30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

5.1.2005 | Von:
Hermann Wentker

Zwischen Abgrenzung und Verflechtung: deutsch-deutsche Geschichte nach 1945

Integrierende Perspektiven und Synthesekerne

Die beiden deutschen Staaten standen indes nicht nur in einem direkten Sinne in Kontakt miteinander. Sie mussten darüber hinaus mit Problemen umgehen, die aus der gemeinsamen jüngsten Geschichte resultierten. Unmittelbar nach 1945 standen die Entnazifizierung, die Integration der Vertriebenen aus den Ostgebieten, die Wiedergutmachung und die Zahlung von Reparationen in beiden Teilen Deutschlands auf der Tagesordnung. Darüber hinaus ging es - vor allem in den späteren Jahrzehnten - um Probleme, denen die Industriestaaten systemübergreifend ausgesetzt waren. Trotz aller Gegensätzlichkeit der Systeme gab es eine Reihe von Phänomenen, die aufgrund weltweiter Trends in beiden Staaten auftraten und deren vergleichende Untersuchung sich lohnt. Hans Günter Hockerts bezeichnet solche Phänomene als "integrierende Perspektiven oder Synthesekerne"[24] für die Geschichte der Bundesrepublik und der DDR. In dem von ihm herausgegebenen Sammelband "Koordinaten deutscher Geschichte in der Episode des Ost-West-Konflikts" werden einige solcher Perspektiven skizziert. Eine Untersuchung der deutsch-deutschen Geschichte unter diesem Blickwinkel hätte den Vorteil, dass sie, ausgehend von ähnlichen Phänomenen, vergleichend vorgehen könnte: Gemeinsamkeiten könnten ebenso herausgearbeitet werden wie Unterschiede und damit zu einem differenzierten Bild des Umgangs der Bundesrepublik wie der DDR mit Phänomenen, die beide Staaten betrafen, beitragen.

Doch welche "Synthesekerne" eignen sich besonders für eine solche Untersuchung? Wo versprechen tiefer gehende Bohrungen auch Hoffnungen auf Erkenntnisgewinn? Auch in dieser Hinsicht können einzelne Beiträge des von Hockerts herausgegebenen Bandes nützlich sein. Dort werden unter anderem Fragen nach der Bedeutung der Religion und des Bürgertums für beide Staaten gestellt. Dass die DDR in weitaus stärkerem Maße als die Bundesrepublik säkularisiert war, ist bekannt. Auch die Begründung, die dafür gegeben wurde, ist einleuchtend: Es war die Kombination einer mangelnden Verankerung von Religion und Kirche in einer eigenständigen Volkskultur mit einer fast durchgehend, über 60 Jahre hinweg praktizierten antikirchlichen Politik. Beides war für die Bundesrepublik so nicht gegeben.[25] Ähnlich gelagert ist der Fall bei einer West- und Ostdeutschland vergleichenden Betrachtung von "Bürgertum": Während mit Blick auf die Bundesrepublik durchaus von einer bürgerlich geprägten Gesellschaft die Rede sein kann, gab es in der DDR Bürgertum allenfalls noch in einigen wenigen Residuen, die zudem keine größere Ausstrahlungskraft auf die Gesamtgesellschaft entfalten konnten.[26]

