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13.6.2005 | Von:
Siegfried Grundmann

Wissenschaft und Politik: Einsteins Berliner Zeit

Subjekt der Politik

Botschafter Mayer hatte die besonderen Gründe für den Erfolg der Frankreich-Reise Einsteins genannt: "Wenn der Besuch Einsteins ohne größeren Mißton, ja sogar sehr befriedigend verlaufen ist, so ist dies hauptsächlich auf zweierlei Gründe zurückzuführen. Einmal handelte es sich bei Einstein um Sensation, die der geistige Snobismus der Hauptstadt sich nicht entgehen lassen wollte. Zum anderen war Einstein für Paris sorgfältigst 'möglich' gemacht worden dadurch, daß in der Presse allenthalben schon vor seinem Eintreffen festgestellt wurde, er habe das Manifest der 93 nicht unterzeichnet, er habe im Gegenteil ein Gegenmanifest unterschreiben wollen, seine oppositionelle Haltung zur Deutschen Regierung während des Krieges sei bekannt, endlich sei er überhaupt Schweizer und nur aus Deutschland gebürtig."

Mit dem "Manifest der 93" meinte Mayer den im September 1914 von 93 Wissenschaftlern, Künstlern und Schriftstellern Deutschlands unterzeichneten "Aufruf an die Kulturwelt", mit dem "Gegenmanifest" den von Georg Friedrich Nicolai unter Mitwirkung von Einstein im Oktober 1914 verfassten "Aufruf an die Europäer". Die Unterzeichner des "Manifestes der 93" hatten sich vorbehaltlos mit der deutschen Kriegführung solidarisiert. Mit einem sechsmaligen "Es ist nicht wahr" hatten sie jede Schuld, jedes Kriegsverbrechen der Deutschen geleugnet, den deutschen Militarismus als Beschützer deutscher Kultur verteidigt - "mit unserem Namen und unserer Ehre", darunter beinahe alle, welche später die Berufung Einsteins nach Berlin bewerkstelligten, die Professoren Planck, Nernst und Haber, sowie der Theologe Professor Adolf von Harnack.[15]

Im "Aufruf an die Europäer" dagegen distanzierten sich Einstein und Nicolai von den Kriegszielen der Deutschen, sie forderten einen Frieden, der nicht zur Quelle eines neuen Krieges werden kann. Sie verlangten die Bildung einer Gemeinschaft europäischer Staaten - bei Abgabe nationaler Kompetenzen an eine übernationale Institution. Nur zwei Wissenschaftler waren zur Unterzeichnung bereit. Mehr zu erwarten war naiv: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, hatten alle namhaften Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller den "Aufruf der 93" unterschrieben.

Weitsichtig war die von Einstein und Nicolai vorgetragene Analyse der vom Krieg markierten Zeitenwende: "Während Technik und Verkehr uns offensichtlich zur faktischen Anerkennung internationaler Beziehungen und damit zu einer allgemeinen Weltkultur drängen, hat noch nie ein Krieg die kulturelle Gemeinschaftlichkeit des Zusammenarbeitens so intensiv unterbrochen, wie der gegenwärtige. (...) Darf uns also dieser Zustand auch nicht wundernehmen, so wären doch diejenigen, denen jene gemeinsame Weltkultur auch nur im geringsten am Herzen liegt, doppelt verpflichtet, für die Aufrechterhaltung dieser Prinzipien zu kämpfen. Diejenigen aber, bei denen man solche Gesinnung vermuten sollte - also vornehmlich Wissenschaftler und Künstler -, haben bis jetzt fast ausschließlich Dinge gesagt, die vermuten lassen, als ob mit der Unterbrechung der tatsächlichen Beziehungen auch selbst der Wunsch zu deren Fortsetzung geschwunden sei, sie haben aus einer erklärlichen Kampfstimmung heraus gesprochen - zum mindesten nicht zum Frieden geredet. Solche Stimmung ist durch keine nationale Leidenschaft zu entschuldigen, sie ist unwürdig dessen, was bisher alle Welt unter dem Namen der Kultur verstanden hat, und sollte sie Allgemeingut der Gebildeten werden, so wäre das ein Unglück. (...) Soll auch Europa sich durch Bruderkrieg allmählich erschöpfen und zugrunde gehen?"

