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8.12.2006 | Von:
Juliana Ströbele-Gregor

Indigene Emanzipations-
Bewegungen in Lateinamerika

Politischer Gehalt der Begriffe Indio und Indígena

Die Verwendung dieser Begriffe differiert mittlerweile von Staat zu Staat, teilweise auch innerhalb eines Staates. Im Bewusstsein der als Indio bezeichneten Akteure ist der abwertende, rassistische Gehalt des Begriffes fest verankert. Doch während die einen diesen Begriff zum Kampfbegriff ummünzen, sogar Parteien mit dem Zusatz "Partido Indio" gründen, lehnen andere ihn strikt ab. Hier zeigen sich Differenzen, die nicht nur ein Streit um Worte sind. Die indigenen Akteure haben durchaus keine einheitliche politische Position und kein gemeinsames Selbstverständnis. Gleichwohl ist mittlerweile Indígena eine Selbstbezeichnung im politischen Diskurs geworden, die eine doppelte Funktion hat. Sie drückt sowohl die sozialen und kulturellen Gemeinsamkeiten gegenüber europäischstämmigen und mestizischen Machtgruppen aus als auch die Ablehnung des auf Assimilation zielenden Modells eines homogenen Nationalstaats. Die Konstruktion eines neuen politischen Subjekts, das sich als Indígena (z.B. Guatemala, Brasilien), als Pueblo Originario (Ureinwohner, Bolivien) oder Nacionalidad Indígena (Ecuador) bezeichnet, entsteht im Zusammenhang mit spezifischen gesellschaftlichen Prozessen im jeweiligen Land. Der Umstand, dass sich der Begriff Indígena in internationalen Debatten und internationalen Institutionen - Vereinte Nationen, Weltbank, Internationale Arbeitsorganisation etc. - durchgesetzt hat, verstärkt seine Bedeutung in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auf nationaler Ebene.