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17.1.2005 | Von:
Khalid Y. Khalafalla

Der Konflikt in Darfur

Definitionen und zentrale Themen

Zunächst müssen die in diesem Beitrag verwendeten Begriffe definiert werden. Erstaunlicherweise haben viele Bewohner der Nil-Region im Sudan den Begriff janjaweed erstmals gehört, als er in den internationalen Medien benutzt wurde. In Darfur ist der Begriff jedoch nicht neu. Er kam in den achtziger Jahren während der Spannungen und Konflikte zwischen den Fur und den Arabern auf. Arabische Banden, die Horden (janjaweed) und Ritter (fursan) genannt wurden, zogen marodierend durch die von den Fur bewohnten Regionen, töteten wahllos und steckten Dörfer in Brand. Als Gegenreaktion bildeten auch die Fur solche Gruppen, die Kämpfer (malishiyat), und übten in ähnlicher Weise Vergeltung. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch behauptete fälschlicherweise, "die janjaweed sind aus den Abala hervorgegangen, nomadischen Kamelhirten, die in den siebziger Jahren aus dem Tschad und Westafrika nach Darfur eingewandert sind, sowie aus Stämmen arabischer Kamelhirten aus Nord-Darfur"[2]. Allerdings bilden die Zaiydiya den bei weitem größten und einzigen nennenswerten Stamm von Kamelbesitzern.[3] Es scheint, dass sich der Großteil der janjaweed aus den Baggara rekrutiert, vor allem aus den Beni Helba, die Rinderhirten sind. Der Begriff ist eine Zusammensetzung aus jan, was "Geist" bedeutet, und jaweed, einer Abwandlung von jawad, was "Pferd" heißt. Der Begriff versinnbildlicht die überraschenden Angriffe dieser berittenen Milizen, die meist in der Nacht Verwüstung und Zerstörung bringen.

Man vermutet, dass es sich bei allen um arabische Stämme handelt. Wenn dies zutrifft, stellt sich die Frage: Wer sind die arabischen Sudanesen? Viele Sudanesen führen ihre Abstammung auf Arabien und sogar bis zum Propheten Mohammed zurück. Da aber der Islam und die arabische Kultur nicht nur von "reinen" Arabern, sondern in der Hauptsache von arabisierten einheimischen Völkern verbreitet wurden, sind unausweichlich "dunklere" Araber dabei entstanden.[4] Es erstaunt nicht, dass man Menschen mit sehr dunkler Hautfarbe unter den Ja'aleen und Shaigiyya findet, den beiden größten arabischen Stämmen der Flussregion.

Volkszugehörigkeit ist althergebracht und weit verbreitet. Der Begriff wird für "Nation", "Rasse" oder "Volk" benutzt, die allgemeine Bedeutung bezieht sich jedoch auf diekulturelle Eigenart. In der Wissenschaft gab es eine Debatte darüber, ob Volkszugehörigkeit ursprünglich (primordial) oder instrumental sei. Ursprüngliche Volkszugehörigkeit wird eng mit Verwandtschafts- und Herkunftsbeziehungen verknüpft. Instrumentale Volkszugehörigkeit ist doppeldeutig, veränderbar und wird von Vor- und Nachteilserwägungen bei der Verfolgung unmittelbarer Interessen gelenkt. Eine kritische, aber entscheidende Differenz, die in wissenschaftlichen Debatten oft unberücksichtigt bleibt, liegt darin, dass sich Volkszugehörigkeit sowohl auf Abgrenzungsmerkmale - also einen ethnischen Unterschied - als auch auf inhaltliche Fragen (Interessen) in ethnischen Auseinandersetzungen beziehen kann. Es lässt sich also in zweierlei Hinsicht von einem ethnischen Konflikt sprechen: Er kann sich auf die Konfrontation zwischen Mitgliedern einer oder mehrerer ethnischer Gruppen um die Kontrolle begrenzter Ressourcen wie Wasser, Land, Diamanten, Öl usw. beziehen. Dann sind die Kontrahenten ethnisch, nicht aber der Gegenstand der Auseinandersetzung. Im zweiten Fall sind die Gegenstände des Konflikts selbst ethnisch: Sprache, Religionsausübung, Familienrecht usw. Ethnische Konflikte äußern sich in der Regel in einer klaren ethnischen oder rassischen Forderung, bringen einen Missstand zum Ausdruck. Es gibt viele Formen des ethnischen Konflikts. Die Hauptvarianten sind: Aufruhr, Bürgerkrieg und Völkermord.

Der Begriff ethnische Gewalt bezieht sich auf "Gewalt, die über ethnische Grenzen hinweg ausgeübt wird, wobei mindestens eine Partei kein Staat (oder Vertreter eines Staates) ist, und in der der vermeintliche ethnische Unterschied ein integraler Bestandteil dieser Gewalt und nicht zufällig Teil der Gewalt ist, d.h. die Gewalt sich in irgendeiner Weise absichtlich auf die ethnische Zugehörigkeit der Opfer richtet"[5]. Völkermord (Genozid) wird als die vorsätzliche Auslöschung eines Volkes definiert.


Fußnoten

2.
Human Rights Watch, Darfur Documents confirm Government policy of Militia support. A Human Rights Watch Briefing Paper vom 19. 7. 2004, S. 2.
3.
Vgl. H. A. MacMichael, A History of the Arabs in the Sudan, Band 1 und 2, Cambridge 1922.
4.
Vgl. O. Aguda, Arabism and Pan-Arabism in Sudanese Politics, in: The Journal of Modern African Studies, 11 (1973), S. 179; vgl. auch Yusuf Fadl Hasan, The Arabs and the Sudan: From the Seventh to the early Sixteenth century, Edinburgh 1967.
5.
R. Brubaker/D.D. Laitin, Ethnic and Nationalist Violence, in: Annual Review of Sociology, 24 (1998), S. 428.