Demgegenüber bildet die sozioökonomische Krise der Industriegesellschaft von Mitte der sechziger bis Ende der siebziger Jahre ein lohnendes Untersuchungsfeld. Denn beide Staaten waren von ihr betroffen, die Bundesrepublik etwas früher und die DDR etwas später. Zwar ist unübersehbar, dass die DDR, die vor allem auf eine Ausweitung der Kreditaufnahme im Westen und eine Fortschreibung der Subventionierung durch die Sowjetunion setzte, den Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft nicht bewältigt hat. Doch die Frage, wie in beiden deutschen Staaten die Krise wahrgenommen und nach welchen Bewältigungsstrategien gesucht wurde, könnte den Ausgangspunkt für eine weiterführende vergleichende Analyse bieten.[27] Ähnliches gilt, wie ebenfalls bereits ansatzweise gezeigt, für die staatlichen Versuche, die negativen Folgen ökonomischer Krisen mittels Sozialpolitik abzubremsen oder abzufedern. Da Sozialpolitik für die DDR trotz der propagierten Überwindung des kapitalistischen Systems weiterhin notwendig blieb, lassen sich DDR und Bundesrepublik auch als Sozialstaaten unterschiedlicher Prägung mit Gewinn miteinander vergleichen.[28] Auch das Paradigma der "Wissensgesellschaft" könnte komparativen Studien zugrunde gelegt werden. Denn Verwissenschaftlichungsprozesse, die etwa im Gesellschaftssystem, in der Wirtschaft, in der Politik undin der Wissenschaftsorganisation sichtbar wurden, lassen sich für West- und Ostdeutschland gleichermaßen beobachten. Wissenschaft und moderne Technologien sollten den wirtschaftlichen Fortschritt ebenso sicherstellen wie das militärische und politische Überleben in der bipolaren Welt des Kalten Krieges. Die Gründung von Großforschungseinrichtungen in den Bereichen Anwendung und Technologie, eine bis dahin ungekannte Ausweitung des Bildungswesens und die verstärkte Beratung der Politik durch wissenschaftliche Experten waren in den sechziger und frühen siebziger Jahren kennzeichnend für beide deutsche Staaten.[29]

Jenseits der von Hockerts angeregten und zusammengeführten Forschungen sind weitere Gebiete für einen solchen systematischen Vergleich denkbar. Zu nennen wären Forschungsgegenstände wie Umweltgeschichte - einschließlich der Geschichte der Umweltpolitik -, die zunehmende Individualisierung der Lebensstile oder auch kulturgeschichtliche Themen wie die Produktkommunikation in Ost und West.[30] Für deren Auswahl ist entscheidend, dass sich eine gemeinsame, vergleichende Fragestellung mit Gewinn verfolgen lässt.


Fußnoten

24.
Hans Günter Hockerts (Hrsg.), Koordinaten deutscher Geschichte in der Epoche des Ost-West-Konflikts, München 2004, S. IX.
25.
Vgl. Karl Gabriel, Zur Bedeutung der Religion für Gesellschaft und Lebensführung in Deutschland, in: H. G. Hockerts (ebd.), S. 275.
26.
Vgl. Hannes Sigrist, Wie bürgerlich war die Bundesrepublik, wie entbürgerlicht die DDR? Verbürgerlichung und Antibürgerlichkeit in historischer Perspektive, in: H. G. Hockerts (ebd.), S. 207 - 243.
27.
Vgl. dazu Charles S. Maier, Two Sorts of Crisis? The "long" 1970s in the West and the East, in: H. G. Hockerts (ebd.), S. 49 - 62.
28.
Vgl. dazu (unter Einbeziehung der für beide Staaten gemeinsamen Vorgeschichte der Jahre 1933 bis 1945) Hans Günter Hockerts (Hrsg.), Drei Wege deutscher Sozialstaatlichkeit. NS-Diktatur, Bundesrepublik und DDR im Vergleich, München 1998; Dierk Hoffmann/Michael Schwartz (Hrsg.), Sozialstaat DDR. Sozialpolitische Entwicklungen im Spannungsfeld von SED-Diktatur und Gesellschaftsdynamik, München 2005 (Arbeitstitel, im Druck).
29.
Margit Szöllosi-Janze, Wissensgesellschaft - ein neues Konzept zur Erschließung der deutsch-deutschen Zeitgeschichte?, in: H. G. Hockerts (Anm. 24), S. 277 - 304.
30.
Zu Letzterem vgl. Rainer Gries, Produkte als Medien. Kulturgeschichte der Produktkommunikation in der Bundesrepublik und der DDR, Leipzig 2003. Es geht darin um die kulturellen Identitäten, die durch Produkte und deren Präsentation in Ost und West geschaffen wurden.