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Auf einem Modell mit Spielzeugautos ist ein Polizeiauto in einer Rettungsgasse zu sehen.

17.5.2019 | Von:
Nadine Rossol

Polizei- als Erziehungsarbeit? Zu einem zentralen Motiv deutscher Polizeiarbeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Neuanfänge nach 1945? Polizei und Bevölkerung in Ost- und Westdeutschland

Die unmittelbaren Nachkriegsjahre stellten die Polizeikräfte in allen Teilen Deutschlands vor gravierende Probleme. Dies lag an der bedenklichen sicherheitspolitischen Lage, die in Verbindung mit der schlechten Lebensmittelversorgung, dem Mangel an Heizmaterial und Wohnraum eine Situation erzeugte, in der polizeiliche Regeldurchsetzungsversuche ins Leere liefen. Die Bekämpfung des Schmuggels und des Schwarzmarkts wurden von einem Großteil der Bevölkerung als unangebrachtes Eingreifen in ihren täglichen Kampf um das Nötigste angesehen.[30] Die Polizei wusste, dass sie wenig ausrichten konnte, und verlangte ihrerseits eine baldige Verbesserung der Situation.

Während die alltägliche Versorgungslage langsam besser wurde, musste eine neue Gründungserzählung für die Polizei gefunden werden. Das galt für Ost- und Westdeutschland gleichermaßen. Die SBZ und später die DDR präsentierte ihre Polizei stolz als wahre "Volkspolizei", die anfänglich ihre Mitglieder bewusst so rekrutierte, dass sie keine polizeilichen Vorkenntnisse hatten.[31] Damit sollte vermieden werden, dass Polizisten, die im "Dritten Reich" gedient hatten, in die Polizei kamen. Diese neue Polizei, die die Bedeutung einer antifaschistischen Einstellung vor polizeiliche Expertise setzte, entsprach den Leitmotiven, die die DDR propagierte. Hier brach die DDR aus ideologischen Gründen mit einer Praxis, die Weimarer Republik, NS-Diktatur und Bundesrepublik verband: Sie alle verließen sich auf erfahrene Polizeibeamte, die schon in vorigen politischen Systemen gedient hatten.

Die Traditionsbildung für die westdeutsche Polizei stand im klaren Gegensatz zur DDR und knüpfte an die demokratische Polizei der Weimarer Republik an. Dazu wurden die Jahre des Nationalsozialismus vage als "dunkle Zeit" bezeichnet, in der die ehemals demokratische Polizei unter Zwang hatte handeln müssen.[32] Damit war die Legendenbildung der bundesrepublikanischen Polizei nicht weit von jenem Muster entfernt, wie ein Großteil der deutschen Bevölkerung die Vergangenheit erinnern wollte.

Dass ein gutes Verhältnis zwischen Polizei und Bevölkerung Zeit brauchen würde, war offensichtlich. Nordrhein-Westfalens Innenminister Hubert Biernat betonte 1956 in seiner Eröffnungsrede zur Internationalen Polizeiausstellung in Essen, die sich explizit auf die Große Polizeiausstellung von 1926 bezog, dass der Polizist Helfer, Erzieher und Vorbild sein müsse und so das Bewusstsein aller für Ordnung und Wohlverhalten wach halten sollte.[33] Diese Ansicht wurde mit dem Konzept des Polizisten als "Bürger in Uniform" komplettiert, das auch zum Leitbild der Soldaten der Bundeswehr werden sollte. Die Zeitung der Gewerkschaft der Polizei, "Deutsche Polizei", schrieb Mitte der 1950er Jahre, Polizisten seien lediglich "Bürger unter Bürgern",[34] während der Polizeipräsident von Frankfurt am Main erklärte, es müsse gelingen "den Bürger zum Staatsbürger und den Polizeibeamten zum Staatsbürger in Uniform zu erziehen."[35]

Mit diesen staatsbürgerlichen Erziehungszielen für die Polizei und für die Bevölkerung wurde eine Zukunftsvorstellung beschworen, die sich deutlich von der Zeit des Nationalsozialismus unterscheiden sollte. "Die Polizei" beschrieb Anfang 1950 jedoch treffend, dass das Verhältnis zwischen Polizei und Bevölkerung noch labil sei, wobei das Leitbild "des Menschen in Uniform" sich hoffentlich bald etabliere.[36]

In der DDR war das Verhältnis zwischen Polizei und Bevölkerung kein einfacheres. Die ostdeutsche Polizeizeitung "Die Volkspolizei" betonte wiederholt, dass die Volkspolizisten noch an sich arbeiten müssten, um wirklich von der Arbeiterschaft akzeptiert zu werden.[37] Aber auch die Bevölkerung sollte die Polizei unterstützen.

