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Auf einem Modell mit Spielzeugautos ist ein Polizeiauto in einer Rettungsgasse zu sehen.

17.5.2019 | Von:
Nadine Rossol

Polizei- als Erziehungsarbeit? Zu einem zentralen Motiv deutscher Polizeiarbeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Nationalsozialismus: Polizei im Dienste der Erziehung zur "Volksgemeinschaft"

Der Nationalsozialismus brachte ab 1933 für die Polizei große Veränderungen mit Blick auf ihre Arbeit und organisatorische Entwicklung. Gleichschaltung, Zentralisierung und Militarisierung bedeuteten, dass die in der Weimarer Republik noch auf Länderebene organisierte Polizei zentral strukturiert war. Außerdem rückte sie näher an die SS: 1936 wurde Heinrich Himmler zum Reichsführer der SS und Chef der Deutschen Polizei in Personalunion ernannt.[19] Bis Mitte der 1930er Jahre wurden die Befugnisse der Gestapo so weit ausgebaut, dass die ehemalige Polizeiabteilung ihren eigenen Machtanspruch geltend machte und Zuarbeit von anderen Polizeistellen forderte. Trotz der großen Bedeutung der Gestapo war die verbrecherische Politik des Nationalsozialismus jedoch nur durch die Mitarbeit des gesamten Polizeiapparats möglich – sie bezog die uniformierte Polizei ebenso ein wie die Kriminalpolizei.[20] Auch war die Gestapo auf die Mitarbeit der Bevölkerung angewiesen, um an Informationen zu gelangen.

Nicht nur die neu definierten Feinde des "Dritten Reichs" fielen in die Zuständigkeit der Polizei. Auch die sogenannten Volksgenossen sollten zur Mitarbeit an der repressiven Polizeiarbeit ermutigt werden oder diese wenigstens nicht behindern. Die Polizei hatte ihren Anteil daran, dies zu fördern und die Idee der klassenlosen "Volksgemeinschaft" zu propagieren. Polizisten wurden angehalten, sich volkstümlich auszudrücken und keine Klassenunterschiede zu machen.[21] Ebenso sollten sie als erzieherisches Vorbild dienen, wie die NS-Polizeizeitung "Der deutsche Polizeibeamte" Anfang 1934 betonte: "Besonders wende ich mich an die Uniformträger, denen ich es einhämmern möchte, wie unerhört wichtig und unersetzlich ihr Teil an der Erziehungsarbeit am deutschen Volke gestaltet ist. (…) Von unserem Beispiel strahlt Erziehung in das Volk, findet zunächst Anerkennung, dann Achtung und schließlich Nachahmung."[22] Es wurde mehr als nur eine reine Vorbildfunktion verlangt, der Polizeibeamte sollte der "beste Propagandist für den Führer und seine Arbeit" sein.[23] Damit wurden die Erwartungen an die polizeiliche Arbeit mit dem persönlichen Bekenntnis des Einzelnen verknüpft.

Auch im Nationalsozialismus sollte die Polizei durch öffentlich wirksames Auftreten ihre Verbindung sowohl zum Staat als auch zur Bevölkerung veranschaulichen. An "Tagen der Deutschen Polizei", mit denen sich die Polizei in die jährlich stattfindenden Großinszenierungen im "Dritten Reich" einreihte, wurden bereits in der Weimarer Zeit erprobte Aktivitäten dargeboten: Polizeisportfeste, Filme, Vorführungen mit Hunden und Pferden, Kriminalitätsbekämpfungsvorschläge und Verkehrserziehungsmaßnahmen kennzeichneten diese Tage. Außerdem sammelte die Polizei dabei Spenden für die NS-Wohltätigkeitsorganisation Winterhilfswerk. Damit sollte Volksverbundenheit und ideologische Verankerung der Polizisten betont und zugleich klar kommuniziert werden, wen die Polizei als zur "Volksgemeinschaft" dazugehörig ansah und wen nicht:[24] Es wurde nur für "anständige Volksgenossen" gesammelt und über "Staatsfeinde und Volksschädlinge" aufgeklärt.[25] Die Veranstaltungen der Polizei kommunizierten Einschluss und Ausschluss und gaben Handlungsvorgaben an die Bevölkerung. Sie hatten allerdings auch interne Adressaten und machten deutlich, dass es für die Polizei keine andere Rolle mehr geben sollte als die einer Stütze des NS-Staates.

