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5.1.2005 | Von:
Hermann Wentker

Zwischen Abgrenzung und Verflechtung: deutsch-deutsche Geschichte nach 1945

Parallelgeschichten und neuere Synthesen

Darstellungen, welche die Geschichte der DDR und der Bundesrepublik parallel betrachten, gibt es kaum. Im engeren Sinne sind es bisher nur zwei Werke, die sich diesen Ansatz zu Eigen machen. Es handelt sich zum einen um die 1982/88 erstmals erschienene, mehrfach wieder aufgelegte, zweibändige, die Jahre 1945 bis 1970 umfassende deutsche Geschichte von Christoph Kleßmann. Naturgemäß gelingt es im ersten Band, der das erste Nachkriegsjahrzehnt in den Blick nimmt, sehr viel besser als im zweiten, die wechselseitigen Einflüsse, die weiterhin bestehenden Hoffnungen auf Realisierung der deutschen Einheit und die dem entgegenstehende Eingliederung der beiden Teilstaaten in die jeweiligen Blöcke in einer Gesamtdarstellung zu integrieren. Wie Kleßmann selbst einräumt, ist es für die Jahre 1955 bis 1970 methodisch und darstellerisch ein schwieriges Problem, dem Anspruch "einer stärkeren Verklammerung beider Teilgeschichten, zumindest in der Gestalt einer weitgehend formalen Parallelisierung", gerecht zu werden. Denn Bundesrepublik und DDR entwickelten sich "weitgehend unabhängig voneinander und folgten eigenen außenpolitischen und gesellschaftlichen Imperativen". Dies wird auch in der Darstellung deutlich, in der, anders als im ersten Band, die parallelen Entwicklungen in West- und Ostdeutschland nacheinander abgehandelt werden, wenngleich an den relevanten Stellen immer wieder Bezug auf den jeweils anderen Staat genommen wird.[11]

Sehr viel konsequenter als Kleßmann "parallelisiert" Peter Bender in essayistischer Manier die Geschichte beider Staaten. Davon ausgehend, dass Bundesrepublik und DDR aufgrund ihrer gemeinsamen Herkunft "vor gleichen Problemen und Aufgaben standen", verfolgt er das Ziel, "die beiden Stränge der deutschen Nachkriegsentwicklung so zu verknüpfen, dass westdeutsche Leser auch die ostdeutsche Geschichte und ostdeutsche Leser auch die westdeutsche Geschichte in den Blick bekommen". So anregend die Lektüre über weite Strecken auch ist, zeigen einzelne Passagen die bei einem solchen Verfahren bestehende Gefahr, dass fundamentale Unterschiede eingeebnet werden. Dies gilt etwa für die Abschnitte über Opposition gegen Adenauer und Ulbricht, die sich weniger in der Sache als in der Form unterschieden habe - "im Westen meist offen und im Osten hinter den fest verschlossenen Türen des Zentralkomitees".[12]

Auch wenn neuere Synthesen meist nicht den ehrgeizigen Versuch unternehmen, die Geschichte der DDR mit der der Bundesrepublik zu parallelisieren oder zu verklammern, ist doch auffällig, dass viele dieser Darstellungen die DDR auf die eine oder andere Weise mit einbeziehen. Das geschieht freilich auf höchst unterschiedliche Weise, wie etwa die Werke von Gerhard A. Ritter, Peter Graf Kielmansegg und Heinrich August Winkler zeigen. Gerhard A. Ritter geht es in seinem erweiterten Essay "Über Deutschland" um den Ort der "alten" Bundesrepublik, der DDR und der "neuen" Bundesrepublik in der deutschen Geschichte. Es handelt sich vor allem um einen Versuch, die Gegenwart aus der jüngsten Vergangenheit zu erklären. Im Mittelpunkt stehen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in beiden deutschen Staaten; gefragt wird vor allem nach Wandel und Beharrung, nach Kontinuitäten und Brüchen. Dieses Vorgehen bedingt, dass die Systemkonkurrenz zwischen Bundesrepublik und DDR zwar durchaus gesehen wird, aber nicht im Zentrum steht.[13] Einen anderen Ansatz verfolgt Peter Graf Kielmansegg mit seiner "Geschichte des geteilten Deutschland". Darin bezeichnet er die Wege der Bundesrepublik und der DDR "als zwei konkurrierende Versuche, im unentrinnbaren Schatten der Katastrophe deutsche Geschichte neu beginnen zu lassen". Zwar verdeutlicht er, dass auch die diesbezüglichen Strategien der DDR nicht von vornherein aussichtslos waren; "Zukunftsfähigkeit", so das dezidierte Urteil Kielmanseggs, gewann indes letztlich nur die Bundesrepublik.[14] Heinrich August Winkler schließlich interpretiert die deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zur Wiedervereinigung als "langen Weg nach Westen". In dieser Perspektive beschritten beide deutsche Staaten nach dem Untergang des deutschen Reiches - womit dessen antiwestlicher Sonderweg endete - noch einmal Sonderwege: die DDR einen (von der Parteidoktrin vorgegebenen) "internationalistischen" und die Bundesrepublik einen "postnationalen". Erst mit der Wiedervereinigung seien beide Sonderwege beendet worden, und Deutschland habe als "demokratischer, postklassischer Nationalstaat unter anderen" zu sich selbst und zugleich endgültig zum "Westen" gefunden.[15]

