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13.6.2005 | Von:
Irene Armbruster

Prophet des Friedens

Weltrecht und Weltregierung

Der Höhepunkt seines politisches Wirkens in der Weimarer Republik war 1922 die Berufung in das Internationale Komitee des Völkerbundes für Intellektuelle Zusammenarbeit - schon vier Jahre vor Deutschlands Beitritt zur Weltorganisation. Einsteins Wirken im Komitee glich einer Berg- und Talfahrt. Zwar verkörperte der Völkerbund zumindest am Anfang seine Utopie von der überstaatlichen Organisation, aber die politischen Realitäten ließen ihn immer wieder zweifeln. Als Frankreich 1923 den Schlichtungsvorschlag des Völkerbundes zur Frage der Reparationszahlungen ablehnte und das Ruhrgebiet besetzte, trat Einstein aus dem Komitee aus. Er sah den Völkerbund als Ganzes diskreditiert.

Ein Jahr später überzeugten ihn Freunde, seinen Entschluss rückgängig zu machen, aber er kämpfte weiter gegen Bürokratismus und nationale Eitelkeiten. Dennoch gab er die Idee der Weltregierung nie auf. Seine Konzeption war bezwingend einfach, die Realitäten - zumindest im Völkerbund - forderten aber zum Beispiel endlose Diskussionen darüber, ob Schulbücher mit chauvinistischen Texten vom Völkerbund kritisiert werden dürften. Einstein dachte in größeren Kategorien. Er wollte, dass eine supranationale Organisation mit ausreichender Macht und einer Polizeitruppe ausgestattet wurde, die sich auf ein von allen akzeptiertes Weltrecht stützte. Für ihn war es selbstverständlich, dass die souveränen Staaten diese Macht zugunsten der höheren Instanz abgaben.

Diese Option, die weder in der UNO noch damals im Völkerbund auch nur in Ansätzen umgesetzt werden konnte, nennt die liberale "New York Times" auch heute noch "eine gefährliche Illusion". Eine überstaatliche Organisation, so David Brooks, sei zu anfällig für Korruption, außerdem würden zumindest die Amerikaner ihre Verfassung zu sehr lieben, als dass sie sie zugunsten einer übergeordneten Instanz aufgeben würden.[11] Für Einstein aber war es die einzige Möglichkeit, den Nationalismus zu bekämpfen und später im Kalten Krieg einen Atomkrieg zu verhindern: "Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das gegenwärtige System souveräner Nationen Barbarei, Krieg und Unmenschlichkeit nach sich ziehen muss und dass nur ein Weltrechtzu einer zivilisierten friedlichen Menschheit führen wird"[12], schrieb Einstein 1947 aus seinem amerikanischen Exil. Schon in Berlin hatte Einstein diese Idee entwickelt, und der Siegeszug des Nationalsozialismus in Deutschland und der Zweite Weltkrieg machten ihn darin noch sicherer: "Als Bürger Deutschlands habe ich erlebt, wie ein verstiegener Nationalismus sich einer Epidemie gleich verbreiten und für Millionen vonMenschen Tragik und Leiden bringen kann."[13]

Die Nationalsozialisten trieben den deutschen Bürger Einstein 1933 ins Exil. Diese ihn tief verletzende Erfahrung stellte eine grundlegende Wende im politischen Handeln Einsteins dar. Als radikaler Pazifist hatte er in den zwanziger Jahren immer wieder Kriegsdienstverweigerer unterstützt und betont, dass er selbst im Falle eines Krieges keine Waffe anrühren würde. Noch 1930 stellte er die These auf, dass schon zwei Prozent Kriegsdienstverweigerer den militärischen Apparat eines Staates lahm legen würden.


Fußnoten

11.
David Brooks, Loudly, with a Big Stick, in: The New York Times vom 14.4. 2005, S. 27.
12.
Zit. nach O. Nathan/H. Norden (Anm. 2), S. 417.
13.
Ebd.