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10.5.2005 | Von:
Jytte Klausen

Europas neue muslimische Elite

Glaube und politische Ideologie

Fouad Ajami hat sicher Recht: Europas neue muslimische Eliten bilden sich häufig aus Flüchtlingen aus der islamischen Welt. Doch er liegt falsch in der Deutung der politischen Implikationen. Viele dieser Flüchtlinge drücken Meinungen und Werte aus, die durch einen bestimmten politischen Hintergrund geformt wurden. Manchmal handelt es sich tatsächlich um muslimische Radikale; aber die meisten mussten aus ihrer Heimat fliehen, weil sie als Dissidenten an Demokratiebewegungen teilgenommen hatten. Wenn diese Muslime in Europa einen Diskurs über Menschenrechte führen, schöpfen sie aus ihren persönlichen Erfahrungen. Ihre Aktivitäten sind teilweise eine Fortsetzung der vorhergehenden politischen Arbeit. Menschenrechte dienen dabei als primäres politisches Bezugssystem, zum Teil, weil das alte Links-rechtsschema, das Europa über Jahrhunderte politisch strukturiert hat, für Immigranten und ihre Nachkommen kaum anwendbar ist. Ein Mitglied des dänischen Parlaments, das dort eine linke Partei vertritt, urteilte: "Diese Leute denken nicht wie wir über die Geschichten der Parteien und den Wert von Programmen."[10]

Es wird allgemein angenommen, dass aktiv religiöse Menschen eher zu konservativen politischen Ansichten neigen. Für viele Muslime in Europa trifft das nicht zu (vgl. die Tabelle der PDF-Version). Die meisten Befragten gaben an, dass der Islam für ihr persönliches Leben bedeutend sei: Vier von fünf sagten, dass ihnen ihr Glaube "sehr wichtig" oder "wichtig" sei. Über die Hälfte bezeichnete sich als "stark Gläubige". Innerhalb dieser Gruppe sagten etwa ein Drittel der Befragten, dass sie sich politisch eher zur Linken zugehörig fühlten, und zwei Drittel verorteten sich in der Mitte des politischen Spektrums. Innerhalb der muslimischen Elite gab es nur sehr wenige Vertreter, die offen sagten, dass sie eine rechts-konservative Politik unterstützten und stark religiös seien. Die Hälfte der Agnostiker waren auf der linken, die andere Hälfte in der Mitte bzw. auf der rechten Seite des politischen Spektrums zu finden, aber durchschnittlich nur einer von drei Befragten räumte ein, dass ihm der Islam "nicht wichtig" sei.

In manchen Fällen liegt in der Verpflichtung gegenüber dem Islam eine Antwort auf wahrgenommene Vorurteile in den europäischen Gesellschaften, und es lässt sich nachweisen, dass dies sowohl auf unparteiische wie auf Eliten innerhalb der linken politischen Parteien zutrifft. Zwei Frauen türkischen Ursprungs, die wichtige Positionen in der schwedischen und niederländischen sozialdemokratischen Partei innehaben, drückten identische Gefühle wachsender Ungeduld und verspäteter Selbstentdeckung aus: "Wenn ich sie über 'diese Leute' sprechen höre - Muslime sind gemeint -, fühle ich mich, als ob ich aufstehen müsste und sagen sollte ,Hallo, ich bin eine von ihnen'", sagte die eine von beiden. Als ich der anderen mein Gespräch mit einigen linken Feministinnen in ihrer Partei schilderte, die mit der Idee spielten, einen Gesetzentwurf zum Verbot des Kopftuches einzubringen, sah sie mich fragend an und sagte: "Ich habe nie viel über den Islam nachgedacht, er war einfach etwas, was wir praktizierten. Aber meine Mutter trägt das Kopftuch, und ich sehe keinen Grund darin, ihr einzureden, sich schlecht damit zu fühlen."[11]

Wenn wir die ideologische Selbstverortung der muslimischen Eliten mit der überkommenen Links-rechts-Topographie abgleichen, ist der Grad an Nichtübereinstimmung auffällig. Muslime, die christdemokratischen Parteien angehören - eine überraschend hohe Zahl -, beschreiben sich im Allgemeinen als Anhänger der politischen Mitte anstatt, wie, man annehmen könnte, als "rechts". Und einige der Befragten, die sich ebenfalls als Anhänger der Mitte beschrieben, gehörten linken Parteien an, etwa der dänischen und schwedischen sozialdemokratischen Partei, der britischen Labour Party oder den Grünen in Frankreich und Deutschland.

