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13.6.2005 | Von:
Siegfried Grundmann

Wissenschaft und Politik: Einsteins Berliner Zeit

Die Vermarktung eines Gelehrten

Gegen Ende des Weltkriegs rüstete die Royal Society of London zwei wissenschaftliche Expeditionen aus, um durch Beobachtung der Sonnenfinsternis am 29. Mai 1919 die Gültigkeit der Relativitätstheorie Einsteins empirisch zu prüfen. Am 6. November wurde das Resultat in einer gemeinsamen Sitzung der Royal Society und der Royal Astronomical Society mitgeteilt: Die Voraussage Einsteins über die Ablenkung des Sternenlichts in der Nähe großer Massen habe sich als richtig erwiesen.

Innerhalb von wenigen Tagen war Einstein, wie am 14. Dezember 1919 auf dem Titelblatt der "Berliner Illustrirten Zeitung" zu lesen war, "Eine neue Größe der Weltgeschichte", und begonnen habe "eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte (...) unlösbar verbunden mit dem Namen Albert Einstein". Wenig später, am 5. Februar 1920, nannte ihn das "Volksblatt in Spandau" ein "Stück deutscher Valuta". Die Verehrung nahm zuweilen religiöse Maße an. Der Einstein-Gegner Ernst Gehrke hatte Recht, wenn er von einer Massenpsychose sprach. Die Leute applaudierten, obwohl die wenigsten die Theorie begriffen hatten - trotz redlichem Bemühen, trotz populärer Darstellungen, trotz eines "Einstein-Films".

20 Tage nach Bekanntgabe der britischen Expeditionsergebnisse, am 26. November 1919, beantragte der Staatshaushaltsausschuss der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung, "die Staatsregierung zu ersuchen, im Einvernehmen mit der Reichsregierung die Mittel bereitzustellen, um Deutschland die weitere Mitarbeit mit den anderen Nationen zum Ausbau der grundlegenden Entdeckungen Albert Einsteins und diesem selbst weitere Forschung zu ermöglichen"[7]. Einstein hatte man gar nicht erst gefragt. Am 12. Dezember wurde der Antrag "ohne besondere Abstimmung (...) angenommen". Dem Antrag wurde von keinem einzigen Abgeordneten widersprochen. Dabei war die Debatte zum Haushalt des Kultusministeriums erregt, hart an der Grenze persönlicher Beleidigungen verlaufen.

Warum diese Eile? Weil Einstein Großes in der Wissenschaft geleistet hatte? Vergleichbares hatte auch ein anderer vollbracht: Max Planck. Und um zu wissen, dass Einstein ein ganz Großer war, hatte es der britischen Expedition nicht bedurft. Das wussten kompetente Leute schon vor seiner Berufung nach Berlin, und die Allgemeine Relativitätstheorie war nicht gänzlich neu, Einstein hatte diese bereits drei Jahre vorher geschaffen.

Der Abgeordnete Arthur Schloßmann (Deutsche Demokratische Partei/DDP) hat den Antrag auf der 94. Sitzung der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung am 10. Dezember 1919 wie folgt begründet: "Wir leben in einer Zeit, in der alle Werte umgewertet sind (...). Nur das, was im Ausland Wert hat, bedeutet leider auch bei uns in der Heimat noch etwas, und zu den Dingen, die sich dieser unbedingten Wertschätzung auch heute noch erfreuen, gehören unsere Universitäten und Hochschulen. Der erfreuliche Beweis für diese Tatsache ist ja darin gegeben, (...) daß gerade in der letzten Zeit drei deutsche Gelehrte, drei preußische Naturforscher mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden sind: die Herren Planck und Haber in Berlin und Professor Starck in Greifswald. (...) Neben diesen drei Nobelpreisträgern nenne ich Ihnen einen Mann, der die deutsche Wissenschaft im Auslande außerordentlich an Wert gehoben hat, Herrn Albert Einstein, den Mann, der in der Naturerkenntnis neue Bahnen und neue Wege gezeigt hat und der den größten Geistern aller Zeiten gleichberechtigt zur Seite steht. (...) Das sind Lichtblicke in unserer so dunklen Zeit. Das sind Männer, die uns den wirklichen Wert zum wahren Völkerbunde führen; denn die wahre und klare Wissenschaft kennt keine Grenzpfähle. Die Gemeinschaft aller Wissenschaftler ist zugleich die Gemeinschaft der Menschheit, und eine solche kosmopolitische Auffassung, eine Auffassung, die neben der nationalen sehr wohl Platz hat, wollen wir uns erhalten wissen. Wer diese Beziehungen, die Beziehungen der deutschen Wissenschaft zu den Wissenschaftlern anderer Länder schädigt, zerschlägt damit die letzten Rettungsboote, die uns unter Umständen in das Land einer glücklichen Zukunft führen können."[8]

