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5.1.2005 | Von:
Alexander Gallus

Biographik und Zeitgeschichte

Britische und deutsche Erfahrungen

Es mag an der "Nicht-Staatskultur" (Karl Rohe) Großbritanniens und einem dort stark personalisierten Verständnis von Politik liegen, dass sich hier selbst politikwissenschaftliche Studien stärker als andernorts politischen Akteuren widmen und sich das biographische Genre überaus großer Beliebtheit erfreut. Die britische Forschung hat nicht nurbedeutende Einzelbiographien hervorgebracht, sondern zu einem wesentlichen Teil auch den Boden für eine kollektive Biographik bereitet. Auf diese Traditionslinien verweist Lawrence Stone, dessen einflussreiche Studie "An Open Elite?"[19] über die Möglichkeiten und Grenzen des Austauschs zwischen adligen und bürgerlichen Eliten auf dem kollektivbiographischen Ansatz beruht. Im Jahr 1971 setzte er sich in der Zeitschrift "Daedalus" unter dem Titel "Prosopography" grundsätzlich mit dieser Methode auseinander, berichtete von "englischen Erfahrungen" und Anwendungsfällen und zeichnete den Weg nach, auf dem sich die Prosopographie (griechisch prosopon, Gesicht, Maske, Rolle, Person) "zu einer der wertvollsten und gebräuchlichsten Methoden der Geschichtsforschung" entwickelt hat.[20] Stone verwendet die Begriffe Prosopographie, Sammel- oder Kollektivbiographie synonym.

"Prosopographie", so seine Definition, "bezeichnet die Untersuchung der allgemeinen Merkmale des Werdegangs einer Gruppe von handelnden Personen der Geschichte durch ein zusammenfassendes Studium ihrer Lebensläufe." Diese Merkmale werden etwa durch Fragen nach Geburt und Tod, Heirat und Familie, sozialer Herkunft, wirtschaftlicher Stellung, Wohnsitz, Ausbildung, Berufserfahrung oder Religion näher bestimmt und erörtert. Die Prosopographie oder Kollektivbiographie beabsichtigt nach Stone zweierlei: Erstens untersucht sie die Sozialprofile und -strukturen spezifischer Gruppen im zeitlichen Wandel; zweitens möchte sie - und dies ist der diffizilere, empirisch schwerer zu belegende Teil - die "Wurzeln einer politischen Handlung", so gut es geht, freilegen: "Die Aufdeckung der eigentlichen Interessen, von denen man annimmt, dass sie sich hinter politischer Rhetorik verbergen; es betrifft die Analyse der sozialen und wirtschaftlichen Affiliationen politischer Gruppierungen, die Aufdeckung der Funktionsweise eines politischen Apparates und die Identifizierung jener, die die Hebel bedienen." Stone erinnert zu Recht daran, dass die kollektivbiographische Methode ursprünglich als "Hilfsmittel zur Erforschung der politischen Geschichte eingeführt" und erst später von den Sozialhistorikern entdeckt und gleichsam vereinnahmt worden ist.[21] Der politikgeschichtliche Ursprung gelte insbesondere für die von ihm so benannte Eliten-Schule der Prosopographie, die sich vorwiegend mit der Beschaffenheit der jeweils herrschenden politischen Klasse und den Beziehungen innerhalb dieser befasst. Davon unterscheidet Stone die Massen-Schule, die sich vor allem mit den Angehörigen der breiten Volksschichten beschäftigt. Sie ist notgedrungen stärker statistisch ausgerichtet und meist auf Stichprobenverfahren angewiesen.

Das Aufblühen der Prosopographie in Großbritannien während der zwanziger und dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erklärt Stone mit einer Krise der Geschichtswissenschaft. Diese sei ganz auf institutionen-, verwaltungs-, verfassungs- und diplomatiegeschichtliche Fragestellungen orientiert gewesen oder habe sich auf die Lebensläufe einzelner "Großer" konzentriert, ohne deren Wirtschafts- und Machtinteressen freizulegen - in Stones Worten: ohne "die wahren Ziele hinter der Nebelwand politischer Rhetorik zu enthüllen"[22]. Auch betont er den Einfluss behavioristischer Theorien auf die Geschichtsschreibung. Hinzu kam ein außerwissenschaftlicher Aspekt, nämlich ein deutlich spürbarer "Vertrauensverfall hinsichtlich der Integrität der Politiker und der abnehmende Glaube an die Bedeutung von Verfassungen"[23] in der Zeit zwischen den Weltkriegen.