Die wachsende Ablehnung von Immigranten im Allgemeinen und Muslimen im Besonderen in vielen Linksparteien ist eine mögliche Ursache für diesen Widerspruch. Die dänischen Sozialdemokraten und insbesondere die französischen Sozialisten haben den Schutz nationaler Werte und Gewohnheiten gegen eine drohende "islamische Aufweichung" betont. In der Folge sind viele Muslime in Frankreich und Deutschland zu den Grünen abgewandert. In Dänemark sind sie anderen kleinen Parteien in der Mitte oder auf dem linken Flügel beigetreten. In Großbritannien haben die Liberaldemokraten von der Lossagung der Muslime von Labour profitiert. Entsprechend einer Umfrage des Marktforschungsinstituts ICM im Auftrag des "Guardian" im März 2004, ein Jahr nach Beginn des Irakkrieges, fiel der Anteil der Stimmen für Labour bei den muslimischen Wählern um die Hälfte, von 75 Prozent bei der Unterhauswahl 2001 auf nur noch 38 Prozent. Unterdessen hat sich Labours Position offenbar noch weiter verschlechtert.[12]

Parteibindungen sind nicht in Stein gemeißelt. Ein religiöser, konservativer Leiter einer umstrittenen deutschen Vereinigung von Moscheen zögerte, als ich ihn fragte, mit welcher Partei Muslime wie er künftig wohl am besten zusammenarbeiten könnten. "Viele sagen, mit den Grünen", meinte er, "aber ich bin nicht so sicher. Vermutlich sind die Christdemokraten geeigneter." Sein Zögern war verständlich, da er und seine Vereinigung gerade einen weiteren Ausbruch aus den Reihen der Christdemokraten über "abendländische" Wurzeln und "christliche" Werte registriert hatten.[13]

Die religiöseren Eliten neigen dazu, sich als Anhänger der Mitte zu beschreiben, weil viele muslimische Führer, und besonders Einzelpersonen, die mit muslimischen Vereinigungen oder Moscheegruppen verbunden sind, ein Unbehagen gegenüber den großen politischen Parteien empfinden. Das Übergewicht von Anhängern der politischen Mitte kann dabei die strategische Entscheidung von Seiten der nationalen muslimischen Bürgervereinigungen reflektieren, zu verhindern, wie selbstverständlich mit den Sozialdemokraten identifiziert zu werden, die traditionellauf Stimmen von Einwanderern zählen konnten.

Das Vorurteil, dass aktiv Gläubige eher konservativ veranlagt sind, muss hinterfragt werden, denn nur einer von fünf Befragten sagte offen, dass er die politische Rechte unterstütze. Es scheint so, dass Muslime, die eigentlich dazu neigen würden, konservative Parteien zu unterstützen, sich dort nicht willkommen fühlen. Ein junger deutscher muslimischer Christdemokrat erklärte mir, dass er nicht wieder kandidieren werde (er war in ein Regionalparlament gewählt worden), und dass er und seine Freunde innerhalb der CDU davon Abstand nehmen würden, ihre Idee umzusetzen, ein Treffen von muslimischen Mitgliedern aller großen Parteien zu organisieren. "Wo ist der Sinn?", fragte er: "Sie nennen uns Islamisten, wenn wir so etwas tun."[14] Die niederländischen Christdemokraten dagegen haben sich mehr als ihre deutsche Schwesterpartei Muslimen geöffnet, und die britischen Konservativen haben Muslime mit dem Versprechen umworben, die Errichtung von Islamschulen mit öffentlichen Mitteln zu unterstützen. Eine kleine Anzahl von Muslimen hat sogar erfolgreich für den fremdenfeindlichen Front National in Frankreich und die niederländische Lijst Pim Fortuyn kandidiert. Ein Stadtrat in Rotterdam erklärte mir, "dass sich viele ältere (muslimische) Bürger um Verbrechen und die jungen Radikalen sorgen"[15].

In der europäischen Geschichte hat praktizierter Glaube die Menschen im Allgemeinen auf die politische Rechte gezogen, während die Linke stets entschlossen antiklerikal gewesen ist. Französische Muslime (und nichtmuslimische Akademiker) beklagten sich indes bitter über die Intoleranz der Sozialisten gegenüber dem religiösen Bekenntnis und erwähnten, dass sie "an der heiligen Grundregel des Laizismus" festhalten müssten, um Erfolg in der Partei zu haben.[16] Abtreibung, die Rechte von Homosexuellen und Bioethik sind einige der Felder, in denen religiöse Muslime mit anderen religiösen Vereinigungen übereinstimmen. Es ist klar, dass für viele religiöse Muslime ein solcher "Wertkonservatismus" mitunter wichtiger ist als andere Themen, die im Allgemeinen bei der Linken im Mittelpunkt stehen, etwa Antidiskriminierungsgesetze und der Ausbau bzw. die Sicherung des Sozialstaates. Der Erfolg der niederländischen Christdemokraten bei ihrem Bemühen, die Unterstützung von Muslimen zu gewinnen, legt andererseits nahe, dass die Rechte bei den Muslimen noch größere Erfolge verzeichnen könnte, wenn sie das Christentum nicht mehr überbetonen und stattdessen ganz allgemein über den Glauben und religiöse Werte sprechen würde.


Fußnoten

10.
Interview, Kopenhagen, 8.9. 2003.
11.
Interview, Den Haag, 26.11. 2003, und Interview, Stockholm, 6.11. 2003.
12.
Vgl. Muslims abandon Labour over Iraq war, in: The Guardian vom 15.3. 2004.
13.
Interview, Berlin, 26.11. 2004.
14.
Interview, Boston, 15.6. 2004.
15.
Interview, Rotterdam, 24.11. 2003.
16.
Interview, Paris, 17.5. 2004; Interview, Lyon, 24.5. 2004.