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5.1.2005 | Von:
Hermann Wentker

Zwischen Abgrenzung und Verflechtung: deutsch-deutsche Geschichte nach 1945

Deutsch-deutsche Verbindungen und Beziehungen

Das spannende Thema der deutsch-deutschen Beziehungen im Sinne von Deutschlandpolitik, wechselseitigen Einwirkungsversuchen, institutionellen und persönlichen Kontakten wurde bereits vor der Wiedervereinigung unter den verschiedensten Aspekten bearbeitet. Es gehört sicher zu den Gebieten der Forschung, die nach 1990 mit am stärksten von den nun zugänglichen DDR-Archivalien profitiert haben. Im Unterschied zu den meisten DDR-Beständen in den inzwischen gesamtdeutschen Archiven gilt für die Akten bundesdeutscher Herkunft weiterhin eine dreißigjährige Sperrfrist. Die daraus entstandene, zu Recht beklagte "archivarische Asymmetrie" ist sicher ein Hindernis auf dem Weg zur Erforschung der westdeutschen Deutschlandpolitik in den letzten anderthalb Jahrzehnten vor 1990.[17] Dennoch konnten auch für die bundesdeutsche Seite die Lücken teilweise geschlossen werden: sei es durch die Nutzung einschlägiger Nachlässe in Parteiarchiven, sei es durch die vorzeitige Freigabe wichtiger staatlicher Akten für größere Darstellungen oder Akteneditionen.[18] Das Ergebnis der intensiven Beschäftigung mit diesem Material ist eine beachtliche Anzahl an wissenschaftlichen Arbeiten und Dokumenteneditionen, die sich vornehmlich mit den politischen Beziehungen und Kontakten sowie mit geheimdienstlichen und anderen Unterwanderungsversuchen (vor allem in Ost-West-Richtung) befassen.[19]

Die Verbindungen zwischen den Deutschen in Ost und West blieben am lebendigsten in den Kirchen, die trotz staatlicher Spaltung mehr oder weniger an ihrer Zusammengehörigkeit festhielten, teilweise im Sport und im Zusammenhang mit der Abwanderung der Deutschen aus der DDR in die Bundesrepublik (der eine oft übersehene, allerdings sehr viel geringer dimensionierte Wanderungsbewegung in östlicher Richtung entsprach). Zu all diesen Themen liegen erste Überblicke und Spezialstudien vor. Selbst ein so diffiziles Thema wie der Freikauf von politischen Häftlingen aus der DDR wird inzwischen nicht nur von ehemaligen Beteiligten, sondern auch wissenschaftlich bearbeitet.[20]

Dass die Alltagserfahrungen der Menschen mit der Teilung erst ansatzweise erforscht sind, liegt sicher an der schwierigen Quellenlage und an methodischen Problemen; unverständlich ist jedoch, warum zum innerdeutschen Handel außer einigen Überblicken und Spezialaufsätzen bisher erst eine einzige Monographie erschienen ist.[21] Trotz eines insgesamt befriedigenden Forschungsstandes sind auf diesen Gebieten also noch weitere Studien wünschenswert. Zu nennen wären etwa die geheimdienstlichen Perzeptionen und Aktivitäten des Westens, für deren Erforschung sich die Quellenlage etwas gebessert hat,[22] das weite Feld der innerdeutschen wirtschaftlich-finanziellen Beziehungen, aber auch Flucht und Übersiedlung aus der DDR nach 1961[23] und der Reise- und Besucherverkehr zwischen beiden Staaten.