Es ist bislang nicht systematisch untersucht worden, inwieweit sich die "britischen Erfahrungen" auf die deutsche Geschichtswissenschaft ausgewirkt haben. Auffällig ist indes eine Parallele: Auch die deutsche Schule der kollektiven Biographik bildete sich in einer Zeit heraus, die eine Krise der Geschichtswissenschaft erlebte.[24] Zumindest mochte es den Zeitgenossen so erscheinen. In den siebziger Jahren entbrannte innerhalb der deutschen Historikerschaft ein heftiger Streit über das Selbstverständnis des Fachs - nach Golo Manns ein wenig dramatisierender Darstellung war die Zunft während jener Zeit "in heller Auflösung" begriffen.[25] Damals sah sich die an der klassischen historischen Hermeneutik oder Verstehenslehre orientierte Tradition einer erstarkenden, gleichermaßen theoriegeleiteten wie strukturanalytischen Richtung gegenüber, die sich zunehmend sozialwissenschaftlicher Methoden bediente.

Die Durchsetzung des sozialhistorischen Paradigmas trug wesentlich zu Entwicklung und Erfolg der kollektiven Biographik in Deutschland bei. Allerdings verstand sie sich von Anfang an als eine Chance zur Überwindung des alten Methodenstreits, indem sie eine "doppelte Erkenntnisrichtung" verfolgt: "Kollektive Biographie lässt einerseits Rückschlüsse auf das Typische, das Allgemeine zu, d.h. auf allgemeinere gesellschaftliche Aggregate oder auf die Gesamtgesellschaft - und dies ist zweifellos die eindeutig dominierende Erkenntnisrichtung in der Forschungspraxis. Andererseits lässt kollektive Biographie auch den Rekurs auf das Untypische, das Abweichende, das Individuelle zu, d.h. auf kleinere gesellschaftliche Aggregate oder auf den individuellen Lebenslauf selbst."[26] Schon Stone hatte betont, dass sich bei der prosopographischen Methode die "Konzentration auf das wichtige Detail und den Einzelfall mit der Vorliebe des Sozialwissenschaftlers für Statistik und Theorie verbinden"[27] lasse und qualitative mit quantitativen Methoden miteinander in Einklang gebracht werden könnten.

Jede Kollektivbiographie zielt mittels des Vergleichs der einzelnen Mitglieder auf die Herausarbeitung von Regelmäßigkeiten, schließlich auf eine Typisierung und Klassifikation der Resultate. So gestaltete sich als Ergebnis einer Studie über die 213 SPD-Angehörigen von Reichs- und Länderregierungen während der Weimarer Republik der "typische" Lebenslauf folgendermaßen: "Als sozialdemokratischer Minister im Reich/in den Ländern der Weimarer Republik wurde danach am ehesten berufen, wer männlich, evangelisch (aber zeitweise dissident), 47 Jahre, gelernter Arbeiter, langjährig Reichs- und/oder Landtagsabgeordneter/Fraktionsführer war und in Preußen (Reichsminister) bzw. im jeweiligen Bundesland (Landesminister) wohnte."[28] Dies seien freilich nur Elemente eines von verschiedenen denkbaren typischen (Teil-)Lebensläufen, mithin als Idealtyp und analytisches Mittel aufzufassen; schließlich seidie als "typisch" erkannte Merkmalskombination nicht "immer in reiner Form in der sozialen Wirklichkeit zu finden"[29].

Seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre beschäftigt sich das Zentrum für Historische Sozialforschung in Köln mit der theoretischen Fortentwicklung der kollektiven Biographik und ihrer Anwendung in der Praxis. Ganz überwiegend widmen sich die verschiedenen Projekte der Analyse parlamentarischer Führungsgruppen in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Themen lauten: "Struktur und Wandel parlamentarischer Führungsgruppen in Deutschland 1848 - 1953"; "Biographisches Handbuch der sozialdemokratischen Parlamentarier in den deutschen Reichs- und Landtagen 1867 - 1933"; "Biographisches Handbuch der Abgeordneten deutscher Nationalparlamente 1848 - 1933"; "Lebensschicksale der ehemaligen Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik ab 1933"; "Die Rekrutierung der politischen Klasse in der Bundesrepublik Deutschland" sowie "Kollektive Biographie der Landtagsabgeordneten der Weimarer Republik 1918 - 1933".[30]

Gerade die Verknüpfung von biographischer Lexikographik und kollektiver Biographik[31] brachte mehrere wertvolle Resultate hervor. Es erschienen (jeweils in Kooperation mit der Bonner Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien) Bände mit Informationen zu jedem einzelnen Abgeordneten oder Delegierten hinsichtlich festgelegter Merkmale oder Variablen und mehr oder minder ausführliche gruppenbiographische Analysen.[32]

Mittlerweile existiert auch außerhalb des Kölner Mekkas der deutschen Kollektivbiographen eine Reihe deutscher Erfahrungen mit der Kollektivbiographik: So haben Gerd Meyer und Eberhard Schneider die Macht- bzw. Funktionselite der DDR prosopographisch analysiert.[33] Thomas Welskopp hat das Führungspersonal sozialdemokratischer Organisationen zwischen Vormärz und Sozialistengesetz[34] unter die Lupe genommen, Thomas Weiser die sozialdemokratischen und kommunistischen Parteifunktionäre in der Tschechoslowakei in den Jahren zwischen 1918 und 1938.[35] Karin Orth hat das Führungspersonal der nationalsozialistischen Konzentrationslager systematisch untersucht[36] und Michael Wildt über zweihundert Biographien von Angehörigen des Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes ausgewertet.[37]


