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13.6.2005 | Von:
Irene Armbruster

Prophet des Friedens

Einstein und die Atombombe

Einstein hat Zeit seines Lebens zwei unterschiedliche und auf den ersten Blick widersprüchliche Strategien im Umgang mit seiner "Schuld" an der Entwicklung der Atombombe gewählt. Er spielte einerseits die Briefe an Roosevelt herunter, engagierte sich aber andererseits nach dem Zweiten Weltkrieg leidenschaftlich gegen einen möglichen Atomkrieg. Als klar wurde, dass Deutschland nicht an der Atombombe baute, und die USA die verheerende neue Waffe zweimal über Japan abgeworfen hatten, war der Physiker zutiefst geschockt. Immer wieder soll er gesagt haben: "Hätte ich gewusst, dass die Deutschen nicht in der Lage waren, eine Atombombe zu bauen, dann hätte ich nie einen Finger gerührt."[18]

In den Kriegsjahren hatte sich Einstein mit öffentlichen Auftritten zurückgehalten, mit Ausnahme von einigen Interviews, in denen er schon früh den Kriegseintritt der USA gefordert hatte. Als Deutschland besiegt war, wurde Einstein bis zu seinem Tod wieder zum radikalen Pazifisten. Das lag nicht nur an der eigenen Verantwortung, die er aufgrund seiner "Verstrickung" bei der Entwicklung der Atombombe spürte, sondern auch an der tiefen Enttäuschung darüber, dass zwar "der Krieg gewonnen ist - nicht aber der Friede"[19].

Das Wissen um die Zerstörungskraft der Atombombe trieb ihn unermüdlich an. 1946 wurde das Notstandskomitee der Atomwissenschaftler von Forschern gegründet, die an der Entwicklung der Bombe beteiligt waren. Einstein ließ sich zum Vorsitzenden wählen, obwohl er das einzige Mitglied war, das nicht aktiv mitgebaut hatte. Gemeinsam wollte man die Welt über die Gefahren der Atomkraft informieren und so eine öffentliche Meinung gegen die atomare Aufrüstung schaffen. Die Mitglieder sammelten Geld, schrieben Manifeste und publizierten Broschüren und Bücher. Im ersten Stadium bat man - allerdings erfolglos - sowjetische Atomwissenschaftler, ebenfalls mitzuarbeiten. Das Komitee erhielt eine große Aufmerksamkeit, doch den Rüstungswettlauf des Kalten Krieges konnte es nicht stoppen.

Die Warnung vor den Risiken ist das eine, die Verwaltung der schon vorhandenen atomaren Sprengköpfe das andere. Wer sollte über diese Büchse der Pandora wachen? Einstein wurde sich immer sicherer: Es muss eine Weltregierung mit einer klaren und von allen gebilligten Verfassung geben, und die Nationalstaaten müssten auf Armeen verzichten. Das war in seinen Augen die einzige Chance, den Atomkrieg zu verhindern. Auch wenn es aus heutiger Sicht so aussehen mag: Einstein war kein politischer Naivling. Er analysierte die Situation zu Beginn des Kalten Krieges sehr klar. Zwei Mächte rüsteten unkontrolliert auf, und zum ersten Mal in der Weltgeschichte war die totale Vernichtung möglich. Die Atomenergie hatte mit ihrem Zerstörungspotenzial eine ganz neue Welt geschaffen. Die alten diplomatischen Rezepte, etwa die Herstellung eines Gleichgewichtes der Kräfte, würden nicht mehr funktionieren, und ebenso würde es fortan keine geheime Forschung mehr geben. Überall auf der Welt würden Wissenschaftler arbeiten, die zur Entwicklung der Bombe fähig seien.

Diese beklemmende Situation ließ Einstein zu seinen konsequenten Forderungen der zwanziger Jahre zurückkehren - mit noch größerer Verve. Er wollte nicht warten, bis sich die Menschheit Schritt für Schritt von den Nationalismen verabschiedet und alle Vorurteile überwunden hätte. Prophetisch sah er das atomare Wettrüsten voraus und forderte 1947 in einer Rundfunkdiskussion: "Eine mit der nötigen Macht für Friedenssicherung ausgestattete Weltregierung stellt kein wolkenhaftes Ideal für eine entfernte Zukunft dar. Sie ist das Gebot der Stunde, der Rettungsanker für unsere Zivilisation, die Vorbedingung unseres Überlebens und des Fortbestandes aller kulturellen Werte, an denen wir hängen."[20]


Fußnoten

18.
Zit. nach Abraham Pais, Ich vertraue auf Intuition. Der andere Albert Einstein, Heidelberg-Berlin 1998, S. 282.
19.
Albert Einstein, Aus meinen späten Jahren, Stuttgart 1984, S. 134.
20.
Zit. nach O. Nathan/H. Norden (Anm. 2), S. 427.