Nach dem Krieg avancierte der "Aufruf an die Europäer" zu einem politisch wirksamen und verwertbaren Dokument. Einerseits war damit klargestellt, dass Einstein bereits im Kriege auf der Seite jener stand, die dem Vaterland den "Dolchstoß" in den Rücken versetzen werden - und deshalb auch mitschuldig am Diktat von Versailles waren. Ein Übriges tat Einsteins politisches Engagement nach dem Kriege, sein öffentliches Bekenntnis, ein "Jude von freiheitlicher, internationaler Gesinnung"[16] zu sein, seine pazifistische Betätigung, sein Einsatz für die deutsch-französische Verständigung. Die in der Gesellschaft der Deutschen gesammelten Erfahrungen und die schäbige Behandlung der Ostjuden selbst durch assimilierte Juden hatten 1920 dazu geführt, dass sich Einstein mit dem Zionismus solidarisierte.

Andererseits wurde das, was ihn bei vielen Deutschen zum "Landesverräter" werden ließ, im Ausland zu Einsteins Vorteil. Er war eben kein "richtiger" Deutscher, denn ein solcher hatte Patriot und Frankreichfeind zu sein. Selbst die an Einstein ergangene Einladung stieß in Frankreich (und anderswo) auf Widerstand: "Welches auch Einsteins politische Stellung gewesen sein mag", argumentierte die "Action Française", "es ist Deutschland selber, das man in seiner Person empfängt, es ist der deutsche Einfluß, der konsekriert wird. (...) (H)eute (...) haben wir alles zu fürchten vom deutschen Einfluß."[17] Haber, Mitunterzeichner des "Aufrufs der 93", war in Frankreich ohne Chance. Mit Einstein konnte und wollte man reden, mit Haber nicht. Einstein und kaum ein anderer war in der Zeit größter Not bereit, "das Odium der Internationalität auf sich zu nehmen"[18].

So leistete Einstein den entscheidenden Beitrag zur Durchbrechung des Boykotts der deutschen Wissenschaft und einen wichtigen Beitrag zur Wiederherstellung internationaler Verbindungen des deutschen Reiches. Die auswärtige Politik profitierte von eben jenen Haltungen und Aktivitäten Einsteins, die vom Reichsministerium des Innern, dem Reichskommissariat für die Überwachung der öffentlichen Ordnung und der politischen Polizei argwöhnisch observiert wurden. Mitte der zwanziger Jahre freilich, nach dem Ende der politisch unruhigen Nachkriegszeit und der Inflation, nach der 1926 erfolgten Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund, hatte Einstein seine Schuldigkeit getan. Er war politisch kaum noch brauchbar, nicht nur das, er wurde lästig. Seine Mitgliedschaft im Internationalen Komitee des Völkerbundes für Intellektuelle Zusammenarbeit, bis dahin vom Auswärtigen Amt missbilligt, wurde zu einem Objekt der Begierde und Einstein sukzessive aus der Kommission hinausgedrängt.

Während die Nationalsozialisten ihren Marsch auf Berlin vorbereiteten, blieb Einstein nicht nur seiner Gesinnung treu, er war auch immer häufiger auf Seiten der politischen Linken zu finden: Befürwortung des Volksentscheides zur Enteignung der ehemaligen Fürstenhäuser, Verlangen nach Abschaffung der Reichswehr und Propagierung der Verweigerung des Wehrdienstes, Mitarbeit in der kommunistischen "Roten Hilfe", Solidarität mit den zum Tode verurteilten amerikanischen Gewerkschaftsfunktionären Sacco und Vanzetti, Mitgliedschaft im kommunistisch beeinflussten "Bund der Freunde des Neuen Rußland", Werbereisen für die Zionistische Weltorganisation und vieles andere. Sein politisches Wirken fand im Gegensatz zur Zeit des Ersten Weltkrieges zunehmend eine Massenbasis.

Viele Personen, Parteien und Institutionen waren bemüht, Einstein als "Renommierbonze" zu benutzen. Reine Freude allerdings hatte kaum jemand mit ihm. Einstein passte nicht - angefangen bei der Kleiderordnung - in die gängigen Strukturen der Politik. "Parteidisziplin" ekelte ihn an; eine an sich vernünftige Idee nur darum zu verwerfen, weil diese aus der "falschen" Partei kommt, war nicht seine Sache - ein Spielverderber, und darum saß er nicht selten zwischen allen Stühlen. Vom Lob zur Beschimpfung durch ein und dieselbe Person war es oft nicht weit. Einstein war ein Intellektueller par excellence, vielleicht der Intellektuelle des 20. Jahrhunderts, ein auf hohem geistigen Niveau ruheloser und Unruhe stiftender Mensch. Von vornherein chancenlos waren bei ihm nur Militaristen, Faschisten und Antisemiten. Darum waren und sind alle Versuche, ihn für eine Partei requirieren zu wollen, vergebens.

