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13.6.2005 | Von:
Irene Armbruster

Prophet des Friedens

Bittere Erinnerung an Deutschland

Einstein litt unter der Existenz der beiden rivalisierenden Blöcke, und er sah keine Kraft, die eine Brücke zwischen Kommunismus und Kapitalismus hätte schlagen können. Von der UNO war er enttäuscht: zu wenig Macht, zu wenig Kompetenzen. Dass er früh erkannte, dass die USA ihren Rüstungsvorsprung bald verlieren würden, legte man ihm als Verrat aus. Wieder einmal war Einstein Prophet, und wieder einmal wurde er nicht gehört. Ebenso heftig, wie ihn die konservativen Kräfte in Deutschland vor dem Krieg für seine Analysen angegriffen hatten, wurde er in den USA der Nachkriegsjahre attackiert. Vieles kam ihm wie ein Déjà-vu-Erlebnis vor: "Ich muss offen bekennen, dass mich das außenpolitische Verhalten der Vereinigten Staaten seit Beendigung der Feindseligkeiten oft unwiderstehlich an das Verhalten des Wilhelminischen Deutschland erinnert, und ich weiß, dass auch anderen, ganz unabhängig von mir, diese Analogie peinlich aufgefallen ist."[21]

Säbelrasselnden Militarismus ortete Einstein überall: bei der Verteilung der Mittel für die Forschung durch Verantwortliche des Militärs, bei der Weigerung, ernsthaft mit der Sowjetunion zu verhandeln, und schließlich bei der Beschneidung der Freiheitsrechte des einzelnen Bürgers. Einstein schrieb und sprach unermüdlich - wichtige Anlässe waren dabei die vielen Preise und Ehrungen, die er in seiner letzten Lebensdekade erhielt - weiter deutliche Worte: "Militarisierung bedeutet nicht nur unmittelbare Kriegsdrohung, sondern auch langsame, stetige Unterhöhlung des demokratischen Geistes und der Menschenwürde in unserem Land."[22]

1950 spitzte sich die Lage zu: Präsident Harry Truman setzte eine Forschergruppe ein, die an der Entwicklung einer Wasserstoffbombe arbeiten sollte, und 1949 hatte die Sowjetunion ihre erste Atombombe gezündet. Gleichzeitig nahm ein Senatsausschuss unter der Leitung des republikanischen Senators aus Wisconsin, Joseph McCarthy, seine Arbeit zur Untersuchung von "unamerikanischen Umtrieben" auf, die sich zur antikommunistischen Verfolgungswelle ausweitete. Einstein wurde überwacht, denn er war natürlich verdächtig. Dennoch warnte er in der NBC-Show "Today with Mrs. Roosevelt" öffentlich vor den Folgen der Wasserstoffbombe. Einsteins CIA-Akte wuchs. Er fühlte sich isoliert und einsam. Kurz vor seinem Tod rief er zum zivilen Ungehorsam gegen die Anhörungen des McCarthy-Komitees auf. Da wandte sich selbst die "New York Times" von ihm ab: "Der Rat Professor Einsteins, den unnatürlichen und illegalen Weg des zivilen Ungehorsams zu beschreiten, heißt ein Übel mit einem anderen zu bekämpfen."[23]

Auch seine allerletzte politische Tat sollte dem Frieden dienen. Er unterzeichnete wenige Tage vor seinem Tod das hauptsächlich von Bertrand Russell verfasste "Russell-Einstein-Manifest", das die Völker und Regierungen eindringlich vor dem Atomkrieg warnte. In der Nacht zum 18. April 1955 starb Albert Einstein. Bereits 1936 hatte er seinen Nachruf formuliert: "Liebe Nachwelt! Wenn ihr nicht gerechter, friedlicher und überhaupt vernünftiger sein werdet, als wir sind, bzw. gewesen sind, so soll euch der Teufel holen. Diesen frommen Wunsch mit aller Hochachtung geäußert habend bin ich euer (ehemaliger) gez. Albert Einstein."[24]


Fußnoten

21.
A. Einstein (Anm. 19), S. 139.
22.
Ebd., S. 165.
23.
Zit. nach O. Nathan/H. Norden (Anm. 2), S. 547.
24.
Zit. nach J. Neffe (Anm. 16), S. 445.