APUZ Dossier Bild

13.6.2005 | Von:
Irene Armbruster

Prophet des Friedens

Der geläuterte Pazifist

Nach einem Besuch im Sommer 1933 in Belgien entschloss sich Einstein zu einem folgenschweren Schritt. Er setzte sich nicht für zwei belgische Kriegsdienstverweigerer ein, die in Brüssel inhaftiert waren, denn er sah im faschistischen Deutschland den künftigen Aggressor und konnte es nicht verantworten, dass die Nachbarländer nicht in der Lage sein würden, sich militärisch zu verteidigen. Einstein ging noch einen Schritt weiter und rief die Westmächte zur Aufrüstung auf. Viele seiner pazifistischen Wegbegleiter waren entsetzt, und er konnte sich kritischer Post und Presse kaum erwehren, wie er seiner Sekretärin Helene Dukas am 10. September 1933 schrieb: "Die Antimilitaristen fallen nun über mich her als über einen bösen Renegaten. Die Kerle haben eben Scheuklappen und wollen die Vertreibung aus dem 'Paradies' nicht erkennen."[14]

Einstein bewies mit dieser Entscheidung, dass er nicht nur ein politischer Utopist, sondern durchaus in der Lage war, eine politische Lage richtig einzuschätzen. Und er machte damit auch klar, dass der Krieg nicht die schlimmste Geißel der Menschheit ist. Er kann sogar notwendig werden, um die Zerstörung von Kultur und Humanismus zu unterbinden. In den ersten Jahren im Exil bemühte sich Einstein, diese Position verständlich zu machen. Es musste für ihn, der das Militär aus tiefster Seele hasste, ein extrem schwerer Schritt gewesen sein. Schließlich hatte er mit Stefan Zweig, Sigmund Freud und Thomas Mann noch 1930 einen Aufruf unterzeichnet, in dem es hieß: "Fort mit der Militarisierung! Fort mit der Wehrpflicht! Erzieht die Jugend zur Menschlichkeit und zum Frieden!"[15]

Aber die Zustände in Deutschland ließen keine Kompromisse mehr zu. Seine Warnungen vor dem Faschismus wurden in seiner früheren Heimat als Gräuelpropaganda ausgelegt, und die gleichgeschaltete Presse diffamierte den Nobelpreisträger. Die Nationalsozialisten hassten Einstein, den Weltbürger, Juden, Pazifisten und, wie er sich selbst nannte, den "untadeligen Sozi"[16], denn er hatte ihre Politik früher als die meisten Zeitgenossen durchschaut. Er forschte in Kalifornien, als Hitler an die Macht gelangte. Nach Europa kehrte er nur zurück, um seinen Austritt aus der Preußischen Akademie zu erklären, die bereits den Rauswurf geplant hatte. Einstein betrat niemals wieder deutschen Boden und widersetzte sich nach dem Krieg allen Versuchen, ihn in irgendeiner Form wieder "heimzuholen".

Noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, im Juli 1939, bekam Einstein in seiner Sommerfrische in Nassau auf Long Island Besuch von den Physikern Eugene Wigner und Leo Szilard, europäische Emigranten wie er. Sie hatten schlechte Nachrichten aus Deutschland: Hitler baue möglicherweise an einer Atombombe. Einstein schrieb in großer Sorge einen Brief an Franklin D. Roosevelt, der dem Präsidenten am 3. Oktober 1939 überreicht wurde. Am 7. März 1940 folgte ein zweiter: "Seit dem Ausbruch des Krieges besteht in Deutschland erhöhtes Interesse an Uran. Ich habe jetzt gehört, dass die Forschungen in größter Verschwiegenheit fortgeführt werden und auf einen weiteren Zweig der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, das Institut für Physik, ausgedehnt worden sind."[17]

Diese Briefe sollten Einsteins Leben verändern - obwohl es keine Beweise dafür gibt, dass sie zur Forcierung des 1942 begonnenen amerikanischen Manhattan-Projektes, der Entwicklung der Atombombe, geführthaben. Aber dennoch: Die USA schickten ihre besten Physiker nach Los Alamos in die Wüste von New Mexico, und die Bombe wurde gebaut.

Einstein war nicht dabei. Warum nicht, blieb ein Geheimnis des FBI. Zwar misstraute ihm die Behörde und schätzte ihn als illoyalen Kommunistenfreund ein, aber Kontakte zu europäischen und sowjetischen Linken hatten auch andere Physiker, die teilnehmen durften.


Fußnoten

14.
Zit. nach ebd., S. 251.
15.
Zit. nach ebd., S. 131.
16.
Zit. nach: Jürgen Neffe, Einstein. Eine Biografie, Reinbek 2005, S. 287.
17.
Zit. nach Nathan/H. Norden (Anm. 2), S. 314.