Bei der Verkehrsüberwachung sahen sich Polizisten im Nationalsozialismus mit ähnlichen Problemen wie in der Weimarer Zeit konfrontiert. Allerdings verschärfte sich der Ton jetzt deutlich. Die NS-Propaganda interpretierte die "Verkehrsgemeinschaft" als ein Symbol der "Volksgemeinschaft", die durch das regelwidrige Verhalten Einzelner ge- und beschädigt werde.[26] Zur Verkehrserziehungswoche im Sommer 1934 hieß es, ganz an die neuen Machthaber angepasst: "Der Begriff Disziplin hat im neuen Deutschland einen neuen Klang bekommen, der Nationalsozialismus stellt über die individualistische Anschauung der verflossenen liberalen Epoche, den Führergedanken und die Einordnung und Unterordnung der Einzelpersönlichkeit unter das Gesamtwohl."[27]

Polizeiliche Maßnahmen brachten wie bereits in den 1920er Jahren keinen Rückgang der Unfallzahlen, und den Behörden riss langsam der Geduldsfaden. Im Juni 1938 verkündete Propagandaminister Joseph Goebbels in seiner Ansprache zum Auftakt der reichsweiten Aktionswoche "Augen auf im Straßenverkehr", dies sei das letzte Mal, dass Verkehrsregeln erklärt werden. Danach werde streng bestraft.[28] So konnte die Polizei ab 1938 ohne Einschaltung der Justiz Strafen verhängen, etwa die Entziehung der Fahrerlaubnis, die öffentliche Bekanntgabe von betrunkenen Fahrzeugführern und sogar Polizeihaft.[29]

Mit dem Zweiten Weltkrieg und den damit verbundenen Einschränkungen des zivilen Verkehrs verschwand mit der Verkehrsüberwachung ein wichtiges polizeiliches Thema nahezu völlig von der Bildfläche. Die ersten Verkehrserziehungsaktivitäten fanden allerdings bereits 1945 und 1946 statt – nun ging es nicht mehr um die "Volksgemeinschaft", sondern um "Straßenfrieden" und "Verkehrsdisziplin".

Fußnoten

19.
Einen guten Überblick über organisatorische Veränderungen bietet Friedrich Wilhelm, Die Polizei im NS-Staat, Paderborn 1997. Für einen Überblick über neuere Forschungen vgl. Wolfgang Schulte (Hrsg.), Die Polizei im NS-Staat, Frankfurt/M. 2009.
20.
Lange machte die Polizei die Gestapo und andere NS-Organisationen wie die SS als Hauptschuldige für die Verbrechen des Nationalsozialismus verantwortlich. Ab den 1990er Jahren richtete sich die Polizeiforschung verstärkt auf die Rolle der Kriminalpolizei und der uniformierten Polizei im "Dritten Reich", die in verschiedenen Arbeiten zu deutschen Großstädten untersucht wurde. Zu einem Umdenken in der Bewertung der Polizei führte u.a. die bahnbrechende Studie von Christopher R. Browning, Ordinary Men: Reserve Police Battalion 101 and the Final Solution in Poland, New York 1993.
21.
Vgl. Erneuerung der Sprache des Polizeibeamten – auch eine Forderung des Tages!, in: Der deutsche Polizeibeamte, 1.1.1934.
22.
Wie viel NS Weltanschauung gibt es?, in: Der deutsche Polizeibeamte, 15.2.1934.
23.
Kameraden der deutschen Polizei, in: Der deutsche Polizeibeamte, 25.3.1936.
24.
Vgl. Rossol (Anm. 10), S. 263ff.
25.
Westdeutscher Beobachter, 19.12.1934, zit. nach Willy Hansen, Zwischen Selbstdarstellung und Propaganda-Aktion: "Verkehrserziehungswochen" und "Tage der Deutschen Polizei" als Beispiele der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit im NS-Staat, in: Harald Buhlan/Werner Jung (Hrsg.), Wessen Freund und wessen Helfer? Die Kölner Polizei im Nationalsozialismus, Köln 2000, S. 230–262, hier S. 246.
26.
Vgl. Kampf der Gefahr, Nr. 3, Juli 1934.
27.
Kampf der Gefahr, Nr. 3, Juni 1934.
28.
Vgl. Verkehrsgemeinschaft ist Volksgemeinschaft (J. Goebbels), in: Die deutsche Polizei, 1.7.1938.
29.
Vgl. Gerhard Fürmetz, "Kampf um den Straßenfrieden". Polizei und Verkehrsdisziplin in Bayern zwischen Kriegsende und beginnender Massenmotorisierung, in: ders. et al. (Hrsg.), Nachkriegspolizei. Sicherheit und Ordnung in Ost- und Westdeutschland 1945–1969, Hamburg 2001, S. 199–229, hier S. 202.
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