Das waren die Gründe der außergewöhnlichen Bereitstellung öffentlicher Mittel für Einsteins Arbeit "in dieser Zeit grösster Not", wie Einstein selbst zu bedenken gab.[9] Dem auf dem Schlachtfeld unterlegenen Deutschland war wenig geblieben. Am 28. Juni 1919 hatten die Siegermächte die Deutschen zur Unterzeichnung des Versailler Vertrages genötigt. Der Glaube an Kaiser, Gott und Vaterland war zerbrochen, die Armee besiegt, die Wirtschaft zerstört. Das Land litt unter Gebietsabtretungen und Bevölkerungsverlusten, das internationale Ansehen Deutschlands war ramponiert. Zum wenigen, was geblieben war und den Krieg nahezu unversehrt überstanden hatte, gehörte die Wissenschaft, und selbst diese wollten die Sieger mit einem Boykott dauerhaft schädigen.

Da schien die auch vom "feindlichen" Ausland gezollte Anerkennung Einsteins für das geschlagene und gedemütigte Deutschland ein Geschenk des Himmels zu sein. Der bedeutendste Gelehrte aller Zeiten: ein Deutscher. Man hatte zwar den Krieg verloren, glaubte aber nun, im Wettstreit der Ideen eine entscheidende Schlacht gewonnen zu haben. Dass ausgerechnet von britischer Seite die Bestätigung für die Richtigkeit von Einsteins Theorie kam, war eine besondere Genugtuung. Gleichzeitig wurde die Arbeit der Briten als Konkurrenz und Bedrohung empfunden. Diese waren bei der Prüfung der Theorie zwar vorangeprescht, die Führung aber musste bei den Deutschen bleiben.

So wurde Einstein nun, ob es ihm passte oder nicht, nationalistisch verwertet. Dass er das nicht wollte, erwies sich in der gegebenen Situation eher als Vorteil denn als Makel. Im Frühjahr 1922 war Einstein unschlüssig, ob er eine Einladung zu Vorträgen in Frankreich annehmen sollte, aber Reichsaußenminister Walther Rathenau drängte ihn zur Reise. Das hatte auch der Einstein-Gegner Gehrke erfahren: "Mir ist von Einstein nahestehender Seite versichert worden, daß dieser nur auf besondere Veranlassung des damaligen deutschen Außenministers Rathenau sich zur Fahrt entschlossen habe; Rathenau soll Hoffnungen auf eine Verständigung Deutschlands mit Frankreich an die Relativitätsreise nach Paris gesetzt haben."[10] Das Resultat bestätigte die damit verbundenen Hoffnungen. Entsprechend war die Bilanz des Botschafters Mayer: "(Es) unterliegt keinem Zweifel, daß Herr Einstein, der eben schließlich doch als Deutscher angesehen werden mußte, deutschem Geist und deutscher Wissenschaft hier Gehör verschafft und neuen Ruhm erworben hat."[11]