Zwei Jahre nach der Bundesrepublik organisierte die DDR 1958 eine Polizeiausstellung, die in Ost-Berlin gezeigt wurde und anschließend als Wanderausstellung durch Ostdeutschland zog.[38] Der offizielle Führer durch die Ausstellung adressierte die Besucher/innen mit dem Hinweis: "Sie haben einen kleinen Einblick in die umfangreichen Aufgaben der Volkspolizei zum Schutze unserer Arbeiter-und-Bauern-Macht und auch zu Ihrem Schutze erhalten. Wir glauben, dass Sie die Erkenntnis gewonnen haben, dass die Erfolge der Volkspolizei bei der Lösung dieser Aufgaben noch größer sein werden, wenn auch Sie mithelfen und die Volkspolizei unterstützen."[39] Natürlich konnte die Bevölkerung der Volkspolizei sogar noch mehr helfen, als dies in Westdeutschland möglich war. Seit Anfang der 1950er Jahre konnten "freiwillige Helfer" oder "Abschnittsbevollmächtige" die Polizei auf lokaler Ebene unterstützen – eine Mitarbeit, die nie auf gleichberechtigter Basis stattfand und sich zwischen Hilfe bei Großereignissen, staatstreuem Anzeigeverhalten und Spitzelei einpendelte.[40]

Die polizeilichen Aufgabengebiete der Verkehrskontrolle und der Verkehrserziehung wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in einen gesellschaftspolitischen Interpretationsrahmen eingebettet, der für beide deutschen Staaten wichtig war. Nach ersten Verkehrserziehungsaktionen in Leipzig 1945 folgten im Westen Hamburg, Berlin, Dortmund und kleinere Städte wie Lünen oder Castrop-Rauxel 1946. Landesweite Aktionen unternahm die Bundesrepublik 1950 nach dem Vorbild der ostdeutschen Verkehrserziehungswochen 1947 und 1949.

Diese Maßnahmen fanden vor Trümmer- und Schuttbergen in einer Zeit statt, die deutlich größere polizeiliche Herausforderungen aufweisen konnte als Verkehrskontrolle. Dass sie trotzdem umgesetzt wurden, zeigt, dass hier Polizeiaufgaben zu Erziehungsfragen einer zivilen Nachkriegsgesellschaft gemacht wurden.[41] Ordnung, Disziplin und das Einhalten von Verkehrsregeln wurden als Indikatoren von Anstand, Höflichkeit und gemeinschaftlich umsichtigem Verhalten interpretiert. Verkehrserziehung wurde zu einer Lektion in staatsbürgerlichen Pflichten. Die angebliche "Verwilderung" im gesetzesfreien Raum der frühen Nachkriegsjahre sollte beendet werden. Im Oktober 1947 verband die "Sächsische Zeitung" Verkehrssicherheit mit staatsbürgerlicher Verantwortung, indem sie hervorhob, dass die Verkehrserziehungswoche zeigen müsse, dass die freiwillige Einordnung und Selbstdisziplin demokratische Pflichten seien.[42]

In der Praxis stießen diese polizeilichen Erziehungsversuche auf öffentlichen Unwillen und zogen oft die bewusste Entscheidung nach sich, den Empfehlungen der Polizei nicht zu folgen – ein Verhalten, das in der DDR viel schwieriger war als in der Bundesrepublik. Die Konsequenzen, die regelwidriges Verhalten nach sich ziehen konnte, unterschieden sich in West- und Ostdeutschland deutlich. Aber die Tatsache, dass der neue demokratische Staatsbürger auch die Freiheit haben musste, sich falsch und regelwidrig zu verhalten und die entsprechenden Konsequenzen zu tragen, wurde selbst in der Bundesrepublik selten thematisiert.

Fazit

Polizeiliche Erziehungsversuche machten einen wichtigen Bestandteil der Polizeiarbeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus, auch wenn die Ziele dieser Erziehungsarbeit sehr unterschiedlich waren. Je nach politischer Vorgabe sollte die Polizei durch vorbildliches Verhalten und gezielte Polizeiarbeit die Deutschen entsprechend zu guten Demokraten, Nationalsozialisten und Bürgern erziehen.

