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5.1.2005 | Von:
Alexander Gallus

Biographik und Zeitgeschichte

Leistungen und Kritik

Die britischen und die deutschen Erfahrungen belegen, dass es sich bei der Kollektivbiographie oder Prosopographie inzwischen um eine mündig gewordene und vielfach angewandte Methode handelt. Stone konstatierte bereits vor über dreißig Jahren: "Sie hat die Torheiten und Ausschweifungen ihrer Jugend überwunden und beginnt, die alltägliche Routinearbeit der ersten Jahre des verantwortungsvollen mittleren Altersabschnittes aufzunehmen."[38] Das hier nur angedeutete Spektrum der Anwendungen zeigt, dass die Methode zur Erforschung von politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Führungsgruppen oder auch von Massenphänomenen verschiedener Epochen und politischer Systeme - ob demokratisch oder diktatorisch - geeignet ist.

Die kollektive Biographik nimmt dabei in mehrfacher Hinsicht eine Mittlerposition ein. Sie erfüllt gleichsam eine Brückenfunktion zwischen verschiedenen Disziplinen, nicht zuletzt zwischen der politikwissenschaftlichen Elitenforschung, der soziologischen Lebenslaufforschung und der geschichtswissenschaftlichen Biographieforschung. Innerhalb der Zeitgeschichtsforschung steht die kollektive Biographik zwar den Prämissen einer historischen Sozialwissenschaft besonders nahe, stellt aber zugleich vielfältige Anknüpfungspunkte zur Politikgeschichte her und bewegt sich zwischen qualitativen und quantitativen Forschungsansätzen. Sie ermöglicht nicht nur die Typisierung des Individuellen, sondern auch die Individualisierung des Typischen. Gerade im Falle von Elitestudien bietet es sich an, ja ist es zum Teil geboten, die prosopographisch gewonnenen Daten und die "typischen" Lebensläufe mit einzelnen "exemplarischen" Fallstudien zu vergleichen,[39] auch um dem Eindruck entgegenzuwirken, eine Form von statistischen Gespenstern zu erzeugen, die mit der historischen Realität wenig zu tun haben.

Es besteht mithin eine doppelte Gefahr: Erstens drohen die abweichenden Stimmen nicht genügend zur Geltung zu kommen und individuelle Ausprägungen in der Masse der Kollektivdaten unterbewertet oder gänzlich übersehen zu werden. Zweitens - und eng damit zusammenhängend - birgt die Reduktion auf biographische Kerndaten (zu festgelegten und kodierten Variablen) das Risiko, das Ziel der Biographik - zumindest der individuellen - zu verfehlen, nämlich Charaktere zu erfassen und zu verstehen. Kollektivbiographie ohne Fallstudien, gleichsam als Sicherheitsmechanismus, erscheint als ein wenig fruchtbares Unternehmen, und bei einer sehr geringen Gleichförmigkeit der Lebensläufe eines Kollektivs dürfte die Anwendbarkeit der Methode mehr als fragwürdig erscheinen.

Ohne Zweifel zählt aber zu den großen Leistungen der Prosopographie die vergleichende Analyse von Sozialprofilen und -strukturen. Kollektivbiographie reduziert auf eine Soziographie[40] erfährt denn auch wenig Kritik, vorausgesetzt, sie gelangt über eine bloße Materialanhäufung hinaus. Der Argwohn setzt meist dort an, wo derartige Daten als "objektiver" Ausdruck einer klaren Interessenlage angesehen und Handlungen auf ein entsprechendes Interessenkalkül zurückgeführt werden.[41] Damit einher geht nicht selten die wissenschaftliche Vernachlässigung institutioneller Rahmenbedingungen. Es ist allzu einfach, wenn auch durchaus reizvoll, das einzelne Kollektivmitglied auf einen homo oeconomicus zu beschränken und Interpretationen gemäß der Doktrin, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, anzustellen. Lassen sich mittels der Auswertung einer gewissen Zahl von biographischen Kerndaten bestimmte Verhaltensweisen wirklich treffend erklären? Der Gefahr und den Verlockungen eines solchen Reduktionismus muss sich jeder, der kollektivbiographisch arbeitet, bewusst bleiben. Menschliches Handeln lässt sich schließlich kaum auf eine einzige Triebfeder zurückführen, sondern unterliegt unterschiedlichen und wechselseitigen Einflüssen, die selbst der Individualbiograph für den einzelnen Protagonisten nicht immer erfolgreich entwirren kann.

Schon Stone nannte es eine "große intellektuelle Schwäche der Prosopographen", dass sie nur eine "relativ geringe Bereitschaft" besäßen, "den Ideen, Vorurteilen, Leidenschaften, Ideologien, Idealen und Grundsätzen in ihrer Geschichtsperspektive einen Platz einzuräumen".[42] Dies zu berücksichtigen macht indes nicht zuletzt den Reiz von Einzelbiographien aus, die so auch die Chance besitzen, über fachwissenschaftliche Zirkel hinaus Aufmerksamkeit zu erzielen, und die als eine besonders geeignete Darstellungsform erscheinen, um Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit einander anzunähern. Auch wenn sich nur die wenigsten der prosopographischen Werke aus einer Suada von Kodewörtern zusammensetzen und aus ihnen meist weit mehr als das "tote Klappern unverarbeiteter Statistiken"[43] herauszuhören ist, so fehlt ihnen doch oft jener Anteil an Poesie, den der französische Historiker Marc Bloch für jede Art der Geschichtsschreibung, einer wirklichen écriture historique, nachdrücklich reklamierte. Ein kollektivbiographisches Verlangen ist daher vorerst kaum zu erwarten.


Fußnoten

38.
L. Stone, Prosopographie (Anm. 20), S. 89.
39.
In vorbildlicher Weise geschieht dies bei M. Wildt (Anm. 18).
40.
Vgl. Udo Kempf, Die Regierungsmitglieder als soziale Gruppe, in: ders./Hans-Georg Merz (Hrsg.), Kanzler und Minister 1949 - 1998. Biografisches Lexikon der deutschen Bundesregierungen, Wiesbaden 2001, S. 7 - 35.
41.
Vgl. Dietmar Rothermund, Geschichte als Prozess und Aussage. Eine Einführung in Theorien des historischen Wandels und der Geschichtsschreibung, München 19952, S. 137 - 142.
42.
L. Stone, Prosopographie (Anm. 20), S. 82.
43.
J. C. Fest (Anm. 5), S. 253.