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10.5.2005 | Von:
Emanuel Richter

Die Einbürgerung des Islams – Essay

Republikanisches Ethos

Was die Inklusionsmerkmale der einen Kultur sind und welche Kriterien des Ausschlusses es gegenüber einer anderen geben kann, sollte dementsprechend ein Produkt der Verständigung aller sein, die sich gezielt oder zufällig zu einer kollektiven Lebensform zusammenfinden. Die Verständigung darüber, welches die exklusiven kulturellen Merkmale sein sollen, muss unter dem Dach einer Besinnung auf das republikanische Ethos des Zusammenlebens stattfinden: Wer betreibt mit wem in welchem Rahmen die kollektive Lebensbewältigung?

Aus dieser Selbstvergewisserung geht die Bestimmung jener Gemeinschaft hervor, in der die Individuen kooperieren, in der sie die Räume und Grenzen ihrer Interaktion bestimmen, auf deren Basis sie die Merkmale politischer Kohärenz festlegen und Kriterien für die Zugehörigkeit oder für den Ausschluss formulieren.[6] Der kanadische Philosoph Charles Taylor hat diese Form der kollektiven Selbstfindung auf der Basis von gegenseitigem Respekt als "prozedurale Republik" bezeichnet.[7] Die Kultur erwächst aus einer Praxis der Begegnung, die in der Demokratietheorie "Deliberation" genannt wird: Alle diejenigen, die in eine öffentliche Interaktion miteinander eintreten und von einem gemeinsamen Regelungsbedarf betroffen sind, müssen die größtmöglichen Chancen erhalten, ihre Standpunkte einzubringen, im Austausch untereinander die gegenläufigen Interessen und Überzeugungen abzuwägen und durch die offene und öffentliche Beratung einen politischen Konsens zu erarbeiten. Benhabib zählt drei kulturrelevante Kernbestandteile eines solchen demokratischen Verfahrens auf: die wechselseitige Gleichheit der Beratungspartner, die nicht an den Rang kultureller Identitäten gebunden ist; das Recht der "Selbstzuordnung", das einem die Möglichkeit des völlig freien Umgangs mit den unfreiwillig erworbenen Kulturmerkmalen (z.B. ethnische Herkunft, Religionszugehörigkeit) eröffnet; die individuelle Freiheit der Annahme oder Verweigerung von kulturellen Gruppenbindungen.[8]

Wer diese republikanischen Einsichten ernst nimmt, ist darum bemüht, sich der ständigen Wandlungen von Interaktionskontexten und der Rahmenordnungen des politischen Kollektivs immer wieder neu zu versichern. Für die Kohärenz einer "Kultur" bedeutet das: Alle Individuen und Gruppen, die von außen friedlich und freiwillig mit der bisher als "eigenständiger" Kulturraum verstandenen Interaktionsgemeinschaft in Berührung kommen, sind an diesem Prozess der permanenten kulturellen Selbstfindung zu beteiligen. Das ist nicht nur ein Gebot des partizipativen Gehalts im republikanischen Ethos, sondern auch das sicherste Mittel, die erforderliche Integration zu erreichen. Der integrative Kulturdialog verringert die Gefühle und Ressentiments der Fremdheit auf Seiten der Kulturträger wie der Kulturaspiranten und hilft, aktive wie passive Ausgrenzung zu vermeiden. In diesem Prozess der öffentlichen Konstituierung von kultureller Identität lassen sich auch die Reflexe der Abwehr gegen das Fremde entlarven und ihre Auflösung in die Wege leiten. So lassen sich Sonderbedürfnisse von ethnischen Minderheiten oder Glaubensgemeinschaften kritisch debattieren und im Verfahren der Deliberation daraufhin prüfen, ob ihre Befriedigung gewährt oder verwehrt werden soll und kann. Es lassen sich Regeln für eine pluralistische Koexistenz eigensinniger Gruppierungen unter dem Dach eines nationalen - oder regionalen, vielleicht auch transnationalen - Zusammenhalts erarbeiten.

Wenn der fragwürdige Begriff der "Leitkultur" irgendeinen ernsthaften Sinngehalt haben könnte, dann allenfalls den der allgemeinen "Anleitung" zur kommunikativen und deliberativen Praxis, in der erst die Regeln der kulturellen Koexistenz und die Inklusions- wie Exklusionsmerkmale erarbeitet werden. Eine derartige Leitkultur wäre inhaltsoffen und nur dort beschränkt, wo die Normen des Rechtsstaats missachtet werden - die ja ihrerseits als das Ergebnis einer ideellen oder sogar faktischen "Beratung" der betroffenen Bürgerinnen und Bürger betrachtet werden sollten. In republikanischem Verständnis kann die Selbstfindung einer Kultur also nicht mit der prinzipiellen Verweigerung von Teilnahme einhergehen. Ebenso wenig ergibt die rigide Norm der zwanghaften Anpassungsbereitschaft aller Fremden einen Sinn.

Nur im Lichte dieses republikanischen Ethos entfaltet der Begriff der "Multikulturalität" Plausibilität. Multikulturalität meint nicht die berührungslose Koexistenz von in sich geschlossenen Kulturkreisen, die sich in gegenseitiger Ignoranz tolerieren. Sie bezeichnet vielmehr den Prozess eines Diskurses unter gruppenspezifischen Interaktionspartnern, der zur beständigen Revision und gegebenenfalls zur Neuordnung von kulturellen Gruppenzugehörigkeiten führt. Multikulturalität wird zum veränderlichen Aggregatzustand der öffentlichen Debatte über die Formen und Regeln der kulturellen Koexistenz.


Fußnoten

6.
Vgl. Emanuel Richter, Republikanische Politik. Demokratische Öffentlichkeit und politische Moralität, Reinbek 2004.
7.
Charles Taylor, Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie? Aufsätze zur politischen Philosophie, Frankfurt/M. 2002, S. 41.
8.
Vgl. S. Benhabib, The Claims (Anm. 5), S. 19f.