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10.5.2005 | Von:
Emanuel Richter

Die Einbürgerung des Islams – Essay

"Parallelgesellschaften" und "Leitkultur"

Die europäischen Gesellschaften reagieren auf die kulturellen und politischen Herausforderungen reflexartig mit verschärftem Anpassungsdruck. In Deutschland ist warnend von "Parallelgesellschaften", fordernd von "Leitkultur" die Rede. Die beschworene Bedrohung durch muslimische "Parallelgesellschaften" ist völlig übertrieben, weil der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung in Deutschland gerade drei Prozent beträgt. Die Größenverhältnisse entsprechen in keiner Weise dem suggestiven Bild von gleichrangigen "Parallelen". Um den Erklärungswert der vielfach reklamierten "Leitkultur" steht es nicht besser. In völlig unkritischer Selbstgewissheit wird eine Homogenität kultureller Merkmale veranschlagt, die angeblich inhaltsfeste Integrationsnormen liefern und klare Vorgaben für eine erfolgreiche Assimilation bereithalten.

Diese "Leitkultur" entpuppt sich bei näherem Hinsehen als unglaubwürdige Suggestion eines vorhandenen, ausgefeilten Katalogs an Verhaltensregeln, der einem von der angemessenen, an die Gepflogenheiten des "Gastlandes" angepassten Form der Religionsausübung über die Vorschriften der in der fremden Kultur üblichen Zubereitung von Speisen bis hin zur allgemein verbindlichen Kleiderordnung detaillierte Maßregeln zum Konformismus an die Hand geben soll. Dass es diese "Leitkultur" nicht gibt, ist die eine Einsicht; dass sie dennoch eine wichtige instrumentelle Funktion übernimmt, ist die andere. Das Ziel der Gastgeber scheint die Identitätsverleugnung der Zuwanderer zu sein und der Zwang zu einem derart tiefen Eintauchen in die "Kultur" des Einwanderungslandes, dass man bis zur eigenen Unkenntlichkeit in der fremden Lebensform versinkt - Assimilation ohne Rückstände.

Bedenkliche Übergänge von provokativen tagespolitischen Floskeln zum denunziatorischen Umgang mit Modellen gesellschaftlicher Integration werden dort erkennbar, wo hämisch das Scheitern der "multikulturellen Gesellschaft" verkündet wird. Ein solcher Grabgesang ist nicht mehr nur Ausdruck gereizter politischer Launenhaftigkeit, er ist das Symptom einer pseudowissenschaftlichen Integrationsverweigerung und einer infamen Missdeutung von Identitätskonzepten. Die proklamierte Beendigung des "multikulturellen Experiments" dient der pauschalen Diffamierung jener gesellschaftlichen Modelle und politischen Bewegungen, die sich seit langem an der Realisierung eines friedlichen kulturellen Miteinanders versuchen. Angesichts der angeheizten politischen Stimmungslage wird es nicht gelingen, gegen die polemische Simplifizierung des "Multikulturalismus" anzugehen. Aber man kann an dieser Stelle mit rationalen Argumenten gegen die Verballhornung eines plausiblen Modells von kultureller Koexistenz intervenieren. Ich will mit einigen Hinweisen und Erläuterungen Vorstöße zu einer solchen Richtigstellung unternehmen.

Der Begriff der "Multikulturalität" ist nichtlediglich ein abgeschmacktes politisches Schlagwort. Er verbindet sich vielmehr mit einem durchdachten Konzept von kultureller Identität und politischer Koexistenz. Die meisten Hilfen zu seinem Verständnis erfahren wir von Sozialwissenschaftlern aus jenen Ländern und Regionen, in denen die Einwanderung und die Koexistenz unterschiedlicher Gruppenzusammengehörigkeiten seit langem ein vertrautes Phänomen darstellen. Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Seyla Benhabib hat einige der gängigen Theorien des Multikulturalismus zu einer überzeugenden Synthese zusammengeführt, die den in dieser Hinsicht unerfahrenen Gesellschaften in Westeuropa weiterhelfen kann und das Potenzial hat, einer apodiktischen Disqualifizierung entgegenzuwirken.[5] Das, was wir im Alltagsverständnis unter der "Kultur" einer Gesellschaft zusammenfassen, nämlich Traditionen, Werte, eingespielte Handlungsmuster und Verhaltensnormen, ist keineswegs ein unveränderlicher kollektiver Besitzstand. Insofern ist auch die Eigenart einer Kultur gegenüber einer anderen kein festgefügtes, aller Wandlung enthobenes Merkmal, das bestandsfähige Unterscheidungskriterien an die Hand gibt. Kultur ist vielmehr die Praxis einer kollektiven Einübung von Handlungsmustern und die kontinuierlich revidierte Verständigung über die Kohärenzmerkmale eines Kollektivs - Kultur ist konstruktivistisch. Kollektive Identität wird immer wieder neu geschaffen. Das gilt für kleine ethnische Gruppierungen, für nationale Kulturen, für Glaubensgemeinschaften. Kultur ist der einem ständigen Wandel unterliegende kollektive Umgang mit Traditionen, Bräuchen, Riten, Symbolen und Normen. Kulturelle Konturen bleiben daher weich und wechselhaft.


Fußnoten

5.
Vgl. Seyla Benhabib, The Claims of Culture. Equality and Diversity in the Global Era, Princeton-Oxford 2002. Vgl. auch die durch das Buch ausgelöste Kontroverse: David Peritz, Toward a Deliberative and Democratic Response to Multicultural Politics: Post-Rawlsian Reflections on Benhabib's The Claims of Culture, in: Constellations, 11 (2004) 2, S. 266 - 290; sowie Seyla Benhabib, On Culture, Public Reason, and Deliberation: Response to Pensky and Peritz, ebd., S. 290 - 299.