In dieser Weise war jeder der Botschaftsberichte über die zahlreichen Reisen Einsteins des Lobes voll - jedenfalls bis Mitte der zwanziger Jahre. "Ich stehe nicht an zu erklären, dass der Besuch Professor Einstein's das Interesse für unsere Kultur und damit auch das deutsche Ansehen mehr gefördert hat, wie das bisher irgend einem anderen Gelehrten gelungen ist. Leider bleibt der Einfluß der deutschen Kultur in Argentinien, wie in ganz Südamerika, immer noch unendlich weit hinter dem französischen zurück. Nicht nur die Mode, sondern auch die Bildung ist in den meisten Zweigen von Wissenschaft und Kunst und bei den meisten Menschen auf Paris als Vorbild eingestellt. Je mehr allmählich auch in Argentinien die Wahrheit über Kriegsschuldlüge und 'deutsches Barbarentum' zu dämmern beginnt, umso stärker entfaltet die französische Kultur-Propaganda hier ihre Tätigkeit mit großem Geschick und großen Mitteln. Bisher konnten wir diesen Bestrebungen einen entscheidenden Faktor nicht entgegenstellen. Jetzt kam zum ersten Mal ein deutscher Gelehrter hierher, dessen Name Weltruf besitzt und dessen naive, liebenswürdige, vielleicht ein wenig weltfremde Art dem hiesigen Volke ausserordentlich lag. Man hätte keinen besseren Mann finden können, um der feindlichen Lügenpropaganda entgegenzutreten und das Märchen von der deutschen Barbarei zu zerstören. Gneist"[12]

Er hätte es sich niemals träumen lassen, und wollte es niemals sein: Interessenvertreter der deutschen Kriegspartei, Werkzeug einer frankreichfeindlichen Kulturpolitik. Der Bericht des Gesandten Gneist belegt nicht nur, dass dieser Einsteins politische Auffassungen anscheinend nicht kannte, sondern auch, dass zwischen diesen und der tatsächlichen Wirkung Einsteins unterschieden werden darf. Schwierigkeiten des Umgangs mit dem diplomatischen Protokoll hatten im Falle Einstein positive Folgen. Ein Mann war nach Argentinien gekommen, "dessen naive, liebenswürdige, vielleicht ein wenig weltfremde Art" half, "der feindlichen Lügenpropaganda entgegenzutreten und das Märchen von der deutschen Barbarei zu zerstören".

Dem Interesse Deutschlands entsprach auch, dass Deutsch die Sprache Einsteins war. Wer Einstein hören wollte, musste bereit sein, die geächtete Sprache der Deutschen zu dulden. Im Februar 1923 hielt Einstein Vorträge in Jerusalem und Tel Aviv. Verärgert berichtete das Deutsche Auslandsinstitut Stuttgart an das Auswärtige Amt, die in hebräischer Sprache gedruckte Einladung habe "keinen einzigen europäischen (geschweige deutschen) Buchstaben" enthalten.[13] Umso größer war die anschließende Genugtuung des Auslandsinstituts: "Es war das erstemal nach dem Kriege, dass Jerusalem eine solch große Versammlung sah, die gekommen war, einem deutschen Professor bei seinem deutschen Vortrag zu lauschen."[14]


Fußnoten

7.
Akte Einsteins Relativitätstheorie, Geheimes Staatsarchiv - Preußischer Kulturbesitz (GStA-SPK), I. HA, Rep. 76 Vc Sekt. 1 Teil Vc Tit. XI Nr. 55.
8.
Protokoll der 94. Sitzung der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung vom 10.12. 1919.
9.
Einstein am 6. 12. 1919 an den Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, GStA-SPK, I. HA, Rep. 76 Vc Sekt. 1 Teil Vc Tit. XI Nr. 55.
10.
Ernst Gehrcke, Die Massensuggestion der Relativitätstheorie. Kulturhistorisch-psychologische Dokumente, Berlin 1924, S. 73.
11.
Deutsche Botschaft in Frankreich, Paris, 29.4. 1922, an das Auswärtige Amt, Politisches Archiv des Auswärtigen Amts (PA-AA), R 64677.
12.
Deutsche Gesandtschaft Buenos Aires, 30.4. 1925, an das Auswärtige Amt, PA-AA, R 64678.
13.
Auch Einstein hätte die Einladung nicht lesen können, er verstand kein Hebräisch.
14.
Hervorhebung von mir, S. G.