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13.6.2005 | Von:
Irene Armbruster

Prophet des Friedens

Kriegstaumel in Berlin

Einstein hatte sich schon mit 15 Jahren gegen das Militär entschieden, auch weil ihm, wie Fritz Stern urteilt, "die vielgepriesene Schneidigkeit nicht lag"[7]. Er flüchtete in die Schweiz und kehrte 1913 erst wieder nach Deutschland zurück, als ihm Max Planck und Walther Nernst ein sehr gutes Angebot in Berlin machten. Einstein sollte bezahltes Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften werden. Er sagte zu, auch wenn ihm das Deutsche Reich Wilhelms II. mit seinem militärischen Gepränge und dem imperialen Pomp widerstrebte.

Er sollte mit seiner Skepsis Recht behalten. Als Deutschland den Ersten Weltkrieg mit dem Überfall auf Belgien und Frankreich begann, entbrannten viele seiner Kollegen in heftiger Kriegsbegeisterung. 93 Vertreter der deutschen Elite unterschrieben im September 1914 den "Aufruf an die Kulturwelt", in dem die deutsche Kriegsschuld bestritten und behauptet wurde, Deutschland sei mit seinem Angriff auf das neutrale Belgien einem Angriff der Alliierten zuvorgekommen. Weiter hieß es in diesem Papier: "Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur vom Erdboden getilgt. (...) Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. Dieses Bewusstsein verbrüdert heute 70 Millionen Deutsche ohne Unterschied der Bildung, des Standes und der Partei."[8]

Einstein sah sich nicht als Bruder deutscher Militaristen. Er zögerte erst, ob er reagieren sollte. Er war zum Forschen nach Berlin gekommen und nicht zum Agitieren. Aber er, der in Italien und in der Schweiz gelebt, in Prag gearbeitet hatte und der Paris gut kannte, sah plötzlich Europa und seine Kultur in einem Krieg der Nationalstaaten untergehen - ein Phänomen, das er längst überwunden glaubte. Er konnte sich nicht - so sehr er es sich wünschte - nur in seiner Arbeit verkriechen. Als der bekannte Pazifist und Herzspezialist Georg Friedrich Nicolai im Oktober 1914 mit dem Manifest "Aufruf an die Europäer" an Einstein herantrat, unterzeichnete er: "Solche Stimmung ist durch keine nationale Leidenschaft zu entschuldigen, sie ist unwürdig dessen, was bisher alle Welt unter dem Namen der Kultur verstanden hat, und sollte sie Allgemeingut der Gebildeten werden, so wäre das ein Unglück."[9]

Zumindest in den ersten Kriegsjahren blieb die nationale Begeisterung ein Allgemeingut, und Nicolai und Einstein fanden kaum einen Mitstreiter. Der Text gelangte erst Jahre später an die Öffentlichkeit. Trotz dieses Misserfolges ist das Manifest ein Wendepunkt in Einsteins Leben. Er blieb der erfolgreiche Forscher, aber er wurde ein immer profilierterer Pazifist. Nach anfänglichem Zögern wuchs er Schritt für Schritt in diese neue Rolle hinein. Schon im November 1914 gründete er die pazifistische Vereinigung "Bund Neues Vaterland" mit. Diese Organisation forderte nicht nur mutig einen Friedensvertrag ohne weitere Eroberungen, sondern setzte sich für Kriegsdienstverweigerer ein, die überall in Europa mit drakonischen Strafen zu rechnen hatten. Außerdem rief der Bund für die Zeit nach dem Krieg nach einer überstaatlichen Regierung, ein Thema, das Einstein fortan begleiten sollte.

Als der Krieg endlich vorüber war, jubelte Einstein in Berlin. Als Demokrat und Pazifist frohlockte er über die Absetzung des Kaisers und die Errichtung einer Republik. Am Tag des Waffenstillstandes schrieb Einstein an seine Mutter: "Ich bin sehr glücklich über die Entwicklung der Sache. Jetzt wird es mir erst recht wohl hier. Die Pleite hat Wunder getan."[10] Parallel dazu bestätigten britische Forscher seine Relativitätstheorie. Albert Einstein wurde zum weltweiten Wissenschaftsstar, und er nutzte seine Berühmtheit für seine politische Arbeit: Er kämpfte für Kriegsdienstverweigerer, unterstützte Aufrufe und versuchte, die deutschen Wissenschaftler wieder in die Gemeinschaft der internationalen Forschung zurückzuführen. Einstein war die Figur, nach der sich die vom Weltkrieg desillusionierten Menschen sehnten. Seine Friedensbotschaft fand breites Gehör, sein wissenschaftlicher Erfolg machte die besiegte Nation stolz.


Fußnoten

7.
Fritz Stern, Ein Europäer in Berlin, in: Süddeutsche Zeitung vom 18.4. 2005, S. 13.
8.
Zit. nach O. Nathan/H. Norden (Anm. 2), S. 21.
9.
Zit. nach ebd., S. 22.
10.
Zit. nach ebd., S. 43.