Leute, die ähnlich dachten wie Einstein, die den Panzerkreuzerbau ablehnten und sich dem Fraktionszwang widersetzten, wurden Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre aus der SPD ausgeschlossen (mit dem Resultat der Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei/SAP), darunter der in enger Beziehung zu Einstein stehende Rechtsanwalt Kurt Rosenfeld. Leute, die dachten wie Einstein und sich von den Herrschaftsmethoden der Bolschewiki distanzierten, wurden Ende der zwanziger Jahre aus der KPD ausgeschlossen - sofern sie nicht von selber gingen (mit dem Resultat der Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands - Opposition/KPDO), darunter der Einstein nahe stehende Eduard Fuchs. Politisch am nächsten stand er Paul Levi - nach der Ermordung von Rosa Luxemburg Vorsitzender der KPD, 1921 wegen der Kritik am von Moskau verordneten Putschismus ausgeschlossen, dann erneut Mitglied der SPD, dort Leiter der von ihm gegründeten und vom Vorstand beargwöhnten "kommunistischen Arbeitsgemeinschaft".

Einstein verehrte "in Lenin einen Mann, der seine ganze Kraft unter völliger Aufopferung seiner Person für die Realisierung sozialer Gerechtigkeit eingesetzt hat", nannte ihn einen "Hüter und Erneuerer des Gewissens der Menschheit", vergaß aber nicht hinzuzufügen: "Seine Methode halte ich nicht für zweckmäßig."[19] Wie viele Intellektuelle der damaligen Zeit empfand er die Oktoberrevolution als Beginn einer neuen Epoche in der Geschichte der Menschheit, gleichzeitig verabscheute er die Missachtung bürgerlicher Freiheiten im kommunistischen Russland. Sein Vorwort zu Emil Gumbels Buch "Vom Rußland der Gegenwart", das er wegen dessen objektiver und vielseitiger Sicht bewunderte, darf auch dahingehend interpretiert werden, dass er sich wie Gumbel von Meinungen distanzierte, denen zufolge "Dantes Hölle ein Kindergarten gegen das heutige Rußland" war, ein nach Leichen stinkendes Land, aber auch von der Auffassung, dass "die dortige proletarische Revolution alle geistigen und produktiven Kräfte befreit habe" und "Rußland das fortgeschrittenste Land der Welt" geworden sei.

Vielleicht wäre der von Einstein gewählte, aber von beiden Seiten verschmähte "dritte Weg" der richtige gewesen. Auf Grund der Erkenntnis, "daß wir einer entsetzlichen Gefahr der Faschisierung entgegengehen", verlangte Einstein am 17. Juni 1932 zusammen mit Heinrich Mann und Käthe Kollwitz von Theodor Leipart, Ernst Thälmann und Otto Wels ein "Zusammengehen der beiden großen Arbeiterparteien" bei der bevorstehenden Reichstagswahl in Form der "Aufstellung gemeinsamer Listen"[20]; eine solche Entscheidung sei "lebensnotwendig für das ganze Volk". Vergebens: Für beide Arbeiterparteien war der Bruderzwist wichtiger als der gemeinsame Kampf gegen die faschistische Gefahr.

Die Idee einer Listenverbindung war nach Thälmanns Verständnis trotzkistisch und konterrevolutionär: "Herr Trotzki", erklärte er, "predigt den 'Block' der KPD mit der SPD 'gegen den Faschismus' (...)." Aber "(m)it Leuten, die endgültig ins Lager der Feinde übergegangen sind, verhandelt man nicht, mit ihnen schließt man keinen Block. (...) Man kann nicht den Hitlerfaschismus schlagen ohne den schärfsten Kampf gegen die Sozialdemokratie und für ihre Isolierung (...), ohne die Strategie des Hauptstoßes gegen die Sozialdemokratie"[21]. Eine förmliche Beantwortung des Schreibens von Einstein, Heinrich Mann und Kollwitz hatte sich erübrigt, denn mit Konterrevolutionären verhandelt und korrespondiert man nicht.


Fußnoten

15.
An die Kulturwelt, Flugblatt, Standort: Deutsche Bücherei.
16.
In: Berliner Tageblatt vom 27.8. 1920.
17.
Zit. nach Neue Zürcher Zeitung vom 27.3. 1922.
18.
Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Acta PrSB, Völkerbund I, Vol. 2.
19.
Gelegentliches von Albert Einstein. Zum 50. Geburtstag 14.3. 1929. Dargelegt von der Soncino Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches zu Berlin, Berlin 1929, S. 20, 21.
20.
Die Quelle des hier wiedergegebenen Aufrufs ist ein am 22. 6. 1959 im unter amerikanischer Hoheit stehenden Berlin Document Center angefertigter Film, Bundesarchiv Berlin, 62 FC. NS 26 - NSDAP-Hauptarchiv - Nr. 4104/13974 P.
21.
In: Die Rote Fahne vom 5.7. 1932.