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5.1.2005 | Von:
Hermann Wentker

Zwischen Abgrenzung und Verflechtung: deutsch-deutsche Geschichte nach 1945

Wechselseitige Perzeptionen und ihre Wirkungen

Eine andere weiterführende Möglichkeit, die deutsch-deutsche Geschichte nach 1945 zu behandeln, besteht darin, den Perzeptionen des jeweils anderen Staates und deren Wirkungen systematischer nachzugehen, als dies bisher geschehen ist. Dieser Ansatz begreift die beiden deutschen Staaten als Konkurrenten, die einander nie aus den Augen ließen, sich voneinander sichtbar abgrenzten, in der Konkurrenz aber stets aufeinander bezogen blieben. Dass vor dem Hintergrund "der Gegensätzlichkeit und engen Aufeinanderbezogenheit der beiden Gesellschaftssysteme auf deutschem Boden" die Nation in einer "dialektischen Einheit" verbunden war,[31] sollte indes nicht leichtfertig behauptet werden, bevor dies nicht durch entsprechende Forschungen erhärtet worden ist.

Indizien für eine solche "Verflechtung in der Abgrenzung" (Kleßmann) sind vorhanden. Am deutlichsten ist dieser Zusammenhang in der Außenpolitik der beiden Staaten in den fünfziger und sechziger Jahren erkennbar. Dem Alleinvertretungsanspruch Bonns, der 1955 in die Form der Hallstein-Doktrin gegossen wurde, stand das Streben Ost-Berlins nach Anerkennung gegenüber: Während die Bundesrepublik im Sinne der Hallstein-Doktrin die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen von Drittstaaten mit der DDR verhindern wollte, suchte Letztere krampfhaft nach Mitteln und Wegen, um ihre internationale Isolation aufzubrechen.[32] Auch die Bestrafung von NS-Verbrechen einschließlich des gesamten Komplexes "Vergangenheitsbewältigung und Justiz" war ein wesentlicher Bestandteil der deutsch-deutschen Systemkonkurrenz. Die DDR suchte ihren "Antifaschismus" durch propagandistische Kampagnen gegen "NS-Blutrichter" in Diensten der Bundesrepublik, durch Schauprozesse gegen prominente und umstrittene westdeutsche Politiker wie Theodor Oberländer und Hans Globke und durch harte Strafen in NS-Verfahren zu untermauern. All dies traf in der Bundesrepublik seit Ende der fünfziger Jahre auf einen sich wandelnden Zeitgeist im Hinblick auf die NS-Vergangenheit, löste aber auch regierungsinterne Kontroversen aus. Der DDR ging es weiterhin nicht um eine möglichst systematische Strafverfolgung gegen NS-Täter, sondern darum, die Bundesrepublik zu diskreditieren oder einen Ansehensverlust der DDR zu vermeiden. NS-Prozesse wurden daher oft mit Blick auf den größtmöglichen operativen Nutzen in der deutsch-deutschen Systemkonkurrenz geführt.[33] Als letztes Beispiel sei auf Überlegungen in der SED-Führung 1956 verwiesen, eine Rentenreform in der DDR durchzuführen, der zufolge die Renten stärker an Löhne und Gehälter gekoppelt werden sollten. Daraus wurde zwar nichts; die Diskussion zeigt indes, dass die westdeutsche Rentendebatte, die zur Rentenreform von 1957 führen sollte, sich auch auf die DDR auswirkte.[34]

Trotz dieser Indizien, denen sich noch weitere hinzufügen ließen,[35] sind die gegenseitigen Perzeptionen von politischen Entscheidungen, Programmen und politischen Ideen sowie von verschiedensten gesellschaftlichen und politischen Prozessen noch nicht systematisch erforscht. Das gilt auch für die Frage, ob und wie sich diese Perzeptionen auf den verschiedenen Politikfeldern und in den gesellschaftlichen Subsystemen beider Staaten ausgewirkt haben. Das Spektrum reicht von intentionaler Kopie über die Einschränkung von Handlungsoptionen durch den jeweils anderen bis zu bewusster Abgrenzung bzw. gezielter Ausblendung oder Nichtwahrnehmung. Dazu ist ein Projekt am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin mit dem Arbeitstitel "Das doppelte Deutschland. Die Perzeption des Anderen und ihre Wirkungen in der deutschen Nachkriegsgeschichte" in Vorbereitung.[36]

Ziel ist es nicht, die deutschen Nachkriegsentwicklungen primär aus einer Aufeinanderbezogenheit beider Staaten zu erklären; es geht vielmehr um die Bestimmung der aus der deutsch-deutschen Sondersituation resultierenden Faktoren, die Einfluss auf die jeweilige Entwicklung hatten. Da ein analytischer Zugriff auf diesen Bereich der deutsch-deutschen Beziehungsgeschichte als Ganzes kaum möglich ist, soll in etwa 15 bis 20 thematischen Längsschnitten die ost- und die westdeutsche Entwicklung unter der skizzierten Fragestellung und aufeinander bezogen untersucht werden. Im Zentrum stehen unterschiedliche Politikfelder sowie gesellschaftliche und kulturelle Prozesse, die Aufschlüsse über den Grad der Verflechtung bzw. gegenseitigen Abstoßung versprechen.

Dass diese Bemühungen zu einer neuen "Meistererzählung" der deutschen Geschichte nach 1945 führen, ist angesichts der zahlreichen, oft kaum miteinander kompatiblen Zugänge zu diesem Teil der Zeitgeschichte wenig wahrscheinlich. Gleichwohl sind sie notwendig, um der deutsch-deutschen Vergangenheit in ihrer Komplexität Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das wieder vereinigte Deutschland benötigt kein einheitliches Geschichtsbild, sondern eines, in dem die getrennten Wege ebenso ihren Platz haben wie die verbindenden Elemente der doppelten deutschen Nachkriegsgeschichte.


Fußnoten

31.
So Karl Dietrich Erdmann, Drei Staaten - zwei Nationen - ein Volk? Überlegungen zu einer deutschen Geschichte seit der Teilung, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 36 (1985), S. 682.
32.
Vgl. dazu auf der Basis von west- und ostdeutschen Quellen jüngst William Glenn Gray, Germany's Cold War. The Global Campaign to Isolate East Germany, 1949 - 1969, Chapel Hill-London 2004.
33.
Vgl. dazu Annette Weinke, Die Verfolgung von NS-Tätern im geteilten Deutschland - Vergangenheitsbewältigungen 1949 - 1969 oder: Eine deutsch-deutsche Beziehungsgeschichte im Kalten Krieg, Paderborn 2002; Hermann Wentker, Die juristische Ahndung von NS-Verbrechen in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR, in: Kritische Justiz, 35 (2002), S. 60 - 78.
34.
Vgl. Dierk Hoffmann, Sozialistische Rentenreform? Die Debatte um die Verbesserung der Altersversorgung in der DDR 1956/57, in: Stefan Fisch/Ulrike Haerendel (Hrsg.), Geschichte und Gegenwart der Rentenversicherung in Deutschland. Beiträge zur Entstehung, Entwicklung und vergleichenden Einordnung der Alterssicherung im Sozialstaat, Berlin 2000, S. 293 - 309.
35.
Vgl. dazu Hermann Wentker, Die gesamtdeutsche Systemkonkurrenz und die durchlässige innerdeutsche Grenze. Herausforderung und Aktionsrahmen für die DDR in den fünfziger Jahren, in: D. Hoffmann u.a. (Anm. 20), S. 65 - 69.
36.
Es handelt sich um ein im Wesentlichen von Peter Skyba und Michael Schwartz konzipiertes Projekt.