Die Parallelgeschichten und die genannten Synthesen zeigen einerseits, dass die DDR als Teil der deutschen Geschichte nach 1945 durchaus ernst genommen wird. Zu kritisieren, dass der ostdeutschen Entwicklung in fast allen diesen Werken weniger Aufmerksamkeit gewidmet wird als der westdeutschen, wäre möglich, aber letztlich verfehlt. Denn es geht den Autoren, wie dargelegt, nicht um eine gleichmäßige Behandlung, und ihre Arbeiten sind an den von ihnen selbst gesetzten Zielen zu messen. Andererseits lässt sich festhalten, dass eine deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte, die der getrennten Entwicklung beider Teilstaaten ebenso gerecht wird wie den weiterhin bestehenden Verbindungen und Beziehungen, die ihre Bezogenheit aufeinander ebenso integriert wie ihre Abgrenzung voneinander, bisher noch aussteht. Dabei handelt es sich zum einen um ein konzeptionelles Problem; zum anderen liegt die Schwierigkeit darin, dass trotz des Booms der DDR-Forschung seit der Wiedervereinigung die Forschungslage zu den einzelnen hier interessierenden Fragen höchst unterschiedlich ist.

Zur konzeptionellen Seite hat sich vor kurzem Konrad Jarausch geäußert. Da die gängigen Großerklärungen (etwa: Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, Misserfolgsgeschichte der DDR) in diesem Zusammenhang versagen, plädiert er für eine "chronologisch sensible und inhaltlich plurale Sequenzperspektive", da nur so "die Komplexität kontrastierender Erfahrungen in Ost und West zu erfassen" sei. Abgesehen davon, dass ausschließlich individuelle oder kollektive Erfahrungen kein Maßstab für den Historiker sein dürfen, handelt es sich eher um einen Versuch, das Problem zu umgehen, statt es zu lösen.[16] Wichtiger als solche Überlegungen ist es, zunächst den Stand der Forschung zu skizzieren und, davon ausgehend, Richtungen aufzuzeigen, welche die künftige Forschung nehmen sollte, um sich einer deutsch-deutschen Geschichte nach 1945 nähern zu können.


Fußnoten

11.
Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945 - 1955, Bonn 19915; ders., Zwei Staaten, eine Nation. Deutsche Geschichte 1955 - 1970, Bonn 19972, die Zitate S. 10, 12.
12.
Peter Bender, Episode oder Epoche? Zur Geschichte des geteilten Deutschland, München 1997, die Zitate S. 10, 12, 152.
13.
Vgl. Gerhard A. Ritter, Über Deutschland. Die Bundesrepublik in der deutschen Geschichte, München 20002.
14.
Die Zitate in: Peter Graf Kielmansegg, Konzeptionelle Überlegungen zur Geschichte des geteilten Deutschlands, in: Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien, Nr. 23/24 (Oktober 2001), S. 19, 13. Vgl. auch ders., Nach der Katastrophe. Eine Geschichte des geteilten Deutschland, Berlin 2000.
15.
Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen, Bd. I: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik; Bd. II: Deutsche Geschichte vom "Dritten Reich" bis zur Wiedervereinigung, München 20025, die Zitate Bd. II, S. 652, 655.
16.
Vgl. K. H. Jarausch (Anm. 5), S. 28.