Fußnoten

17.
So Hermann Weber, "Asymmetrie" bei der Erforschung des Kommunismus und der DDR-Geschichte? Probleme mit Archivalien, dem Forschungsstand und bei den Wertungen, in: APuZ, 47 (1997) 26, S. 3 - 14, insbes.S. 4.
18.
So hat etwa Heinrich Potthoff die Nachlässe von Willy Brandt und Helmut Schmidt für seine Arbeiten genutzt; das Bundeskanzleramt hat seine Akten für die vierteilige Geschichte der deutschen Einheit von Karl-Rudolf Korte, Dieter Grosser, Wolfgang Jäger und Werner Weidenfeld teilweise freigegeben; vgl. auch deren Edition in: Dokumente zur Deutschlandpolitik. Deutsche Einheit. Sonderedition aus den Dokumenten des Bundeskanzleramtes 1989/90, bearb. von Hanns Jürgen Küsters und Daniel Hofmann, München 1998.
19.
Vgl. dazu die Literaturberichte von Michael Herms, Helmut Müller-Enbergs und Manuela Glaab und die Bibliographie in: Rainer Eppelmann/Bernd Faulenbach/Ulrich Mählert (Hrsg.), Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn 2003, S. 333 - 337, 338 - 345, 346 - 352, S. 519 - 525 (insgesamt 121 Titel).
20.
Zu den Kirchen vgl. etwa Claudia Lepp/Kurt Nowak (Hrsg.), Evangelische Kirche im geteilten Deutschland (1945 - 1989/90), Göttingen 2001; Joachim Mehlhausen/Leonore Siegele-Wenschkewitz (Hrsg.), Zwei Staaten - zwei Kirchen? Evangelische Kirche im geteilten Deutschland. Ergebnisse und Tendenzen der Forschung, Leipzig 2000; Christian Hanke, Die Deutschlandpolitik der Evangelischen Kirche in Deutschland von 1945 bis 1990. Eine politikwissenschaftliche Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung des kirchlichen Demokratie-, Gesellschafts- und Staatsverständnisses, Berlin 1999; Ulrich von Hehl/Hans Günter Hockerts (Hrsg.), Der Katholizismus - gesamtdeutsche Klammer in den Jahrzehnten der Teilung? Erinnerungen und Berichte, Paderborn 1996. Zu den Sportbeziehungen siehe die einschlägigen Titel in der Bibliographie in: R. Eppelmann u.a. (Anm. 19), S. 508 - 511. Zu den Wanderungsbewegungen Helge Heidemeyer, Flucht und Zuwanderung aus der SBZ/DDR 1945/49 - 1961. Die Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik Deutschland bis zum Bau der Berliner Mauer, Düsseldorf 1994; Henrik Bispinck, "Republikflucht": Flucht und Ausreise als Problem für die DDR-Führung, in: Dierk Hoffmann/Michael Schwartz/Hermann Wentker (Hrsg.), Vor dem Mauerbau. Politik und Gesellschaft in der DDR der fünfziger Jahre, München 2003, S. 285 - 309; Andrea Schmelz, Migration und Politik im geteilten Deutschland während des Kalten Krieges. Die West-Ost-Migration in die DDR in den 1950er und 1960er Jahren, Opladen 2002. Zum Häftlingsfreikauf Ludwig Rehlinger, Freikauf. Die Geschäfte der DDR mit politisch Verfolgten 1963 - 1989, Berlin 1991; Maximilian Horster, The Trade in Political Prisoners between the Two German States, 1962 - 89, in: Journal of Contemporary History, 39 (2004), S. 403 - 424.
21.
Zu Alltagserfahrungen vgl. etwa Christian Härtel/Petra Kabus (Hrsg.), Das Westpaket. Geschenksendung, keine Handelsware, Berlin 2000; Ina Dietzsch, Grenzen überschreiben? Deutsch-deutsche Briefwechsel 1948 - 1989, Köln-Weimar-Wien 2004. Zum innerdeutschen Handel Maria Haendcke-Hoppe-Arndt, Interzonenhandel/Innerdeutscher Handel, in: Materialien der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland", hrsg. vom Deutschen Bundestag, Bd. V/2, Baden-Baden 1995, S. 1543 - 1571; Friedrich von Heyl, Der innerdeutsche Handel mit Eisen und Stahl 1945 - 1972. Deutsch-deutsche Beziehungen im Kalten Krieg, Köln 1997.
22.
Im September 2003 wurde die aus den Jahren 1960 bis 1962 stammenden BND-Aktenserie "Militärischer Lagebericht OST" für die Jahre 1960 bis 1992 an das Bundesarchiv abgegeben und deklassifiziert; im März 2004 folgten 139 Bände aus dem Referat "Politische Auswertung SBZ/DDR" aus den Jahren 1963 bis 1990. Vgl. dazu Elke-Ursel Hammer, "Archivwesen" im Bundesnachrichtendienst und Bestand B 206 im Bundesarchiv. Von Quellen-/Methodenschutz und dem historischen Interesse, in: Mitteilungen aus dem Bundesarchiv, 12 (2004) 1, S. 43.
23.
Die bisherigen Veröffentlichungen haben das Vorgehen des MfS gegen die Ausreisewilligen thematisiert: vgl. Bernd Eisenfeld, Die Zentrale Koordinierungsgruppe. Bekämpfung von Flucht und Übersiedlung, Berlin 1995; Hans-Hermann Lochen/Gerhard Meyer-Seitz (Hrsg.), Die geheimen Anweisungen zur Diskriminierung Ausreisewilliger. Dokumente der Stasi und des Ministeriums des Innern, Köln 1992.