dank Robert Koch und anderen Ärzten verringerte sich die Zahl der Mütter und Väter, denen Infektionskrankheiten die Neugeborenen entrissen. Die Revolutionierung der Produktivkräfte setzte auch Arbeitskräfte frei, aber die Expansion der Produktion, der Migrationsströme auslösende Bedarf nach zusätzlichen Arbeitskräften kompensierte die Freisetzungen allemal. So entstand ein bis dahin nie gekannter Glaube an die Macht der Wissenschaft und für viele die Hoffnung, auf der Basis wissenschaftlicher Forschung die Soziale Frage lösen zu können. Noch verbarg sich das Janusgesicht wissenschaftlich-technischen Fortschritts weitgehend hinter den im Alltag sichtbaren Wohltaten.

So war jenes Berlin, in das Einstein kam, eine Metropole der Wissenschaft und in der physikalischen Forschung die Hauptstadt überhaupt. Bis zum Kriegsbeginn 1914 "galt Deutschland nicht nur für die relativ kleine 'scientific community' Großbritanniens, sondern auch für große Teile der britischen Öffentlichkeit als Land der Wissenschaft"[5]. Es war international eine Ehre, in Berlin studieren und forschen zur dürfen - allemal dann, wenn die Arbeitsbedingungen so vorzüglich waren wie im Falle Einsteins: niemandem sonst als dem eigenen Gewissen verpflichtet an der Universität lehren dürfen, aber nicht müssen, und weitgehend frei von materiellen Sorgen. Man durfte erwarten, dass das "prämiierte Leghuhn"[6] Eier legt, und wurde nicht enttäuscht. Die Kriegsjahre gehören zu den produktivsten im Leben des Wissenschaftlers Albert Einstein.


Fußnoten

1.
Wahlvorschlag für A. Einstein zur Aufnahme als ordentliches Mitglied in die Akademie der Wissenschaften, Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, II-III-36.
2.
Zit. nach Armin Hermann, Einstein. Der Weltweise und sein Jahrhundert. München 1994, S. 156.
3.
Zit. nach Willibald Gutsche, Ein Kaiser im Exil. Der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. in Holland. Eine kritische Biographie, Marburg 1991, S. 208 - 209.
4.
Autorenkollektiv unter der Leitung von Hubert Laitko, Wissenschaft in Berlin. Von den Anfängen bis zum Neubeginn nach 1945, Berlin (Ost) 1987, S. 186 f..
5.
Peter Alter, Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in den deutsch-britischen Wissenschaftsbeziehungen, in: Rudolf Vierhaus/Bernhard vom Brocke (Hrsg.), Forschung im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft. Aus Anlaß des 75jährigen Bestehens der Kaiser- Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft, Stuttgart 1990, S. 726.
6.
"Die Herren Berliner spekulieren mit mir wie mit einem prämiierten Leghuhn; aber ich weiß nicht, ob ich noch Eier legen kann", sagte Einstein damals zu einem seiner Freunde. Zit. nach Friedrich Herneck, Albert Einstein. Ein Leben für Wahrheit, Menschlichkeit und Frieden, Berlin (Ost) 1963, S. 122.