Fußnoten

19.
Lawrence Stone (zus. mit Jeanne C. Fawtier Stone), An Open Elite? England 1540 - 1880, Oxford 1984.
20.
Ders., Prosopography, in: Daedalus, 100 (1971), S. 46 - 79; hier nach der gekürzten deutschen Fassung: ders., Prosopographie - englische Erfahrungen, in: Konrad H. Jarausch (Hrsg.), Quantifizierung in der Geschichtswissenschaft, Düsseldorf 1976, S. 64; vgl. auch Diana K. Jones, Researching Groups of Lives. A Collective Biographical Perspective on the Protestant Ethic Debate, in: Qualitative Research, 1 (2001) 3.
21.
L. Stone, Prosopographie (ebd.), S. 64f.
22.
Ebd., S. 71.
23.
Ebd., S. 72.
24.
Vgl. etwa die zusammenfassende Darstellung von Günter Birtsch, Tendenzen der deutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, in: Oswald Hauser (Hrsg.), Geschichte und Geschichtsbewusstsein. 19 Vorträge, Göttingen-Zürich 1981, S. 150 - 166; einen weiten Bogen schlägt Lutz Raphael, Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart, München 2003; bezogen auf die biographische Methode siehe auch Olaf Hähner, Historische Biographik. Die Entwicklung einer geschichtswissenschaftlichen Darstellungsform von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1999, S. 4 - 8.
25.
Zit. nach G. Birtsch (Anm. 24), S. 157.
26.
Wilhelm Heinz Schröder, Kollektive Biographien in der historischen Sozialforschung: Eine Einführung, in: ders. (Hrsg.), Lebenslauf und Gesellschaft. Zum Einsatz von kollektiven Biographien in der historischen Sozialforschung, Stuttgart 1985, S. 9.
27.
L. Stone, Prosopographie (Anm. 20), S. 92f.
28.
Wilhelm Heinz Schröder, "Genosse Herr Minister": Sozialdemokraten in den Reichs- und Länderregierungen der Weimarer Republik 1918/19 - 1933, in: Historical Social Research, 26 (2001) 4, S. 79.
29.
Ebd., S. 45.
30.
Vgl. die Bilanz: Wilhelm Heinz Schröder/Wilhelm Weege/Martina Zech, Historische Parlamentarismus-, Eliten- und Biographieforschung. Forschung und Service am Zentrum für Historische Sozialforschung, Köln 2000.
31.
Vgl. Wilhelm Heinz Schröder, Lebenslaufforschung zwischen biographischer Lexikographik und kollektiver Biographik: Überlegungen zu einem "Biographischen Handbuch der Parlamentarier in den deutschen Reichs- und Landtagen bis 1933" (BIOPARL), in: Historical Social Research, (1984) 31, S. 38 - 62.
32.
Vgl. ders., Sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete und Reichstagskandidaten 1898 - 1918. Biographisch-statistisches Handbuch, Düsseldorf 1986; Martin Schumacher (Hrsg.), M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933 - 1945. Eine biographische Dokumentation. 3., erheblich erw. und überarb. Aufl., Düsseldorf 1994; Wilhelm Heinz Schröder, Sozialdemokratische Parlamentarier in den deutschen Reichs- und Landtagen 1867 - 1933. Biographien, Chronik, Wahldokumentation. Ein Handbuch, Düsseldorf 1995; Sabine Roß (Hrsg.), Biographisches Handbuch der Delegierten der Reichsrätekongresse 1918/1919, Düsseldorf 2000, sowie die separat erschienene kollektivbiographische Analyse von ders., Politische Partizipation und nationaler Räteparlamentarismus. Determinanten des politischen Handelns der Delegierten zu den Reichsrätekongressen 1918/1919. Eine Kollektivbiographie, Köln 1999; Statisten in Uniform. Die Mitglieder des Reichstags 1933 - 1945. Ein biographisches Handbuch. Unter Einbeziehung der völkischen und nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten ab Mai 1924, bearb. von Joachim Lilla unter Mitarbeit von Martin Döring und Andreas Schulz, Düsseldorf 2004; siehe auch die kollektivbiographischen Studien von Heinrich Best, Die Männer von Bildung und Besitz. Struktur und Handeln parlamentarischer Führungsgruppen in Deutschland und Frankreich 1848/49, Düsseldorf 1990, sowie Hartwin Spenkuch, Das Preußische Herrenhaus. Adel und Bürgertum in der ersten Kammer des Landtags 1854 - 1918, Düsseldorf 1998.
33.
Vgl. Gerd Meyer, Die DDR-Machtelite in der Ära Honecker, Tübingen 1991; Eberhard Schneider, Die politische Funktionselite der DDR. Eine empirische Studie zur SED-Nomenklatura, Opladen 1994; siehe auch schon Peter Christian Ludz, Parteielite im Wandel. Funktionsaufbau, Sozialstruktur und Ideologie der SED-Führung. Eine empirisch-systematische Untersuchung, Köln-Opladen 1968; siehe als sowjetisches Pendant Evan Mawdsley/Stephen White, The Soviet Elite from Lenin to Gorbachev. The Central Committee and its Members, 1917 - 1991, New York 2000.
34.
Vgl. T. Welskopp (Anm. 18).
35.
Vgl. Thomas Weiser, Arbeiterführer in der Tschechoslowakei. Eine Kollektivbiographie sozialdemokratischer und kommunistischer Parteifunktionäre 1918 - 1938, München 1998.
36.
Vgl. Karin Orth, Die Konzentrationslager-SS. Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien, Göttingen 2000.
37.
Vgl. M. Wildt (Anm. 18). Dabei kann er sich u.a. auf die Vorarbeiten von Jens Banach, Heydrichs Elite. Das Führungskorps der Sicherheitspolizei und des SD 1936 - 1945, Paderborn u.a. 1998 stützen. Kollektive Biographien finden sich auch bei Gerhard Hirschfeld/Tobias Jersak (Hrsg.), Karrieren im Nationalsozialismus. Funktionseliten zwischen Mitwirkung und Distanz, Frankfurt/M. 2004.