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10.5.2005 | Von:
Jytte Klausen

Europas neue muslimische Elite

Die Politik der "zweiten Generation"

Es wird häufig angenommen, dass erst den Nachkommen der Immigranten die Schritte gelingen, die zur politischen Integration erforderlich sind, aber das trifft auf die neuen muslimischen politischen Eliten in Europa nicht zu. Es handelt sich zwar bei manchen von ihnen um Nachkommen früherer Generationen von Arbeitsimmigranten, die wegen ihrer Akkulturationsleistung in führende Positionen gelangt sind. Aber die Mehrheit der Befragten kam erst als junge Erwachsene nach Europa: um ihr Studium fortzusetzen, oder als erfahrene politische Aktivisten und politische Flüchtlinge.

Ein klar definiertes Generationsmuster unter den neuen muslimischen Eliten in Europa existiert demnach nicht. Die Nachkommen der Immigranten haben meist keinen automatischen Anspruch auf die Staatsbürgerschaft. Folglich leiden die "zweiten" und "dritten Generationen" unter denselben rechtlichen Zumutungen wie ihre (Groß-)Eltern. Einbürgerung ist zwar möglich, aber der Weg zu ihr ist strikt reguliert, so dass es für die gerade erst angekommenen Flüchtlinge häufig einfacher ist, die Staatsbürgerschaft zuerlangen, als für bereits im Lande geborene Nachkommen von Arbeitsimmigranten. Flüchtlinge, die aus der Mittelschicht ihrer Herkunftsländer kommen, können überdies eher Sprachkompetenzen und eine gute Ausbildung vorweisen, um zu belegen, dass keine Abhängigkeit von sozialen Zuwendungen besteht. Außerdem können sie häufig eher ein "Zugehörigkeitgefühl" zum neuen Land entwickeln.

Viele Angehörige der muslimischen Eliten identifizieren sich mit einer "neuen Linie" in der europäischen Politik gegenüber den hier lebenden Muslimen. Als ich fragte, worin der Unterschied zu vorhergehenden Leitlinien bestehe, wurde sie als Fokus auf nationaler Politik, als neues Hauptgewicht auf einer muslimischen Einheit ungeachtet von ethnischen und religiösen Unterschieden sowie als Professionalismus und als ein "Mit-den-Regeln-des-nationalen-Diskurses-Spielen" beschrieben. Die neuen muslimischen Vereinigungen arbeiten meist in der Landessprache - Dänisch, Holländisch, Deutsch - anstatt in den Sprachen des Ursprungslandes, wie es in den alten Migrantenorganisationen üblich war.

Die theoretischen Konzepte, die in den vergangenen Jahren in den Sozialwissenschaften verwendet wurden, um die soziale und politische Orientierung von Immigranten zu beschreiben, haben sich auf die Erosion der nationsspezifischen Verflechtungen und der Identitätsbildung konzentriert, die mit einem transnationalen ökonomischen und familialen Netz verbunden wird. "Diasporische Gemeinschaften", bricolage und "Hybridität", "postnationale" Staatsbürgerschaft und "transnationaler öffentlicher Raum" sind einige der Konzepte, die von Forschern entwickelt wurden, um zu beschreiben, was sie als neue Wirklichkeit eines einstellungsbedingten Globalismus ansehen.

Muslimische Aktivisten sehen es nicht gerne, wenn ihre Bemühungen, den Islam in Europa zu verankern, als Beispiele "kulturellen Hybridismus" bezeichnet werden. Es ist vielen Muslimen wichtig geworden, die europäischen Bestandteile ihrer Religion zu unterstreichen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Konzepte einer "transnationalen Identitätsbildung" oder "diasporischer Identitäten" sind wenig sinnvoll bei Mitgliedern der nationalen Parteien und der Stadträte, die politischen Mainstream-Organisationen beigetreten sind und beschlossen haben, sich an der Innenpolitik zu beteiligen. Selbst wenn es das Ziel ist, die Außenpolitik zu verändern, z.B. hinsichtlich des Israel-Palästina-Konfliktes, sind die dafür notwendigen Mittel vom nationalen Umfeld abhängig. Nicht zuletzt lädt die an sich fremdenfeindliche Vorstellung, nach der es nicht möglich sei, gleichzeitig europäisch und muslimisch zu sein, geradezu zur Demonstration der Fähigkeit ein, dass es sehr wohl möglich ist, beides zu verbinden. Die integrativen Ziele der muslimischen Parlamentarier, der Stadträte und der nationalen und lokalen bürgerlichen Eliten untergraben nicht nur traditionelle linke Positionen über eine globale Staatsbürgerschaft und transnationale Identitäten. Auch konservative Annahmen darüber, wer Europas muslimische Führer sind und was sie wünschen, werden dadurch entkräftet.

Fouad Ajami (Johns Hopkins University) hat dagegen ein düsteres Bild vom Hervortreten der muslimischen Bevölkerung in Europa gezeichnet. Seiner Ansicht nach sind Europas neue muslimische Gruppen nur Feigenblätter für islamistische Extremisten, die der Muslimbruderschaft oder anderen verbotenen Organisationen angehören. Die Radikalen, die aus der muslimischen Welt ausgestoßen wurden, hätten in Europa wegen einer humanitären Politik eine neue Heimat und Asyl gefunden. Angetrieben durch das Wachstum der muslimischen Bevölkerung haben die islamistischen Radikalen seiner Meinung nach an Macht gewonnen und beeinflussen nun die europäischen Regierungen. Die Anwesenheit einer politisch aktiven muslimischen Bevölkerung in Europa erweitere außerdem den Riss zwischen Europa und den USA in der Nahostpolitik, und für Ajami scheint es so, dass die Radikalen hier den Erfolg ernten, den sie in der arabischen Welt nie hatten.[8]

Auch der britische Historiker Niall Ferguson hat die muslimische Bevölkerungszunahme in Europa als Ursprung der sich vergrößernden Kluft zwischen den USA und Europa gedeutet.[9] Doch er vernachlässigt ebenso wie Ajami, dass selbst nach kühnsten Schätzungen weniger als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung in Frankreich muslimischen Glaubens sind; in Großbritannien sind es nur 3,1 Prozent. Weniger als die Hälfte von ihnen haben das Wahlrecht, und noch weniger üben es tatsächlich aus. Dieser eklatante Mangel an staatsbürgerlichen Rechten widerspricht der konstruierten Verbindung zwischen Demographie und politischer Macht.


Fußnoten

8.
Vgl. Fouad Ajami, The Moor's Last Laugh. Radical Islam Finds a Haven in Europe, in: The Wall Street Journal vom 22.3. 2004.
9.
Vgl. Niall Ferguson, Eurabia?, in: The New York Times vom 4.4. 2004, und ders., The Widening Atlantic, in: The Atlantic Monthly, (2005) Jan/Feb.