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13.6.2005 | Von:
Irene Armbruster

Prophet des Friedens

Freud und Gandhi

Wieso teilen nicht alle Menschen diesen Widerwillen? Einstein sah sie durch Institutionen und Kirchen verführt, von Nationalismen und Despoten aufgehetzt. Deshalb fragte er 1932 Sigmund Freud, ob es eine Möglichkeit gebe, "die psychische Entwicklung der Menschen so zu leiten, dass sie den Psychosen des Hasses und des Vernichtens gegenüber widerstandsfähiger werden"[3]. Das Internationale Komitee des Völkerbundes für Intellektuelle Zusammenarbeit hatte ihm vorgeschlagen, einen Experten seiner Wahl mit einer Fragestellung seiner Wahl zu konfrontieren. Einstein war Freud nur zweimal kurz begegnet, er hielt sehr wenig von der Psychoanalyse, und erst im vorgerückten Alter fällte er ein milderes Urteil, aber die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges und die schwere Krise der Weimarer Republik ließen ihn dringend nach neuen Lösungen suchen: "Ich vertraue darauf, dass Sie auf Wege der Erziehung werden hinweisen können, die auf einem gewissermaßen unpolitischen Wege psychologische Hindernisse zu beseitigen imstande sind."[4]

Doch Freud konnte dem Suchenden nur wenig Hoffnung machen. Er erklärte ihm die menschliche Evolutionsgeschichte und die Funktionen des Destruktiven im Menschen und hoffte auf die weitere Entwicklung der Zivilisation: "Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg."[5] Im Frühjahr 1933 wurden die beiden Briefe der Koryphäen in kleiner Auflage veröffentlicht, doch sie gingen im Strom der Zeit unter.

Mit einem anderen wichtigen Friedensaktivisten stand Einstein ebenfalls in Kontakt: Mahatma Gandhi. Schon 1923 schrieb der Physiker Zeilen der Bewunderung über den Inder, Zeit seines Lebens argumentierte er oft mit dessen Gedanken. Einstein war vor allem von Gandhis moralischer Integrität angetan, auch wenn ihm viele seiner Instrumentarien fremd blieben. Einstein demonstrierte nicht, Hungerstreiks lagen ihm fern, und das Prinzip der Gewaltfreiheit war für ihn nur begrenzt einsetzbar: "Gewaltfreiheit ist zwar der klügste Weg, um mit Gegnern fertig zu werden, aber man kann sie nur unter idealen Bedingungen anwenden. Sie ist vielleicht in Indien gegen die Engländer anwendbar, aber nicht gegen die Nazis im heutigen Deutschland"[6], meinte er 1935 in einem Interview. Dennoch hatte Einstein 1931 einen Briefwechsel mit Gandhi aufgenommen und schrieb 1939 einen Essay zu dessen siebzigstem Geburtstag. In den späteren Jahren beschäftigte sich Einstein immer mehr mit Gandhi, und so war es nur konsequent, dass er in den fünfziger Jahren gegen die Verhöre der McCarthy-Ära gewaltlosen Widerstand im Sinne Gandhis forderte.


Fußnoten

3.
Albert Einstein/Sigmund Freund, Warum Krieg? Ein Briefwechsel, Zürich 1972, S. 20.
4.
Zit. nach ebd., S. 16.
5.
Zit. nach ebd., S. 47.
6.
Zit. nach O. Nathan/H. Norden (Anm. 2), S. 277.