Jenseits der politischen Vorgaben fruchteten die erzieherischen Ansätze der Polizei besonders dann, wenn die Bevölkerung ihr die Expertise in diesem Bereich zuschrieb, wie in den polizeilichen Beratungsstellen der 1920er Jahre. Wenn die Erziehungsarbeit der Polizei als kleinlich und unnötig aufgefasst oder als inadäquater Ersatz statt "wirklicher Polizeiarbeit" angesehen wurde – ein Eindruck, der in den unmittelbaren Nachkriegsjahren aufkam, obwohl die Polizei wenig an der schwierigen sicherheitspolitischen Lage und unzureichenden Lebensmittelversorgung ändern konnte –, nahm die Bereitschaft, polizeiliche Regelungen zu befolgen, rapide ab.

Die Idee des paternalistischen "Vater Staat", der durch polizeiliche Erziehungsarbeit auf seine Bürger/innen einwirken konnte, wurde in Ostdeutschland durch die Niederschlagung des Arbeiteraufstandes 1953, in Westdeutschland spätestens im Zuge der Studentenproteste der 1960er Jahre hinfällig. Die Regierungen beider deutschen Staaten sahen sich nun durch Teile der eigenen Bevölkerung herausgefordert. Die folgenden Kontroversen um Polizeigewalt, Rasterfahndungen oder rechtsextreme Tendenzen in der Polizei ließen sich kaum noch mit der Idee der erzieherischen Polizeiarbeit verbinden.

Heute begegnen wir der Polizei einzig im Rahmen der schulischen Verkehrserziehung noch als Erzieherin. Dies hat jedoch weniger mit einem staatlich-erzieherischen Impetus zu tun als mit der Möglichkeit, Kindern und Jugendlichen ein positives Image der Polizei zu vermitteln.

Fußnoten

30.
Vgl. Herbert Reinke, "Ordnung, Sicherheit und Hilfe". Die Anfänge der Volkspolizei in den sächsischen Großstädten Leipzig und Dresden 1945–1947, S. 51–70, hier S. 57–68; Stefan Noethen, Alte Kameraden und neue Kollegen. Polizei in Nordrhein-Westfalen 1945–1953, Essen 2003; Laura J. Hilton, The Black Market in History and Memory. German Perception of Victimhood from 1945–1948, in: German History 4/2010, S. 479–497.
31.
Vgl. Richard Bessel, Policing in East Germany in the Wake of the Second World War, in: Crime, History & Societies 2/2003, S. 5–21. Für eine umfangreiche Studie über die Volkspolizei vgl. Thomas Lindenberger, Volkspolizei. Herrschaftspraxis und öffentliche Ordnung im SED-Staat 1952–1968, Köln 2003.
32.
Vgl. Klaus Weinhauer, Die Last der Vergangenheit. Schutzpolizei in der Bundesrepublik zwischen NS-Vergangenheit und Weimarer Tradition, in: Karl Christian Führer et al. (Hrsg.), Eliten im Wandel. Gesellschaftliche Führungsschichten im 19. und 20. Jahrhundert, Münster 2004, S. 365–387, hier S. 375f.
33.
Vgl. Hermann Knoche/Herbert Kalicinski (Hrsg.), Die Internationale Polizeiausstellung 1956 Essen – IPA – in Wort und Bild, Essen 1957, S. 32; Rossol (Anm. 10), S. 270.
34.
Braucht eine demokratische Polizei ein Prestige?, in: Deutsche Polizei 1/1956.
35.
Bürger und Polizei, in: Die Polizei 1/1954.
36.
Die immer noch gefährliche Pickelhaube, in: Die Polizei 3–4/1951.
37.
Vgl. etwa Die neue Polizei, in: Die Volkspolizei, Nr. 1, März 1948. Zur Zeitung siehe auch Thomas Lindenberger, Führungsorgan aller Volkspolizisten?, in: Simone Barck/Martina Langermann/Siegfried Lokatis (Hrsg.), Zwischen "Mosaik" und "Einheit". Zeitschriften in der DDR, Berlin 1999, S. 508–514.
38.
Vgl. Rossol (Anm. 10), S. 273f.
39.
Ausstellung der Volkspolizei 2–18.5.1958, S. 108.
40.
Vgl. Thomas Lindenberger, Vaters kleine Helfer. Die Volkspolizei und ihre enge Verbindung zur Bevölkerung 1952–1965, in: Gerhard Fürmetz/Herbert Reinke/Klaus Weinhauer (Hrsg.), Nachkriegspolizei. Sicherheit und Ordnung in Ost- und Westdeutschland 1945–1969, Hamburg 2001, S. 229–253, hier S. 234f.
41.
Vgl. Nadine Rossol, Policing, Traffic Safety Education and Citizenship in Post-1945 West Germany, in: Journal of Contemporary History 2/2018, S. 339–360, hier S. 339f.
42.
Vgl. Besonnenheit im Verkehr, in:Sächsische Zeitung, 15.10.1947.
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